Istanbul hat in seiner langen Geschichte viele Katastrophen erlebt, doch der Jahreswechsel 2016/2017 brachte eine neue Welle des Terrors in die Metropole am Bosporus. In der Nacht auf den 1. Januar 2017 betrat ein bewaffneter Mann kurz nach Mitternacht, um etwa 1:15 Uhr Ortszeit, den Nachtclub Reina im Stadtviertel Ortaköy, im Bezirk Beşiktaş auf der europäischen Seite Istanbuls. Nur wenige Schritte entfernt von der Brücke der Märtyrer des 15. Juli gelegen, war der Reina einer der bekanntesten und größten Clubs der Stadt – und an diesem Silvesterabend bis auf den letzten Platz gefüllt.
Zwischen 700 und 800 Besucher feierten in dem Club das neue Jahr, als der Täter am Eingang einen Polizisten und einen Zivilisten erschoss und sich so gewaltsam Zugang verschaffte. Was folgte, war ein Massaker: 37 Gäste wurden in dem Lokal getötet. Unter den Todesopfern befanden sich zahlreiche Ausländer aus verschiedenen Ländern, was dem Anschlag eine internationale Dimension verlieh. Einige Clubbesucher sprangen in den angrenzenden Bosporus, um dem Schützen zu entkommen, und wurden dort von der Polizei aus dem Wasser gerettet. Die Gesamtzahl der Todesopfer, einschließlich der am Eingang getöteten Personen, belief sich auf 39 Menschen.
Laut Augenzeugen soll der Täter während der Tat Arabisch gesprochen haben. Nach dem Anschlag mischte er sich unter die fliehenden Gäste und entkam zunächst unerkannt. Am Tatort sicherte die Polizei Fingerabdrücke und den Reisepass des Schützen, was die spätere Identifizierung ermöglichte. Die Polizei von Istanbul nahm ab dem 2. Januar 2017 insgesamt 50 Verdächtige fest, bevor am 16. Januar 2017 der mutmaßliche Täter zusammen mit vier weiteren Tatverdächtigen in Istanbul ergriffen wurde. Er hatte sich, zusammen mit seinem vierjährigen Sohn, in einem Apartment im Stadtteil Esenyurt bei einem Bekannten versteckt. In der Wohnung wurden zwei weitere Waffen sowie knapp 200.000 US-Dollar Bargeld sichergestellt.
Laut Berichten der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu stammte der Mann aus Usbekistan und war kirgisischer Abstammung. Er war im Januar 2016 unter dem Decknamen Ebu Muhammed Horasani Abdulkavi illegal über Syrien in die Türkei eingereist. Der 34-jährige Abdulgadir Mascharipow legte am 17. Januar 2017 ein Geständnis ab. Der Islamische Staat bekannte sich zu dem Anschlag und bezeichnete den Täter in einer im Internet verbreiteten Erklärung als „Soldat des Kalifats".
Der Anschlag auf den Reina war nicht der erste islamistisch motivierte Anschlag in Istanbul in jenem Jahr. Bereits 2016 hatte die Stadt drei Attacken erlebt, die dem IS zugeschrieben wurden: Im Januar waren zwölf deutsche Touristen beim Anschlag auf den Sultanahmet-Platz ums Leben gekommen. Im März folgte ein Selbstmordattentat auf einer Istanbuler Einkaufsstraße. Und im Juni hatte ein verheerender Anschlag auf den Atatürk-Flughafen die Stadt erschüttert. Vor diesem Hintergrund hatte die Polizei am Silvesterabend 2016 rund 17.000 Beamte in Istanbul eingesetzt – eine massive Sicherheitspräsenz, die den Anschlag dennoch nicht verhindern konnte.
Der Besitzer des Reina, Mehmet Koçarslan, erklärte nach der Tat, amerikanische Geheimdienste hätten ihn auf einen möglichen Anschlag auf seinen Club hingewiesen, woraufhin die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden seien. Die US-Botschaft dementierte indes, eine konkrete Anschlagswarnung für das Reina ausgesprochen zu haben – es habe lediglich allgemeine Sicherheitshinweise gegeben. Bemerkenswert war auch die geografische Lage des Clubs: nur etwa 100 Meter von einer Polizeihauptwache entfernt.
Der Anschlag fiel in ein gesellschaftliches Spannungsfeld, das in der Türkei seit Jahren sichtbarer wurde. Silvesterfeiern, die Mustafa Kemal Atatürk 1932 in der Türkei eingeführt und die 1935 mit dem Feiertag am 1. Januar institutionalisiert worden waren, galten einem Teil der islamisch-konservativen Bevölkerung als „unislamische" Tradition. Die staatliche Religionsbehörde DİTİB hatte für den Freitag vor Silvester eine Predigt vorgegeben, die Silvesterfeiern als sündhafte, dem Islam fremde Gewohnheit darstellte. Diese Stimmung lieferte dem Täter und seiner Ideologie einen kulturellen Kontext, der das Feiern westlich geprägter Feste zu einem symbolischen Ziel des Terrors machte.
Der Anschlag auf den Reina hinterließ tiefe Spuren – in den Herzen der Überlebenden, in der türkischen Sicherheitspolitik und in der Wahrnehmung Istanbuls als Ort kultureller Offenheit. Die Stadt, seit Jahrhunderten ein Knotenpunkt zwischen Orient und Okzident, musste einmal mehr erfahren, dass genau diese Offenheit sie zum Ziel extremistischer Gewalt macht. Der Club Reina wurde nach dem Anschlag geschlossen und nicht wiedereröffnet – ein stilles Denkmal für 39 Menschen, die in der ersten Nacht des Jahres 2017 ihr Leben verloren.