Die Azteken, in ihrer eigenen Sprache Nahuatl als Mexica bezeichnet, zählten zu den beeindruckendsten Zivilisationen der vorkolumbianischen Welt. Zwischen dem 14. und dem frühen 16. Jahrhundert schufen sie im Herzen Mesoamerikas eine Hochkultur, die in Architektur, Wissenschaft, Handel und politischer Organisation herausragende Leistungen erbrachte. Ihr Name, der auf den mythischen Herkunftsort Aztlán zurückgeht, wurde erst im 18. Jahrhundert vom jesuitischen Gelehrten Francisco Javier Clavijero in den modernen Sprachgebrauch eingeführt und durch den preußischen Naturforscher Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert endgültig etabliert.
Die Ursprünge der Azteken verlieren sich im Dunkel der Legende und Überlieferung. Nach ihrer eigenen Mythologie wanderten sie im 14. Jahrhundert aus einem Ort im Norden namens Aztlán zum Texcoco-See in Zentralmexiko, angeführt von ihrem Stammesgott Huitzilopochtli. Die Mythen beschreiben vier große Zeitalter, die der bestehenden Welt vorangingen und jeweils in kosmischen Katastrophen endeten. Das fünfte Zeitalter, das der Azteken, wurde durch das Opfer eines Helden eingeleitet, der sich in die Sonne verwandelte und damit das Leben erst ermöglichte.
Besonders bedeutsam für das kollektive Gedächtnis ist die Gründungslegende Tenochtitláns. Als die wandernden Azteken an einer Insel im Texcoco-See ankamen, erblickten sie ein Zeichen, das ihnen von Huitzilopochtli prophezeit worden war: ein Adler, der auf einem Feigenkaktus saß und eine Schlange fraß. Dieses Bild bezeichnete den Ort, an dem sie ihre Stadt erbauen sollten. Tenochtitlán entstand an jener Stelle und entwickelte sich zur pulsierenden Hauptstadt eines mächtigen Reiches. Das Symbol des Adlers auf dem Kaktus mit der Schlange lebt bis heute im Wappen und der Flagge Mexikos fort.
Historisch lässt sich die erste Niederlassung im Gebiet Tenochtitláns für den Zeitraum zwischen 1320 und 1350 nachweisen; neuere archäologische Ausgrabungen deuten sogar auf eine frühere Besiedlung zwischen 1100 und 1200 hin. Die ersten aztekischen Herrscher Acamapichtli, Huitzilíhuitl und Chimalpopoca agierten zunächst als Vasallen des mächtigen Tepaneken-Herrschers Tezozómoc. In der Zeit von 1372 bis 1427 knüpften sie durch geschickte Heiratspolitik diplomatische Verbindungen zu den Nachbarstädten und erlangten dadurch schrittweise eine wachsende politische Gleichberechtigung.
Der entscheidende Wendepunkt in der Geschichte der Azteken kam mit dem Tod Tezozómocs. Sein Sohn Maxtla ließ Chimalpopoca ermorden und löste damit eine Kettenreaktion aus. Childerichs Onkel Itzcóatl verbündete sich mit dem vertriebenen Acolhua-Herrscher Nezahualcoyotl von Texcoco und belagerte Maxtlas Hauptstadt Azcapotzalco. Nach hundert Tagen Belagerung kapitulierte Maxtla und ging ins Exil. Dieser militärische Triumph ebnete den Weg für eine neue politische Ordnung Zentralmexikos.
Aus dem Sieg erwuchs der Aztekische Dreibund, ein Bündnis der drei Städte Tenochtitlán, Texcoco und Tlacopán. Diese Allianz dominierte das Tal von Mexiko und weitete ihren Machtanspruch Schritt für Schritt über dessen Grenzen hinaus aus. Mit der Zeit übernahm Tenochtitlán die Vorherrschaft innerhalb des Bündnisses und wurde zum unbestrittenen Zentrum des wachsenden Reiches. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht kontrollierten die Azteken weite Teile Zentralmexikos und zwangen umliegende Völker zur Zahlung von Tributen, ohne diese direkt zu annektieren.
Innenpolitisch bewirkte Itzcóatl weitreichende Veränderungen. Ein neuer Aquädukt versorgte die wachsende Bevölkerung Tenochtitláns mit Trinkwasser, und die Stadt erlebte eine Phase regen Auf- und Ausbaus. Tenochtitlán lag auf einer Insel und war durch Dämme und Brücken mit dem Festland verbunden. Zur Blütezeit soll die Stadt mehrere hunderttausend Einwohner gezählt haben und war damit eine der größten Städte der damaligen Welt.
Die aztekische Gesellschaft war streng hierarchisch gegliedert. An der Spitze stand der Tlatoani, der oberste Herrscher, der zugleich religiöse und militärische Aufgaben wahrnahm. Darunter folgten Adel, Priester, Händler, Handwerker und die breite Masse der einfachen Bevölkerung. Das religiöse Leben durchdrang alle Bereiche der Gesellschaft; Rituale, Opferungen und das komplexe Kalendersystem bestimmten den Rhythmus des Alltags und das Weltbild der Menschen.
Die Kultur der Azteken war von bemerkenswerter Vielschichtigkeit. Sie betrieben Astronomie, entwickelten ein präzises Kalendersystem und schufen eine umfangreiche Literatur in Nahuatl, ihrer Hauptsprache. Ihre Architektur, darunter der berühmte Templo Mayor in Tenochtitlán, zeugte von hohem handwerklichen Können und religiöser Inbrunst. Das Markt- und Handelssystem war hochentwickelt, und über Fernhandelsnetzwerke gelangten Waren aus ganz Mesoamerika in die Hauptstadt.
Das Ende der aztekischen Welt kam mit der Ankunft der Spanier. Im Jahr 1519 betrat Hernán Cortés mexikanischen Boden, und innerhalb von nur zwei Jahren wurde das Aztekenreich unter spanische Herrschaft gebracht. Cortés nutzte dabei geschickt die Unzufriedenheit unterworfener Völker aus, die unter der aztekischen Tributherrschaft litten, und schmiedete Allianzen gegen Tenochtitlán. Nach einer brutalen Belagerung fiel die Stadt im Jahr 1521.
Das Erbe der Azteken ist bis heute lebendig. Ihr Name für sich selbst, Mexica, gab dem modernen Staat Mexiko seinen Namen. Das Gründungssymbol des Adlers auf dem Kaktus prangt auf der mexikanischen Nationalflagge. Die Nahuatl-Sprache wird noch immer von mehreren Millionen Menschen gesprochen. Zahlreiche alltägliche Wörter wie Schokolade, Tomate oder Avocado entstammen dem Nahuatl und sind in viele Weltsprachen eingegangen.