Colette von Corbie gehört zu den eindrucksvollsten Gestalten der spätmittelalterlichen Frömmigkeitsbewegung. In einer Zeit kirchlicher Krise und klösterlichen Verfalls wurde sie zur Erneuerin einer Ordenstradition, die von der Ordensgründerin Klara von Assisi mit asketischer Strenge aufgebaut worden war – und die Colette mit ebensolcher Unnachgiebigkeit wiederherstellen sollte.
Sie wurde am 13. Januar 1381 in Corbie im heutigen Nordfrankreich als Nicolette Boilet geboren; ihr Name wird auch als Boellet oder Boylet überliefert. Ihr Vater Robert Boellet arbeitete als Zimmermann beim nahegelegenen Benediktinerkloster – ein bescheidenes Milieu, das der späteren Äbtissin und Ordensgründerin fern von jeglichem weltlichem Glanz war. Zeitgenössische Biographen berichten von einer besonderen Umstand ihrer Geburt: Die Mutter soll bereits sechzig Jahre alt gewesen sein, als sie nach inständigen Gebeten zum heiligen Nikolaus das Kind empfing – eine Erzählung, die das Empfinden der Zeitgenossen von Colettes besonderem Schicksal widerspiegelt.
Nach dem Tod beider Eltern im Jahr 1399 begab sich die junge Nicolette auf einen religiösen Suchweg. Sie wurde zunächst Begine, trat dann den Benediktinerinnen bei und schließlich dem Orden der Klarissen, der von der heiligen Klara von Assisi als franziskanischer Frauenorden gegründet worden war. Was sie dort vorfand, erschütterte sie. Mangelnde Disziplin, ein Erlahmen der monastischen Ideale und eine zunehmende Aufweichung des strengen Armutsgebots, das in der Regel der heiligen Klara festgeschrieben war, standen in krassem Widerspruch zu dem, was Colette als den eigentlichen Auftrag des Ordens verstand.
Mit der Entschlossenheit, die ihr Leben kennzeichnen sollte, wandte sie sich an die höchste Autorität, die ihr erreichbar war: den avignonesischen Papst Benedikt XIII. Von ihm erhielt sie die Erlaubnis, die Klöster des Ordens zu reformieren und sie mit dem Ziel neu zu gründen, die ursprüngliche Strenge der Klosterregeln wiederherzustellen. Dieser päpstliche Auftrag war zugleich eine außerordentliche Vollmacht für eine Frau im fünfzehnten Jahrhundert.
Ihr erster Versuch, die Reform im Kloster von Baume-les-Messieurs durchzusetzen, scheiterte am Widerstand der dort ansässigen Schwestern. Undurchdringliche Reformwiderstände ließen sich nicht von heute auf morgen überwinden, und Colette zog die Konsequenz: 1410 beschloss sie, in Besançon ein vollständig neues Kloster nach ihren Reformregeln zu gründen. Damit begann eine Gründungswelle, die ihresgleichen sucht. Im Laufe ihres Lebens gründete Colette siebzehn Klöster – ein Netz reformierter Häuser, das sich über Frankreich, die Niederlande und die Burgundischen Lande erstreckte.
Die von ihr begründete Gemeinschaft erhielt den Namen Colettinische Klarissen (lateinisch: Ordo Sanctae Clarae reformationis ab Coleta, kurz O.S.C.Col., deutsch auch: Arme Klarissen). Ihr Kern war die kompromisslose Rückkehr zur ursprünglichen Armut, zur strengen Klausur und zur Demut als Grundhaltung des klösterlichen Lebens. Diese Forderungen machten Colette in manchen Häusern unbeliebt, fanden aber bei zahlreichen Schwestern eine tiefe Resonanz.
1447 hielt sich Colette im Kloster von Gent auf, einem der von ihr gegründeten siebzehn Häuser. Dort verstarb sie am 6. März desselben Jahres. Ihr Todestag ist bis heute ihr kirchlicher Gedenktag.
Die Nachwirkungen ihres Wirkens waren dauerhaft. Sie wird als Patronin werdender Mütter und kranker Kinder verehrt. Am 23. Januar 1740 wurde sie durch Papst Clemens XII. seliggesprochen; die Heiligsprechung erfolgte am 24. Mai 1807 durch Papst Pius VII. – dasselbe Pontifikat, das in den Wirren der napoleonischen Zeit stand. Colette von Corbie steht für die Überzeugung, dass institutioneller Verfall nicht hingenommen werden muss – und dass eine einzelne, entschlossene Frau eine ganze Ordenstradition neu ausrichten kann.



