Die Enterprise ist ein Raumfahrzeug, das wie kein anderes zwischen Vision und Wirklichkeit steht — ein Prototyp, der die Raumfahrtgeschichte entscheidend mitgeprägt hat, ohne jemals den Weltraum zu erreichen. Ihre interne NASA-Bezeichnung lautet OV-101, doch der Name, unter dem sie bekannt ist, entstammt nicht der Ingenieurswelt, sondern der Science-Fiction: Die Enterprise ist benannt nach dem fiktiven Raumschiff aus der Fernsehserie Star Trek.
Die Geschichte dieses ungewöhnlichen Fahrzeugs beginnt in den frühen 1970er Jahren, als die NASA nach Wegen suchte, die enormen Kosten der Raumfahrt zu senken. Seit den 1950er und 1960er Jahren hatten Sowjetunion und USA im Wettlauf ins All aufwendige Einwegtechnologien entwickelt. Ab Mitte der 1960er Jahre reifte in den USA die Idee eines wiederverwendbaren Raumtransporters, der wie eine Rakete starten und wie ein Flugzeug landen sollte. Schnell wurde jedoch klar, dass ein vollständig wiederverwendbares System wegen seines Gesamtgewichts technisch und wirtschaftlich nicht realisierbar war.
Am 15. März 1972 legte die NASA sich auf ein dreiteiliges Konzept fest: ein Orbiter, ein Außentank und zwei Feststoffbooster. Nur der Außentank würde nach dem Start in der Atmosphäre verglühen; alle anderen Komponenten sollten zur Erde zurückkehren und erneut eingesetzt werden können. Am 26. Juli 1972 vergab die NASA den Auftrag für den Bau des Orbiters an den Flugzeug- und Rüstungshersteller Rockwell International — ein Vertrag im Umfang von 2,6 Milliarden US-Dollar. Weitere Vereinbarungen folgten: Am 16. August 1973 mit Martin Marietta über den Außentank und am 27. Juni 1974 mit Morton Thiokol über die Feststoffbooster.
Am 4. Juni 1974 begann Rockwell auf der Air Force Plant 42 im kalifornischen Palmdale mit den Fertigungsarbeiten am OV-101. Das Fahrzeug wurde ohne Haupttriebwerk und ohne Hitzeschild gebaut, da es ausschließlich zur Erprobung der Flugeigenschaften eines Space Shuttles in der Erdatmosphäre bestimmt war. Die Option, es nachträglich für Weltraumflüge aufzurüsten, wurde aus Kostengründen verworfen. Am 12. März 1976 war der Zusammenbau abgeschlossen.
Der 17. September 1976, der Jahrestag der amerikanischen Verfassung, war für die offizielle Vorstellung des Fahrzeugs gewählt worden. Ursprünglich sollte der Orbiter folgerichtig den Namen Constitution — Verfassung — tragen. Doch eine unerwartete öffentliche Kampagne änderte die Pläne: Zigtausende Fans der Science-Fiction-Fernsehserie Star Trek hatten in Briefen an das Weiße Haus Präsident Gerald Ford gebeten, das Raumfahrzeug nach dem legendären Raumschiff Enterprise zu benennen. Ford gab diesem Wunsch nach, und so wurde aus dem nüchternen Verfassungsraumschiff die Enterprise — eine Entscheidung, die bis heute als kulturgeschichtliche Kuriosität gilt.
Ab 1977 absolvierte die Enterprise im Rahmen des Approach-and-Landing-Programms eine Reihe von Testflügen in der Atmosphäre. Dabei wurde sie von einem umgebauten Boeing-747-Trägerflugzeug, der NASA 905, in die Luft gebracht und ausgeklinkt, woraufhin die Besatzung das Fahrzeug im Gleitflug zur Landung führte. Diese Versuche lieferten wertvolle Daten über das Flugverhalten des Space-Shuttle-Designs.
In den Jahren 1983 und 1984 wurde die Enterprise auf einer Welttournee in verschiedenen europäischen Ländern, in Kanada und den USA der Öffentlichkeit vorgeführt. 1985 übergab die NASA das historische Fahrzeug der Smithsonian Institution, die es im National Air and Space Museum in Washington ausstellte. Im April 2012 wurde die Enterprise nach New York gebracht, wo sie seither im Intrepid Sea-Air-Space Museum einen Ehrenplatz einnimmt.
Obwohl die Enterprise niemals den Weltraum erreichte und formell ein Prototyp blieb, bezeichnete die NASA sie als das erste Space Shuttle. Ihr Beitrag zur Entwicklung des Space-Shuttle-Programms war unverzichtbar: Die Testflüge von 1977 erbrachten den Nachweis, dass ein so ungewöhnliches Fahrzeug tatsächlich sicher und kontrolliert aus dem Orbit zurückkehren und landen konnte — eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Beginn des operativen Shuttlebetriebs ab 1981.