Elisa Bonaparte gehört zu den faszinierendsten und zugleich unterschätztesten Persönlichkeiten der napoleonischen Epoche. Als älteste Schwester des Kaisers begnügte sie sich nie mit einer rein repräsentativen Rolle, sondern strebte nach echter politischer Macht – und erlangte sie mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit.
Geboren am 3. Januar 1777 in Ajaccio auf Korsika, erhielt Maria Anna Elisa Buonaparte als Tochter von Carlo und Laetitia Buonaparte eine für eine Korsikanerin ungewöhnlich gute Erziehung im Maison Royale de Saint-Louis in Saint-Cyr-l'École, einer der vornehmsten Bildungseinrichtungen Frankreichs. Diese Ausbildung prägte ihren Charakter: intellektuell neugierig, ehrgeizig und von einem ausgeprägten Selbstbewusstsein durchdrungen.
Obwohl zahlreiche Bewerber um ihre Hand anhielten, heiratete Elisa am 1. Mai 1797 Félix Baciocchi, einen verarmten korsischen Adligen im Dienst Napoleons. Die Mitgift belief sich auf 35.000 Franc sowie bescheidene Besitzungen auf Korsika – ein eher schlichter Anfang für eine Frau, die bald über Fürstentümer regieren sollte. Als Napoleon versuchte, das Paar auf die Mittelmeerinsel abzuschieben, setzte Elisa kurzerhand die Versetzung ihres Mannes nach Paris durch. Dort bemühte sie sich als Salonnière um gesellschaftlichen Einfluss und zog nach dem politischen Aufstieg ihres Bruders bedeutende Persönlichkeiten aus Literatur und Kunst in ihren Kreis, darunter den Maler Jacques-Louis David.
Nach der Ausrufung des Kaiserreichs erhielten mehrere weibliche Mitglieder der Bonaparte-Familie den Rang von Prinzessinnen – Elisa und Caroline wurden zunächst übergangen. Die beiden Schwestern machten Napoleon daraufhin eine Szene, und er gab nach: Er erklärte sie zu kaiserlichen Hoheiten. Félix Baciocchi wurde Senator, Carolines Mann Joachim Murat zum Großherzog von Berg ernannt. Elisa und ihr Mann erhielten je 240.000 Franc – doch Elisa reichte das nicht. Durch beharrliches Drängen brachte sie Napoleon dazu, sie zur Fürstin von Piombino zu ernennen, und nach weiteren Intrigen setzte sie auch die Erhebung ihres Mannes zum Fürsten von Lucca durch. De facto war es jedoch sie, die herrschte.
In Lucca entfaltete Elisa eine beeindruckende Regierungstätigkeit. Sie bezog den Palazzo Ducale, den sie im Empirestil ausstatten ließ, und ließ ein Theater, ein Bad und ein Spielkasino errichten. Das Kasino erwirtschaftete hohe Einnahmen, bevor Napoleon seine Schließung anordnete. Ihre wirtschaftspolitischen Maßnahmen waren weitreichend: Sie ließ Straßen bauen, Sümpfe trockenlegen und bekämpfte das Brigantenwesen. Sie führte die Seidenraupenzucht ein, reformierte Justiz und Polizei und steigerte ihre eigenen Einnahmen durch den Erwerb einer Alaungrube sowie die Monopolisierung des Thunfischfangs. Hüttenwerke entstanden, Erzgruben wurden ausgebeutet.
Besondere Aufmerksamkeit verdient ihre kulturpolitische Ader. Die Marmorbrüche in Carrara nutzte sie gewinnbringend, indem sie dort Büsten Napoleons anfertigen ließ, die in den Amtsstuben des gesamten Kaiserreichs verbreitet wurden. Sie gründete in Carrara eine Bildhauerschule und förderte den Geigenvirtuosen Niccolò Paganini, indem sie ihn als Ehrenkapitän und Leiter der Hofkapelle anstellte.
Elisas nächstes Ziel war die Toskana. 1809 gelang ihr dies zumindest teilweise: Napoleon ernannte sie zur Statthalterin der Toskana mit dem persönlichen Titel einer Großherzogin und nahm sie unter die Großwürdenträger des Kaiserreichs auf. Félix Baciocchi wurde General der Truppen in der Toskana. Am 2. April 1809 traf Elisa in Florenz ein und wurde vom einheimischen Adel mit spürbarer Kälte empfangen. Gleichzeitig erschütterte eine Revolte gegen die französische Wehrpflicht die Region, bei der ein Bürgermeister und ein Richter ermordet wurden. Die erhöhten Steuern Napoleons heizten die Spannungen weiter an.
Im Gegensatz zu Lucca, wo Elisa mit gewissem Spielraum hatte regieren können, war sie in der Toskana nun bloße Befehlsempfängerin. Napoleon duldete keinerlei Eigenmächtigkeiten. Sie säkularisierte – wie zuvor in Lucca – Kirchengüter und schloss mehrere Klöster. Im Juli 1809 wurde der auf Napoleons Befehl inhaftierte Papst Pius VII., der den Kaiser exkommuniziert hatte, durch die Toskana nach Frankreich verschleppt; Elisa wagte nicht, ihn bei seiner Übernachtung in Florenz zu empfangen.
Als Napoleons Stern sank, geriet auch Elisas Herrschaft ins Wanken. Mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs verlor sie ihre Stellung. Sie starb am 7. August 1820 in der Villa Vicentina, weit entfernt von den Glanzzeiten, als sie Fürsten empfangen und Provinzen regiert hatte. Ihr Vermächtnis ist das einer Frau, die in einer Zeit, in der politische Macht für Frauen keine vorgesehene Kategorie war, dennoch echte Staatsmacht ausübte – durch Intelligenz, Beharrlichkeit und ein ausgeprägtes Gespür für wirtschaftliche Zusammenhänge.

