Die Han-Dynastie gilt als eine der Gründerepocherepochenber chinesischen Zivilisation. Ihre fast vierhundertjährige Herrschaft von 206 vor Christus bis 220 nach Christus schuf die staatlichen, kulturellen und philosophischen Grundlagen, auf denen das chinesische Selbstverständnis bis in die Gegenwart fußt. Noch heute nennen sich die Mehrheitsbevölkerung Chinas „Kinder der Han".
Die Han-Dynastie entstand aus dem gewaltsamen Zusammenbruch der Qin-Herrschaft. Die Qin hatten China erstmals vereint und ein starkes Zentralreich geschaffen, aber ihre Brutalität war beispiellos. Den unmittelbaren Auslöser für den Aufstand bildete ein Ereignis, das geradezu symbolhaft für die Gnadenlosigkeit des Regimes steht: 900 Zwangsarbeiter kamen aufgrund starker Regenfälle zu spät zur Arbeit an der Großen Mauer. Die Strafe war der Tod. Die Betroffenen erhoben sich und versammelten sich innerhalb weniger Tage zu einer Armee von angeblich 300.000 Mann — eine Zahl, die die explosive Sprengkraft des aufgestauten Volkszorns illustriert.
Unter den Anführern dieser gleichzeitigen Bauernaufstände setzte sich schließlich Liu Bang durch, ein niederer Beamter ohne aristokratisches Blut. Sein Gegenspieler war Xiang Yu, ein Adliger aus dem einstigen Königreich Chu, der zwischen 232 und 202 vor Christus lebte. Nach mehrjährigen Kämpfen besiegte Liu Bang seinen Rivalen, übernahm die Macht und gründete die Han-Dynastie mit der Hauptstadt Chang'an, dem heutigen Xi'an. Klug beließ er den Verwaltungsapparat der Qin weitgehend intakt, hielt an deren Gesetzen fest und ordnete die Bevölkerung in 24 Rangstufen ein.
Die Frühphase der Han-Herrschaft war von einer Politik der Erholung und des behutsamen Aufbaus geprägt. Steuern und Fronleistungen wurden gesenkt, die ausgeblutete Bevölkerung gewann Atem. Doch bald sah sich das Reich mit der Bedrohung durch die Xiongnu konfrontiert, nomadische Reiterkrieger nördlich der Großen Mauer, die immer wieder Raubzüge in chinesisches Gebiet unternahmen. Kaiser Wu, der von 141 bis 87 vor Christus regierte, begann mit massiven Gegenschlägen: Im Jahr 119 vor Christus führte er einen verlust- und letztlich siegreichen Feldzug bis an den Orchon in der heutigen Mongolei. Das Reich expandierte auch nach Süden: 111 vor Christus wurde Kanton und die Region des heutigen Südchina erobert, ebenso das Königreich Dian in Yunnan. Der expansive Kurs der frühen Han war unverkennbar.
Im gleichen Zuge wuchs die kulturelle Bedeutung der Konfuzius-Lehren. Die Ideen des Konfuzius wurden staatlich anerkannt und zum Fundament der Beamtenausbildung erhoben, obwohl der Daoismus anfangs dominanter gewesen war. Auch der Buddhismus aus Indien hielt in dieser Epoche seinen Einzug in China. Um 65 vor Christus unternahm man beachtliche Anstrengungen zur Wiederherstellung der 213 vor Christus durch den Qin-Kaiser verbrannten Literatur.
Die wirtschaftliche und technische Blütezeit der Han ist außergewöhnlich. Die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung durch einen explodierenden Handel mit Seide, Lack und Jade. Die Han-Zeit brachte eine Fülle von Erfindungen hervor: die Stahlerzeugung, das Schiffsruder, die Handkurbel, den Messschieber (ein Bronzemodell aus dem Jahr 9 ist erhalten), die Schubkarre, die Kettenpumpe, die Hängebrücke, Verfahren zur Solegewinnung durch Bohrung, die Rotationsworfelmaschine, die Drillmaschine, und — von weitreichender Bedeutung — das Papier, dessen ältester Fund aus der Zeit Kaiser Wus stammt. Zhang Heng entwickelte um das Jahr 132 nach Christus ein Seismoskop zur Messung von Erdbeben, das erste seiner Art in der Geschichte. Zwar waren einige dieser Erfindungen Griechen und Römern parallel bekannt, was die Leistung chinesischer Erfinder jedoch nicht mindert.
Die Han-Herrschaft war in eine Frühe und eine Späte Periode unterteilt, unterbrochen durch die Usurpation des Wang Mang, der von 9 bis 23 nach Christus regierte und versuchte, tiefgreifende Reformen durchzuführen, aber scheiterte. Die Späten Han übernahmen erneut die Macht, sahen sich aber zunehmend mit der Schwäche des Hofes, dem Machtgewinn von Eunuchen und Hofbeamten sowie dem Erstarken unabhängiger Regionalgewalten konfrontiert.
Das Ende kam durch innere Zersetzung. Die Gelben-Turbane-Revolte ab 184 nach Christus erschütterte das Reich, und in den folgenden Jahrzehnten zerfiel die zentrale Autorität vollständig. Im Jahr 220 dankte der letzte Han-Kaiser ab, und das Reich teilte sich in drei rivalisierende Königreiche auf. Die nachfolgende Drei-Reiche-Periode ist in der chinesischen Populärkultur bis heute eine der meistbesungenen Epochen. Das Erbe der Han jedoch — das konfuzianische Staatsideal, die ausgebaute Seidenstraße, die schriftliche Hochkultur — blieb das Maß aller Dinge für jede spätere chinesische Dynastie.