George Sewall Boutwell war eine der vielseitigsten politischen Gestalten des Amerika im neunzehnten Jahrhundert. Geboren am 28. Januar 1818 in Brookline, Massachusetts, entstammte er einfachen Verhältnissen als Sohn eines Farmers und baute seine Laufbahn aus eigener Kraft auf. Sein Leben umspannte eine der turbulentesten Epochen der amerikanischen Geschichte, von den Auseinandersetzungen um die Sklaverei über den Bürgerkrieg bis hin zu den imperialistischen Bestrebungen der Vereinigten Staaten an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert.
Als junger Mann begann Boutwell 1835 seine Berufstätigkeit als Angestellter in einem Laden in Groton, Massachusetts. Aus dieser bescheidenen Ausgangsposition entwickelte er sich zum Partner des Ladenbesitzers und betätigte sich nebenbei auch als Lehrer und Postmeister. Im Jahr 1836 schloss er ein Studium der Rechtswissenschaften ab und legte damit den Grundstein für seine spätere politische Karriere.
Die politische Bühne betrat Boutwell zunächst als Unterstützer von Martin Van Buren. Ab 1842 vertrat er die Demokratische Partei im Repräsentantenhaus von Massachusetts, wo er bis 1842 und dann erneut von 1847 bis 1850 saß. Seine Ambitionen für höhere Ämter scheiterten zunächst wiederholt: In den Jahren 1844, 1846 und 1848 bewarb er sich erfolglos um einen Sitz im nationalen Repräsentantenhaus, und auch seine Bewerbungen ums Gouverneursamt in den Jahren 1849 und 1850 blieben zunächst ohne Erfolg. Zwischen 1849 und 1851 bekleidete er das Amt des Staatskommissars für Banken von Massachusetts, ein Posten, der ihm nützliche Einblicke in die Finanzwelt verschaffte.
Der politische Durchbruch gelang ihm schließlich im Jahr 1850 mit Unterstützung der Free Soil Party, die Sklaverei in neu erworbenen Gebieten ablehnte. Als Gouverneur von Massachusetts amtierte Boutwell vom 11. Januar 1851 bis zum 14. Januar 1853, verzichtete dann aber auf eine erneute Kandidatur. In den Folgejahren vollzog er einen wichtigen ideologischen Wandel: Die Sklavereifrage ließ ihn 1854 zu einem der Mitbegründer der Republikanischen Partei werden, die sich explizit gegen die Ausbreitung der Sklaverei auf neue Gebiete aussprach.
Von 1855 bis 1861 wirkte Boutwell als Erziehungsminister von Massachusetts, wo er sich um die Verbesserung des öffentlichen Schulwesens verdient machte. Im Jahr 1857 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, ein Zeichen seiner wachsenden intellektuellen Reputation. Am 17. Juli 1862 ernannte ihn Präsident Abraham Lincoln zum ersten Leiter der neu geschaffenen Bundessteuerbehörde, dem Internal Revenue Commissioner, ein Amt, das er allerdings nur bis zum 4. März 1863 ausübte.
Anschließend zog Boutwell ins nationale Repräsentantenhaus ein, wo er zunächst den siebten und später den neunten Kongresswahlbezirk von Massachusetts vertrat. Diese Amtszeit, die bis zum 12. März 1869 dauerte, brachte ihn in den Mittelpunkt des bedeutendsten Verfassungskonflikts jener Ära. Im Februar und März 1868 gehörte er zu den Anklägern des Repräsentantenhauses beim Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Andrew Johnson im Senat. Obwohl das Verfahren letztlich scheiterte und Johnson im Amt blieb, hatte es tiefe Spuren im politischen Bewusstsein der Nation hinterlassen. Während seiner Zeit als Abgeordneter gehörte Boutwell auch dem Aufsichtsgremium des Harvard College an.
Am 12. März 1869 berief ihn der neu gewählte Präsident Ulysses S. Grant zum Finanzminister. In diesem einflussreichen Amt bis 1873 reorganisierte Boutwell das Ministerium und trieb den Abbau der enormen Staatsschulden voran, die der Bürgerkrieg hinterlassen hatte. Er führte systematische Buchführungsprüfungen in den Zollämtern ein und gliederte die Münzprägebehörde, die United States Mint, dem Finanzministerium an. Eine seiner bedeutendsten Bewährungsproben erlebte er am 23. März 1869, dem sogenannten Schwarzen Freitag, als Goldspekulanten durch manipulative Käufe einen dramatischen Preisanstieg auf dem Goldmarkt ausgelöst hatten. Boutwell begegnete der Krise mit einer gezielten Freisetzung von Staatsgold auf dem Finanzmarkt und dämpfte damit die Spekulation.
Am 16. März 1873 trat er vom Amt des Finanzministers zurück, und bereits am folgenden Tag wählte ihn das Parlament zum US-Senator als Nachfolger von Henry Wilson. Bis zum 3. März 1877 nahm er den zweiten Senatssitz für Massachusetts ein. Nach seinem Ausscheiden aus dem Senat beauftragte ihn Präsident Rutherford B. Hayes 1878 mit der Vorbereitung einer zweiten Ausgabe des U.S. Revised Statutes, der offiziellen Sammlung der geltenden Bundesgesetze. Hayes berief ihn zudem in eine Kommission zur Regelung von Schadensersatzansprüchen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten.
Im September 1884 lehnte Boutwell das Angebot von Präsident Chester A. Arthur ab, nach dem Tod von Charles J. Folger erneut das Amt des Finanzministers zu übernehmen. In seinen späten Jahren widmete er sich einem Anliegen, das seine moralische Überzeugung auf neue Weise zum Ausdruck brachte: dem Widerstand gegen den amerikanischen Imperialismus. Er war einer der Gründer der Anti-Imperialistischen Liga, der American Anti-Imperialist League, und diente von 1898 bis zu seinem Tod als deren Präsident. George Sewall Boutwell starb am 27. Februar 1905 in Groton, Massachusetts, wo er einst als Ladengehilfe begonnen hatte. Sein Leben war ein Zeugnis dafür, dass politische Prinzipien auch dann Bestand haben können, wenn sie gegen den Strom der Zeit schwimmen.

