biografias

Georges I. Gurdjieff

Esoteriker, Schriftsteller, Choreograph, Komponist, Lehrer

6 min01/01/2024
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Georges Ivanovitch Gurdjieff zählte zu den rätselhaftesten und einflussreichsten Gestalten der westlichen Esoterik des 20. Jahrhunderts. Er wurde — so die wahrscheinlichste Angabe — um 1866 in Alexandropol im griechischen Viertel des damaligen Russischen Kaiserreiches geboren, der Stadt, die heute unter dem Namen Gjumri zur Republik Armenien gehört. Schon das Geburtsdatum ist von Unsicherheiten umgeben: Die verschiedenen Pässe, die er im Laufe seines Lebens führte, nennen Daten zwischen dem 1. Januar 1864 und dem 28. Dezember 1877 — ein Umstand, der sowohl administrativen Unregelmäßigkeiten als auch Gurdjieffs eigenem Hang zur Selbststilisierung geschuldet sein dürfte.

Sein Vater, Ioannis Georgiadis, war griechischer Abstammung, ein wohlhabender Viehbesitzer und Aschoch — ein Barde, der mündliche Überlieferungen pflegte. Seine Mutter war Armenierin. Der Familienname durchlief mehrere sprachliche Transformationen: Aus dem armenischen Gjurdschjan wurde im Russischen Gjurdschijew und in der französischen Transkription schließlich Gurdjieff. Als die Viehherden der Familie um 1872 oder 1873 einer Seuche zum Opfer fielen, verarmte der Vater und schlug sich zunächst als Holzhändler durch. 1877 scheiterte auch dieses Unternehmen, und die Familie übersiedelte 1878 in das gerade vom Zarenreich eroberte Kars in der heutigen Türkei.

1883 zog Gurdjieff nach Tiflis und begann jene ausgedehnte Suche nach verborgenen spirituellen Traditionen, die den Kern seines späteren Lebens ausmachen sollte. Jahrzehntelang bereiste er Zentralasien, Nordafrika und Europa, stets auf der Suche nach esoterischen Schulen und Wissensquellen, die er bereits als Kind zu erahnen geglaubt hatte. In seinem teils autobiographischen, teils allegorischen Werk „Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen" schildert er diese Reisen gemeinsam mit einer Gruppe gleichgesinnter „Sucher der Wahrheit" — ob und in welchem Maß diese Erzählungen historisch belegt sind, bleibt bis heute umstritten.

1908 ließ sich Gurdjieff in Taschkent nieder und begann, erstmals öffentlich zu wirken. Ab 1912 leitete er in Moskau und Sankt Petersburg Studiengruppen, in denen die Teilnehmer durch tägliche Übungen ein umfassendes esoterisches Wissen anwenden sollten, um zu einer eigenständigen Entwicklung ihres menschlichen Potenzials zu gelangen. Der Begriff, den er für seinen Ansatz verwandte, war der „Vierte Weg" — jenseits des Weges des Fakirs, des Mönchs und des Yogis. 1915 stieß der Schriftsteller und Philosoph Pjotr Demjanovich Ouspensky zu ihm. Ouspensky wurde bald zum wichtigsten Vermittler von Gurdjieffs Gedankensystem und begann als Erster, darüber zu publizieren.

Die Oktoberrevolution 1917 zwang Gurdjieff und seine Schüler zur Flucht. Über den Kaukasus gelangten sie nach Tiflis, wo er im September 1919 ein erstes Institut gründete. Dieses existierte jedoch nur sieben Monate lang, woraufhin eine deutlich verkleinerte Gruppe Gurdjieff 1920 nach Konstantinopel folgte. Kurze Zeit später erhielt er von Émile Jaques-Dalcroze eine Einladung nach Hellerau bei Dresden, wo dieser eine Bildungsanstalt für Rhythmische Gymnastik betrieb. Gurdjieff machte sich 1921 auf den Weg nach Deutschland, reiste mit einer kleinen Vertrauten-Gruppe per Bahn nach Berlin und ließ sich Ende August im heutigen Ortsteil Schmargendorf nieder. Im November jenes Jahres hielt er dort erste Lesungen ab. Das Vorhaben, ein Institut in Hellerau zu eröffnen, scheiterte jedoch nach langwierigen Verhandlungen — Gurdjieff verlor im Juni 1922 eine Zivilklage.

Den entscheidenden Schritt vollzog er schließlich in Frankreich: Am 1. Oktober 1922 eröffnete er das „Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen" im Schloss Prieuré des Basses-Loges bei Paris. Das Institut zog rasch eine illustre internationale Schar von Künstlern und Intellektuellen an, darunter der Architekt Frank Lloyd Wright, die Schriftstellerin Katherine Mansfield und der Literaturkritiker Alfred Richard Orage. Gurdjieff lehrte dort unter anderem seine sogenannten „Heiligen Tänze" oder „Movements" — komplexe, präzise einstudierte Bewegungsabläufe, die nach seiner Überzeugung dem Erwachen des Bewusstseins dienten. 1923 führte er diese Tänze öffentlich im Théâtre des Champs-Élysées in Paris auf.

Gurdjieff lebte in Paris bis zu seinem Tod am 29. Oktober 1949. Sein Werk umfasst nicht nur die Praxis der Movements, sondern auch eine umfangreiche Schrifttätigkeit und die Komposition von Musikstücken, die er häufig in Zusammenarbeit mit dem russischen Komponisten Thomas de Hartmann schuf. Sein Einfluss auf westliche Esoterik, Psychologie und Selbstentwicklungsbewegungen des 20. Jahrhunderts war enorm: Zahlreiche Schulen und Gruppen weltweit berufen sich noch heute auf seine Lehren. Die Spannung zwischen historisch verifizierbaren Fakten und dem mythischen Selbstbild, das Gurdjieff sorgfältig kultivierte, macht ihn zu einer der faszinierendsten und zugleich schwer greifbaren Figuren seiner Zeit.

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