Die Atlantikschlacht zählt zu den längsten und verlustreichsten Auseinandersetzungen des Zweiten Weltkrieges. Über den gesamten Zeitraum des Krieges von 1939 bis 1945 erstreckte sich ein erbitterter Kampf im Atlantischen Ozean zwischen der deutschen Kriegsmarine und Luftwaffe auf der einen Seite und den alliierten Geleitzügen, Kriegsschiffen und Luftstreitkräften auf der anderen. Es war ein Ringen um die lebenswichtigen Versorgungslinien, die Großbritannien und die Alliierten am Leben erhielten.
Die Wurzeln dieses Seekrieges reichen tief in die Nachkriegsordnung des Ersten Weltkrieges. Der Versailler Vertrag hatte Deutschland den Besitz von U-Booten kategorisch verboten und den Bau von Flugzeugträgern untersagt. Diese Demütigung brannte in den politischen Kreisen der Weimarer Republik, und nahezu alle bedeutenden politischen Gruppen traten für eine Revision der Vertragsbestimmungen ein.
Als die NSDAP unter Adolf Hitler 1933 die Macht übernahm, setzte sie diese Revision mit rücksichtsloser Entschlossenheit um. Noch im selben Jahr begann eine massive Aufrüstung des deutschen Militärs. Der 1934 beschlossene Flotten-Ersatzplan sah optimistisch den Bau eines Flugzeugträgers sowie mehrerer großer Kriegsschiffe vor, deren geplante Anzahl und Größe mehrfach nach oben korrigiert wurden.
Das deutsch-britische Flottenabkommen von 1935 lockerte die Beschränkungen des Versailler Vertrages und ermöglichte Deutschland den offiziellen Aufbau einer U-Bootflotte. Als Rechtfertigung für den Flottenausbau wurde die Forderung nach einem Kräftegleichgewicht mit Frankreich angeführt, obwohl die Wahrscheinlichkeit eines Seekrieges mit dem Nachbarland aufgrund der langen gemeinsamen Landgrenze stets zweifelhaft war. Der eigentliche Antrieb war das Streben einer aufstrebenden Großmacht nach einer bedeutenden Kriegsflotte, ganz im Geiste des Großadmirals Alfred von Tirpitz, der ab etwa 1897 mit der vollen Rückendeckung Kaiser Wilhelms II. den Aufbau einer deutschen Hochseeflotte vorangetrieben hatte.
Admiral Raeder als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine verstand es geschickt, bei regelmäßigen Vorsprachen bei Hitler die Interessen seiner Teilstreitkraft zu vertreten. Bereits 1934 notierte er nach einem Gespräch mit dem Führer, dass England ein künftiger Gegner sein könnte. Offiziell jedoch betonte die deutsche Führung bis zum Frühjahr 1939, die überlegene Royal Navy komme als Gegner nicht in Betracht.
Die Rüstungsausgaben für die Kriegsmarine verdoppelten sich zwar 1935 im Vergleich zum Vorjahr, blieben aber bis 1938 deutlich hinter den Investitionen in Heer und Luftwaffe zurück. Nicht die diplomatischen Abkommen, sondern die Kapazitäten der deutschen Rüstungsindustrie und die Rohstoffverteilung bestimmten letztlich die Stärke der Marine bei Kriegsbeginn. Der umfassende Z-Plan, der den Bau einer großen Schlachtflotte sowie von vier Flugzeugträgern vorsah, erhielt erst im Januar 1939 die Zustimmung Hitlers — ein gefährlich später Zeitpunkt.
Bei Kriegsausbruch verfügte die Kriegsmarine über einige Überwasserkampfschiffe und eine U-Bootflotte, doch die Umsetzung des Z-Plans stand gerade erst am Anfang. Von den zusätzlich geplanten Schlachtschiffen waren lediglich die Kiele gelegt worden; die Bauarbeiten wurden bei Kriegsbeginn sofort eingestellt. Von den vier vorgesehenen Flugzeugträgern befand sich nur die Graf Zeppelin kurz vor der Fertigstellung, doch deren Vollendung wurde immer wieder zugunsten der U-Boot-Produktion hinausgezögert und fand schließlich nie statt.
Nach dem Rückzug der letzten schweren deutschen Überwasserstreitkräfte aus den französischen Atlantikhäfen im Februar 1942 im Rahmen des sogenannten Unternehmens Cerberus wurde die Atlantikschlacht von deutscher Seite fast ausschließlich als U-Boot-Krieg geführt. Die deutschen Unterseeboote, in Wolfsrudeln operierend, stellten eine tödliche Bedrohung für die alliierten Versorgungskonvois dar und versenkten in den Jahren 1940 bis 1942 Hunderttausende Tonnen an Schiffstonnage.
Die Alliierten entwickelten im Laufe des Krieges immer effektivere Gegenmaßnahmen: Geleitzugssystem, Luftüberwachung durch Langstreckenbomber, verbesserte Sonar- und Radartechnik sowie die Entschlüsselung der deutschen Funksprüche durch die Codeknacker in Bletchley Park. Mit dem Einsatz von Geleitträgern und der Schließung der Lücke im Zentralatlantik, in der lange Zeit keine Luftdeckung möglich war, wendete sich das Blatt endgültig zugunsten der Alliierten.
Die Atlantikschlacht hinterließ ein gewaltiges menschliches und materielles Erbe. Tausende von Seeleuten beider Seiten fanden den Tod in den kalten Gewässern des Atlantiks. Das Duell zwischen U-Booten und Geleitzügen trieb technologische Innovationen voran und prägte die moderne U-Boot-Kriegführung. Das Scheitern der deutschen Seemacht im Atlantik war ein entscheidender Faktor für den letztendlichen alliierten Sieg im Zweiten Weltkrieg, denn ohne die gesicherten Nachschublinien über den Atlantik wäre der Aufbau der für die Invasion Europas notwendigen Kräfte undenkbar gewesen.
