misterios

Dōgen

Japanischer Zen-Meister und Autor

6 min01/01/2024
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Dōgen Zenji gehört zu den bedeutendsten religiösen Denkern, die Japan je hervorgebracht hat. Geboren am 26. Januar 1200 in der Gegend von Kobata, das heute zur Stadt Uji südlich von Kyōto gehört, entstammte er einer der einflussreichsten Familien des Landes. Sein Vater Michichika Koga war ein Nachkomme des Kaisers Murakami und gehörte zur Sippe der Minamoto, die seit 1185 die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Geschicke des japanischen Kaiserreiches maßgeblich bestimmte.

Die politische Lage im Japan der Jahrhundertwende war von tiefgreifenden Machtkämpfen geprägt. Seit Minamoto no Yoritomo im Jahr 1192 eine Militärregierung, das sogenannte Bakufu, in Kamakura errichtet hatte, war die Macht des Kaisers weitgehend beschnitten worden. Dōgens Vater galt als erklärter Gegner dieser Ordnung und wollte die politische Kontrolle an den Kaiserhof zurückführen. Im Jahr 1198 gelang es ihm, seinen unmündigen Enkel Tsuchimikado auf den Thron zu setzen, womit Dōgen als dessen Onkel in engster Beziehung zur kaiserlichen Familie stand.

Doch das Schicksal wendete sich rasch. Als Michichika im Jahr 1202 starb, verlor seine Familie schlagartig ihre dominierende Stellung am Hof in Kyōto. Dōgens Mutter Ishi musste den Hof verlassen und sich mit ihrem zweijährigen Sohn auf das Landgut ihrer Eltern in Kobata zurückziehen. Kaum fünf Jahre später, im Winter 1207, starb auch sie. Dōgen blieb als Vollwaise zurück, gerade sieben Jahre alt.

Der Tod der Mutter sollte, wie Dōgen selbst später beschrieb, einen entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben markieren. Die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge trat ihm mit erschreckender Deutlichkeit vor Augen. Zwar hatte er bereits früher eine Neigung zum Mönchsleben gespürt, doch nun war sein Entschluss unumkehrbar. Sein Onkel Moro-ie, der ihn adoptieren und für das Leben eines Aristokraten gewinnen wollte, vermochte ihn nicht umzustimmen. Heimlich verließ der Junge das Haus in Kobata und begab sich zum Berg Hiei, dem Hiei-zan, wo das berühmte Tempelzentrum der Tendai-Richtung des japanischen Buddhismus beheimatet war.

Am Fuß des Berges suchte er zunächst den Mönch Ryōkan auf, einen Bruder seiner Mutter, der ihm eine Empfehlung für die Klöster des Berges mitgab. Eines dieser Klöster nahm den jungen Dōgen auf. Im Frühjahr 1213 legte er die Bodhisattva-Gelübde ab und erhielt bei dieser Gelegenheit den Mönchsnamen Dōgen, was so viel bedeutet wie „Ursprung des Weges". Als Tendai-Mönch befasste er sich eingehend mit den buddhistischen Schriften und genoss die Unterweisung gelehrter Meister.

Allerdings war das Leben auf dem Berg Hiei in jener Zeit weniger von spirituellen als von machtpolitischen Auseinandersetzungen geprägt. Die führenden Mönche entstammten häufig der Hofaristokratie, und die Konflikte der Adelsfamilien wurden auch innerhalb der Mönchsgemeinschaften ausgetragen. Manche Mönche waren sogar bewaffnet und fungierten faktisch als Soldaten. Diese Verhältnisse störten den ernsthaften Suchenden zutiefst. Er verließ den Hiei-zan und begab sich zu anderen Lehrmeistern, schließlich zum Zen-Meister Myōzen im Kloster Kenninji in Kyōto.

Im Jahr 1223 brach Dōgen zusammen mit Myōzen nach China auf, um an der Quelle des Chan-Buddhismus zu schöpfen, der in Japan als Zen bekannt war. Die Reise sollte sein Leben und Denken grundlegend verwandeln. Nach ersten Enttäuschungen und einer längeren Suche nach dem richtigen Lehrer gelangte er schließlich zum Meister Rujing auf dem Berg Tiantong. Unter dessen Führung erlebte Dōgen das Erweckungserlebnis, das er mit dem Begriff „Abwerfen von Körper und Geist" beschrieb. Rujing, ein Vertreter der Caodong-Schule, erkannte Dōgen als vollwertigen Dharma-Nachfolger an, womit Dōgen als erster japanischer Patriarch des späteren Sōtō-Zen gilt.

Im Jahr 1227 kehrte Dōgen nach Japan zurück und begann seine Lehrtätigkeit. Er war überzeugt, die authentische, ursprüngliche Buddha-Lehre entdeckt zu haben, und verstand sich nicht als Gründer einer neuen Schule, sondern als Erneuerer des wahrhaftigen Weges. Das Herzstück seiner Praxis war das Zazen, die in Stille und Aufmerksamkeit geübte Sitzmeditation, die er als von allen anderen Praktiken untrennbare Vollziehung der Erleuchtung selbst verstand.

Dōgens literarisches Schaffen ist ebenso bedeutsam wie seine spirituelle Botschaft. Sein Hauptwerk, das Shōbōgenzō, zu Deutsch etwa „Schatzkammer des wahren Dharma-Auges", gilt als eines der tiefgründigsten philosophischen und religiösen Werke der japanischen Literatur überhaupt. In über neunzig Kapiteln entfaltete Dōgen ein komplexes, sprachlich außerordentlich innovatives Denksystem, das bis heute Philosophen und Theologen herausfordert.

Nach seiner Rückkehr aus China lehrte Dōgen zunächst in Kyōto, doch die zunehmende Rivalität mit den etablierten buddhistischen Institutionen bewegte ihn dazu, in die abgelegene Provinz Echizen zu ziehen. Dort gründete er im Jahr 1244 das Kloster Eihei-ji, nach dem er auch den Beinamen Eihei erhielt. Dieses Kloster existiert bis heute und gilt als eines der bedeutendsten Zentren des Sōtō-Zen.

Dōgen starb im Spätsommer 1253 in Kyōto, wohin er zur ärztlichen Behandlung gereist war, ohne das Kloster Eihei-ji je wiederzusehen. Er hinterließ eine Schule, ein Kloster und ein schriftliches Werk, das Jahrhunderte überdauern sollte. Seine Betonung der alltäglichen Praxis, des vollständigen Körper- und Geistesengagements beim Sitzen, Essen und Arbeiten als Ausdruck der Erleuchtung selbst, prägte den japanischen Zen-Buddhismus nachhaltig und strahlt bis in die Gegenwart aus.

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