Die Ming-Dynastie, deren Name im Chinesischen „Glanz" bedeutet, regierte das Kaiserreich China von 1368 bis 1644 und hinterließ eine der bemerkenswertesten Epochen der chinesischen Geschichte. Gegründet von einem ehemaligen Bettelmönch und Revolutionsführer, errichtete sie einen Staatsapparat von solcher Stabilität, dass er zweieinhalb Jahrhunderte lang trotz gewaltiger demographischer und wirtschaftlicher Veränderungen Bestand hatte.
Der Gründer der Dynastie, Zhu Yuanzhang, stammte aus ärmlichsten Verhältnissen. Als Waisenkind hatte er eine Zeitlang als Bettelmönch überlebt, bevor er sich den Aufständen gegen die mongolische Yuan-Herrschaft anschloss. Er führte eine Splittergruppe der Roten Turbane an und erwies sich als militärisches und politisches Ausnahmetalent. Im Jahr 1363 entschied er die legendäre Seeschlacht auf dem Poyang-See — mit geschätzt Hunderttausenden von Kriegern auf beiden Seiten eine der größten Seeschlachten der Geschichte — gegen seinen mächtigsten Rivalen, den sogenannten „Han"-Prinzen Chen Youliang, für sich. Schon 1363 gab er 38 Millionen Münzen heraus, ein frühes Zeichen seiner organisatorischen Fähigkeiten.
1368 waren die letzten Widersacher beseitigt. Zhus Armee unter General Xu Da trieb den letzten Yuan-Kaiser Toghan Timur aus Peking; dieser floh zunächst nach Shangdu und dann nach Jehol, wo er 1370 starb. Das Mongolenreich nördlich der Großen Mauer bestand zwar unter der Bezeichnung „Nördliche Yuan" bis 1634 weiter fort, konnte aber nie mehr seine alte Bedeutung zurückgewinnen. Zhu Yuanzhang wählte die Regierungsdevise „Hongwu" und begann sein Werk des Wiederaufbaus.
Unter Hongwu standen wirtschaftliche Erneuerung und der Aufbau eines straffen Staatswesens im Mittelpunkt. Bewässerungs- und Bebauungsprojekte erschlossen jährlich zwischen einer halben und fünf Millionen Hektar neuem Ackerland. Die Einnahmen aus der Getreidesteuer verdreifachten sich in nur sechs Jahren. In zwanzig Jahren sollen bis zu einer Milliarde Nutzbäume gepflanzt worden sein — Obstbäume, Bäume für die Schifffahrt und Maulbeerbäume für die Seidenproduktion.
Die politische Struktur des Ming-Staates war streng hierarchisch und zunehmend autoritär. Schon 1380 ließ Hongwu in einem einzigen Prozess gegen einen ehemaligen Vertrauten 15.000 Personen verfolgen. Das Amt des Großkanzlers und Premierministers wurde daraufhin für immer abgeschafft; alle Ministerien unterstanden nun direkt dem Kaiser. 1382 schuf Hongwu die gefürchtete Geheimpolizei der „Garden mit den Brokatkleidern". In den Jahren 1385 und 1390 wiederholte er die Massenhinrichtungen aus bloßem Misstrauen. Dennoch legte er das Fundament eines stabilen Staatswesens, das seine Nachfolger trugen.
Die Bevölkerung wurde unter Hongwu in Bauern-, Soldaten- und Handwerkerfamilien eingeteilt, wobei jeweils eigene Ministerien und Steuererhebungen bestanden. Berufswechsel waren verboten. Zehn Familien, eine sogenannte lijia, wurden kollektiv für Steuern, Dienstleistungen und öffentliche Ordnung verantwortlich gemacht. Diese Starrheit zeigte schon Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts ihre Schwächen: Das Militärdebakel von Tumu im Jahr 1449, bei dem der Kaiser selbst in mongolische Gefangenschaft geriet, offenbarte, wie dysfunktional Hongwus Konzept der erblichen Soldatenklassen geworden war.
Trotz dieser inneren Spannungen erlebte die Ming-Zeit bedeutende kulturelle und technologische Leistungen. Die Große Mauer wurde in ihrer heutigen Form wesentlich durch Ming-Kaiser ausgebaut. Die Schatzflotten des Admirals Zheng He unternahmen zwischen 1405 und 1433 sieben gewaltige Expeditionen in den Indischen Ozean, die bis nach Ostafrika führten und Chinas maritime Überlegenheit demonstrierten. Porzellan, Seidenwaren und Lackarbeiten der Ming-Zeit gelten bis heute als Höhepunkte des chinesischen Kunsthandwerks.
Das Ende der Ming-Dynastie kam durch eine Kombination aus inneren Aufständen, wirtschaftlichem Niedergang und dem Ansturm der mandschurischen Qing von Norden. 1644 fiel Peking zunächst an den Rebellen Li Zicheng, bevor die Qing die Hauptstadt einnahmen und die neue Dynastie begründeten. Die letzten Ming-Kaiser hielten sich noch bis 1662 im Süden, wurden aber sukzessive besiegt. Die zweieinhalb Jahrhunderte Ming-Herrschaft hinterließen ein kulturelles, administratives und demographisches Erbe, das China bis in die Moderne prägte.