In den 1860er Jahren versank ein kleines Binnenland Südamerikas in einem Krieg, der seine Bevölkerung nahezu auslöschte. Der Tripel-Allianz-Krieg, der von 1864 bis 1870 dauerte, ist der blutigste bewaffnete Konflikt in der lateinamerikanischen Geschichte. Paraguay, unter der Herrschaft des Diktators Francisco Solano López, stand allein gegen die verbündeten Streitkräfte Argentiniens, Brasiliens und Uruguays.
Die Wurzeln des Konflikts liegen in der politischen Instabilität Uruguays. Im April 1863 entfachte Venancio Flores, Anführer der liberalen Colorados, einen Aufstand gegen die konservative Blanco-Regierung. Dabei konnte er auf die Unterstützung Brasiliens und Argentiniens zählen. Die bedrängten Blancos wandten sich an Paraguay um Hilfe. Paraguay war zu dieser Zeit für ein südamerikanisches Land des 19. Jahrhunderts bemerkenswert stark: Es verfügte über ein gut ausgebildetes Heer und eine vergleichsweise fortschrittliche Wirtschaft.
Seit 1862 regierte López das Land mit eiserner Hand. Er sah das regionale Kräftegleichgewicht durch den brasilianischen Einfluss in Uruguay gefährdet und fürchtete, dass ein Erfolg der brasilianisch-argentinischen Koalition in Uruguay auch seine eigene Herrschaft bedrohen könnte. Am 30. August 1864 forderte López Brasilien ultimativ auf, seine Einmischung in Uruguay zu beenden, und machte klar, dass eine Besetzung uruguayischen Territoriums durch brasilianische Truppen als Kriegsgrund betrachtet würde.
Als Brasilien im Oktober 1864 dennoch mit der Blockade Montevideos und der Anlandung von Truppen begann, reagierte López umgehend. Im November 1864 ließ er das brasilianische Schiff Marquêz de Olinda auf dem Río Paraguay beschlagnahmen, die Besatzung und den an Bord befindlichen Gouverneur der Provinz Mato Grosso gefangen setzen. Am 13. Dezember 1864 erklärte Paraguay Brasilien den Krieg.
Paraguayische Truppen unter Vicente Barrios und Francisco Isidoro Resquin drangen noch im selben Monat in den Mato Grosso ein und stießen auf geringen Widerstand. Das kleine Fort von Nova Coimbra wurde eingenommen, im Januar 1865 folgte Corumbá. Der Krieg schien zunächst zugunsten Paraguays zu verlaufen. Doch López überschätzte seine Kraft und die internationale Unterstützung, auf die er hoffen durfte.
Am 1. Mai 1865 wurde in einem Geheimvertrag die Tripel-Allianz geschlossen: Brasilien, Argentinien und Uruguay vereinten sich gegen Paraguay. Diese Allianz hielt bis zum Kriegsende 1870. Frankreich und Großbritannien unterstützten die Alliierten dabei mittelbar, da sie wie Spanien den amerikanischen Bürgerkrieg als Gelegenheit zu neuen Einflüssen in Amerika betrachteten. Paraguay war nun vollständig isoliert.
Trotz seiner militärischen Unterlegenheit kämpfte López mit extremer Hartnäckigkeit weiter. Als das Blatt sich eindeutig gegen Paraguay wendete, verweigerte er konsequent die Kapitulation. Der Krieg zog sich über sechs Jahre hin. Paraguayische Soldaten kämpften bis zum äußersten, gegen Ende des Krieges auch Kinder und alte Männer. López selbst fiel am 1. März 1870 in einer Schlucht beim Fluss Aquidabán, umzingelt von brasilianischen Truppen, und soll die Worte gesprochen haben, er sterbe für sein Vaterland.
Die Verwüstungen des Krieges für Paraguay sind kaum in Worte zu fassen. Schätzungen zufolge kamen zwischen sechzig und achtzig Prozent der Bevölkerung des Landes im Kampf, durch Hunger oder durch Seuchen ums Leben. Das Land war nahezu entvölkert. Nach dem Krieg standen Frauen und Kinder der überwältigenden Mehrheit der verbliebenen Bevölkerung gegenüber wenigen Überlebenden männlichen Geschlechts. Paraguay benötigte Jahrzehnte, um sich von dieser demografischen Katastrophe zu erholen.
In Europa blieb der Krieg weitgehend unbeachtet, zu weit entfernt und zu wenig eingebunden in die großen Machtkonflikte der Zeit. In Paraguay selbst wird der Konflikt als Großer Krieg bezeichnet und ist ein zentrales Element der nationalen Identität. Die Frage, ob López als Held oder als verantwortungsloser Machtmensch zu bewerten ist, wird in Paraguay bis heute leidenschaftlich diskutiert. Denkmäler, Feiertage und Schulbücher tragen die Erinnerung an diesen verheerenden Krieg in die Gegenwart.
