An keiner anderen Stelle des Zweiten Weltkriegs wurde erbitterter und verlustreicher gekämpft als an den Ufern der Wolga. Die Schlacht von Stalingrad im Winter 1942 und 1943 gilt nicht nur als eine der blutigsten militärischen Auseinandersetzungen der Weltgeschichte, sondern auch als psychologischer Wendepunkt des Deutsch-Sowjetischen Krieges, der am 22. Juni 1941 mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion begonnen hatte.
Der Angriff auf Stalingrad war ursprünglich kein Hauptziel der deutschen Strategie. Im Rahmen des als Fall Blau bezeichneten Sommerfeldzugs 1942 plante die Wehrmacht, die sowjetischen Ölfelder im Kaukasus zu erobern. Stalingrad, als wichtiges industrielles Handels- und Nachschubzentrum an der Wolga, sollte eingenommen oder zumindest unter das Feuer schwerer Waffen gebracht werden, um die Flanke des kaukasischen Vorstoßes zu sichern. Die Kampfkraft der Heeresgruppe Süd war zu diesem Zeitpunkt bereits um rund fünfzig Prozent gegenüber dem Kriegsbeginn gesunken.
Am 23. Juli 1942 änderte Hitler mit der Weisung Nr. 45 die Planung grundlegend: Nun sollten die 6. Armee und die 4. Panzerarmee gleichzeitig Stalingrad einnehmen, während die Heeresgruppe A tief in den Kaukasus vorstieß. Diese Aufspaltung der Kräfte auf zwei Hauptrichtungen enthüllte den fundamentalen Geburtsfehler der deutschen Planung: zu wenige Truppen für zu ehrgeizige Ziele und gefährlich ausgedehnte Flanken entlang des Don.
Im Spätsommer 1942 begann der deutsche Angriff auf Stalingrad. Die Stadt trug den Namen des sowjetischen Diktators, was ihr in Stalins Augen eine symbolische Bedeutung verlieh, die weit über ihren militärischen Wert hinausging. Die deutschen Truppen drangen in die Stadt ein und lieferten sich einen brutalen Häuserkampf, bei dem jedes Gebäude, jede Etage, ja jeder Raum umkämpft war. Die sowjetischen Verteidiger kämpften mit extremer Verbissenheit.
Im November 1942 folgte der entscheidende sowjetische Gegenschlag. Die Operation Uranus, eine gewaltige Zangenbewegung, traf die deutschen Flanken, die von rumänischen und ungarischen Verbündeten gesichert wurden. Innerhalb weniger Tage waren bis zu 300.000 Soldaten der Wehrmacht und ihrer Verbündeten eingekesselt. Hitler verweigerte den eingeschlossenen Truppen den Ausbruch und versprach, sie durch eine Versorgungsbrücke aus der Luft zu halten und durch eine Entsatzoffensive zu befreien.
Die Luftversorgung scheiterte kläglich: Die eingeschlossene Armee benötigte täglich mindestens 500 Tonnen Nachschub, geliefert werden konnten im Durchschnitt nur etwa ein Zehntel davon. Die Entsatzoffensive unter General Hoth, bekannt als Operation Wintergewitter im Dezember 1942, scheiterte ebenfalls. Die Soldaten im Kessel litten Hunger, Kälte und Krankheiten bei Temperaturen, die auf bis zu minus vierzig Grad absanken.
Obwohl die militärische Lage hoffnungslos war, bestand Hitler auf Fortsetzung der Kämpfe. Ende Januar und Anfang Februar 1943 stellten die meisten Soldaten die Kampfhandlungen ein, teils auf Befehl, teils aus schlichtem Mangel an Munition und Nahrung. Eine offizielle Kapitulation gab es nicht. Rund 10.000 versprengte Soldaten setzten ihren Widerstand in Kellern und der Kanalisation noch bis Anfang März 1943 fort. Von den rund 110.000 Gefangenen kehrten nach Kriegsende nur etwa 5.000 bis 6.000 in ihre Heimat zurück.
Im gesamten Verlauf der Kämpfe um Stalingrad kamen über 700.000 Menschen ums Leben, die Mehrheit davon Soldaten der Roten Armee. Das Ausmaß der Verluste übertraf alles, was die Wehrmacht bis dahin erlitten hatte. Der Fall von Stalingrad erschütterte das Vertrauen der deutschen Bevölkerung in den Endsieg und ließ Zweifel an Hitlers Führung aufkommen, die fortan nicht mehr verstummen sollten.
Strategisch markierte Stalingrad die Wende im Osten. Zwar gab es danach noch bedeutende deutsche Operationen, doch die Initiative lag fortan bei der Sowjetunion. Die Niederlage wurde von der NS-Propaganda zunächst heruntergespielt, dann zur Heldengeschichte verklärt. In der Sowjetunion hingegen avancierte Stalingrad zum Symbol des heldenhaften Widerstands und des unausweichlichen Sieges.
Bis heute ist Stalingrad mehr als jede andere Schlacht des Zweiten Weltkriegs im kollektiven Gedächtnis verankert. Es war nicht nur eine militärische Katastrophe für Deutschland, sondern ein moralisches Erdbeben, das die Vorstellung von Unbesiegbarkeit zerstörte. Die Ruinen der Stadt, das heutige Wolgograd, sind ein mahnender Erinnerungsort, an dem Tausende Besucher jährlich der Opfer gedenken.

