Der Gotenkrieg der Jahre 535 bis 554, mit Nachwirkungen bis 562, gehört zu den folgenreichsten militärischen Unternehmungen der Spätantike. In diesem langen und blutigen Krieg trat das Oströmische Reich unter Kaiser Justinian I. gegen das Ostgotenreich in Italien an, mit dem Ziel, die alte Mittelmeerwelt unter einem Kaiserzepter wiederherzustellen. Das Ergebnis war ein Pyrrhussieg, der Italien verwüstete und das Ostgotenreich vernichtete, aber das Land zugleich so tiefgreifend entvölkerte und verarmte, dass es zum leichten Ziel für die nachfolgenden Langobarden wurde.
Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches 476 hatte Odoaker in Italien eine eigene Herrschaft errichtet, die jedoch bereits 493 von den Ostgoten unter Theoderich dem Großen gewaltsam beendet wurde. Das Oströmische Reich hatte diese Verhältnisse 497 faktisch anerkannt, denn die Ostgoten ließen die spätantiken Strukturen Italiens weitgehend unangetastet und erkannten Ostrom formal als Suzerain an. Theoderich herrschte mit außerordentlichem Geschick über ein gemischtes Bevölkerungsvolk aus Goten und Römern und machte Ravenna zu einem Zentrum spätantiker Kultur.
Kaiser Justinian I., der 527 in Konstantinopel die Herrschaft antrat, verfolgte eine klare Vision: die Restauratio imperii, die Wiederherstellung des alten Römischen Reiches in seinen klassischen Grenzen. Diese Vision erhielt konkrete Gestalt, als der oströmische Feldherr Belisar 533 das Vandalenreich in Nordafrika in einem erstaunlich kurzen Feldzug von wenigen Monaten zerschlug und dem Oströmischen Reich einverleibte. Dieser Erfolg schien zu belegen, dass die Rückeroberung der verlorenen Gebiete möglich war, und Justinian richtete seinen Blick auf Italien.
Das Ostgotenreich bot ihm bald einen willkommenen Anlass. Theoderich war 526 gestorben und hatte sein Reich seinem minderjährigen Enkel Athalarich hinterlassen, der unter der Regentschaft seiner Mutter Amalasuntha stand. Diese war gegenüber Ostrom aufgeschlossen; 533 hatten oströmische Truppen sogar ostgotische Häfen auf Sizilien als Basen für den Vandalenfeldzug genutzt. Nach Athalarichs Tod 534 teilte sich Amalasuntha die Herrschaft mit ihrem Vetter Theodahad, und diese Rivalität eskalierte 535, als Theodahad Amalasuntha gefangensetzen und am 30. April ermorden ließ. Justinian nutzte diesen Mord als Vorwand für den Einmarsch in Italien.
Im Jahr 535 ließ der Kaiser seine Feldherren an zwei Fronten gleichzeitig angreifen. An der Landgrenze in Illyrien kam der Feldherr Mundus nur langsam voran und konnte lediglich Salona einnehmen. Die entscheidende Rolle spielte Belisar, der mit einer Elitetruppe von zunächst 7.500 Mann, die durch weitere Verbände verstärkt wurde, rasch Sizilien in Besitz nahm und kurz darauf bei Rhegium landete. Die oströmischen Kräfte rückten mit verblüffender Geschwindigkeit vor, nahmen Neapel nach heftigen Kämpfen und standen bald vor Rom. Am 9. Dezember 536 zog Belisar in die ewige Stadt ein, ohne größeren Widerstand zu treffen.
Diese Katastrophe kostete den gotischen König Theodahad seinen Thron. Die Ostgoten machten ihn für das Desaster verantwortlich, stürzten ihn und setzten den erfahrenen Krieger Witichis, auch Witigis oder Wittiges genannt, an seine Stelle. Witichis ließ seinen Vorgänger töten und sicherte seine Legitimität durch die Heirat mit Matasuentha, einer Tochter der Amalasuntha aus dem amalischen Königshaus. Dann sammelte er seine Kräfte für einen Gegenschlag.
Witichis versuchte zunächst, die Franken als Verbündete zu gewinnen, musste dafür aber wichtige Gebiete in Norditalien abtreten. Dann schloss er Belisar mit einer großen Armee in Rom ein und belagerte die Stadt über ein Jahr lang. Belisar hielt Rom mit großer Standhaftigkeit und nutzte oströmische Überlegenheit zur See, um die Stadt zu versorgen und die Belagerer zu zermürben. 538 hob Witichis die Belagerung auf. Oströmische Verstärkungen ermöglichten weitere Vorstöße, und 540 kapitulierte Witichis in Ravenna, der letzten gotischen Hauptstadt, und geriet in Gefangenschaft.
Doch der Krieg war damit nicht beendet, sondern trat in eine noch härtere Phase. 541 wählten die verbliebenen Goten Totila zu ihrem neuen König, einem militärisch hochbegabten und politisch klugen Führer, der die oströmischen Kräfte in Italien in die Defensive zwang, weite Teile der Halbinsel zurückeroberte und sogar zweimal Rom einnahm. Justinian musste seinen besten Feldherrn Narses mit einem neuen Heer nach Italien entsenden. In der entscheidenden Schlacht von Busta Gallorum 552 fiel Totila, und sein Nachfolger Teja verlor 553 die letzte große Feldschlacht am Fuß des Vesuvs. Das Ostgotenreich war vernichtet.
Die Folgen dieses zwanzig Jahre dauernden Krieges für Italien waren verheerend. Die Bevölkerung hatte durch Kampfhandlungen, Seuchen und Hungersnöte drastisch abgenommen; ganze Städte lagen in Trümmern. Das Justinianische Oströmische Reich, das Italien nun regierte, war durch den langen Krieg ausgeblutet und konnte keine effektive Verteidigung der Halbinsel aufrechterhalten. Bereits 568, nur wenige Jahre nach dem Ende des Gotenkrieges, drangen die Langobarden in das geschwächte Italien ein und errichteten eine Herrschaft, die Jahrhunderte dauern sollte. Das war das eigentliche Erbe von Justinians ambitionierter Restauratio imperii: ein zerstörtes Land, das der nächsten Invasion schutzlos ausgeliefert war.


