Am 24. Januar 2024 stürzte nahe dem russischen Ort Jablonowo in der Oblast Belgorod ein russisches Militärfrachtflugzeug vom Typ Iljuschin Il-76 ab. Das Ereignis war nicht nur eine humanitäre Tragödie, sondern entwickelte sich rasch zu einem der heftigsten Propagandaund Informationskonflikte des russischen Überfalls auf die Ukraine.
Das Flugzeug gehörte dem russischen Transportflugzeugregiment 117 aus Orenburg an. Nach russischen Angaben befand sich die Maschine auf dem Weg vom Militärflugplatz Tschkalowski in Richtung Oblast Belgorod. Gegen 11:15 Uhr Ortszeit (UTC+3) stürzte die Il-76 etwa fünf Kilometer außerhalb des Ortes auf einem Feld ab. Der Gouverneur der Oblast Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, erklärte, die Besatzung habe eine „äußere Einwirkung" gemeldet. Eine Stunde vor dem Absturz hatte in der Oblast Belgorod Luftalarm geherrscht, der um 11:43 Uhr für beendet erklärt wurde.
Unmittelbar nach dem Absturz verbreiteten sich widersprüchliche Darstellungen, die den Charakter eines Informationskrieges annahmen. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, 65 der Insassen seien ukrainische Kriegsgefangene gewesen, die im Rahmen eines geplanten Gefangenenaustauschs transportiert worden seien. Dazu sollen sechs russische Besatzungsmitglieder und drei Wachen an Bord gewesen sein. Nach russischen Angaben sollte der Austausch am Grenzübergang bei Kolotilowka, rund 100 Kilometer westlich von Belgorod, stattfinden.
Noch am Tag des Absturzes veröffentlichte die Chefredakteurin von Russia Today, Margarita Simonjan, eine Liste mit 65 Namen, bei denen es sich angeblich um die ukrainischen Kriegsgefangenen an Bord gehandelt habe. Anfänglich gab es Zweifel an der Richtigkeit dieser Liste, doch am 27. Januar bestätigte die ukrainische Agentur für den Austausch von Kriegsgefangenen deren Korrektheit.
Andrei Kartapolow, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses der Duma, behauptete, ein zweites Transportflugzeug, das ebenfalls 80 ukrainische Kriegsgefangene hätte transportieren sollen, habe nach dem Vorfall seinen Kurs geändert. Experten der Jane's Information Group äußerten sich vorsichtig zu den genauen Umständen; demnach könnte der Absturz entweder im Anflug auf Belgorod oder beim Abflug von dort erfolgt sein.
Die Frage der Verantwortung entwickelte sich zu einem zentralen Streitpunkt. Das russische Außenministerium beschuldigte die Ukraine, das Flugzeug abgeschossen zu haben, und bezeichnete dies als „barbarischen" Akt. Das Verteidigungsministerium behauptete unter Berufung auf seine Radarsysteme, das Flugzeug sei von zwei Raketen getroffen worden, die aus dem Gebiet Lypzi jenseits der Grenze in der Oblast Charkiw abgefeuert worden seien. Am 31. Januar behauptete Präsident Putin, der Abschuss sei durch MIM-104-Patriot-Raketen erfolgt.
Auf ukrainischer Seite bestätigte zunächst ein Sprecher des Militärgeheimdienstes, das Flugzeug habe S-300-Raketen transportiert, und ukrainische Kräfte hätten es abgeschossen. Diese Erfolgsmeldung wurde jedoch später zurückgezogen. Die ukrainische Agentur für Kriegsgefangenenaustausch warnte, Russland nutze die Meldung von Kriegsgefangenen an Bord gezielt für eine „spezielle Informationsoperation", die darauf abziele, die ukrainische Gesellschaft zu destabilisieren und die internationale Unterstützung für die Ukraine zu schwächen.
Ein Sprecher des ukrainischen Generalstabs bestätigte, dass für den Tag des Absturzes tatsächlich ein Gefangenenaustausch von jeweils 192 Personen geplant gewesen sei. Dieser Austausch fand jedoch nach Angaben des Sprechers nicht statt. Am 25. Januar berief Russland eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates ein, bei der die Parteien erbittert über die Ursachen und die Verantwortung für das Unglück stritten, ohne dass eine gesicherte gemeinsame Feststellung erzielt werden konnte.
Die Iljuschin Il-76 ist eine militärische Transportmaschine, die für den Transport von Truppen, Ausrüstung und Munition eingesetzt wird und damit nach internationalem Kriegsrecht als legitimes militärisches Ziel gilt. Dieser Aspekt prägte die Debatte darüber, ob die Behauptung, Kriegsgefangene befördert zu haben, möglicherweise selbst Teil einer strategischen Täuschung war. Das Ereignis zeigte einmal mehr, wie im modernen Krieg Informationen als Waffe eingesetzt werden, und hinterließ tiefe Unsicherheit darüber, was an jenem Januarmorgen über Belgorod tatsächlich geschehen war.
