Sydney Brenner zählt zu den bedeutendsten Biologen des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Lebensweg führte ihn von einer kleinen Schusterwerkstatt in Südafrika bis in die erste Reihe der weltweiten Wissenschaftsgemeinde, wo er Entdeckungen machte, die das Verständnis des Lebens selbst revolutionierten.
Brenner wurde am 13. Januar 1927 in Germiston, damals Teil der Südafrikanischen Union, als Sohn jüdischer Einwanderer geboren. Sein Vater war 1910 aus Litauen, das damals zum Russischen Kaiserreich gehörte, nach Südafrika emigriert, seine Mutter 1922 aus Lettland. Der Vater, der nie lesen und schreiben gelernt hatte, im Laufe seines Lebens aber immerhin fünf Sprachen erwarb – Jiddisch, Russisch, Englisch, Afrikaans und isiZulu – betrieb eine kleine Schusterwerkstatt. Es war eine einfache Herkunft, die dem jungen Sydney jedoch keinen Nachteil bedeutete.
Eine aufmerksame Kundin erkannte die außergewöhnliche Intelligenz des Jungen und überredete seinen Vater, ihn in ihren Kindergarten zu schicken. Dort fiel Brenner durch seine Begabung auf, übersprang mehrere Schulklassen und schloss die High School in Germiston im Dezember 1941 ab – da war er gerade einmal fünfzehn Jahre alt. In der örtlichen Bibliothek hatte er seine Leidenschaft für die Naturwissenschaften entdeckt, und mit einem Stipendium des Stadtrats von Germiston begann er 1942 ein Studium der Medizin und Naturwissenschaften an der Universität Witwatersrand in Johannesburg.
1951 schloss Brenner das Studium mit dem Grad Bachelor of Medicine, Bachelor of Surgery ab. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits entschieden, Forscher und kein praktischer Arzt zu werden. Auf Anraten seiner akademischen Mentoren bewarb er sich bei Cyril Norman Hinshelwood, dem Professor für Physikalische Chemie an der Universität Oxford, der an der Schnittstelle zwischen Chemie und Biologie arbeitete. Hinshelwood nahm ihn als Doktoranden auf, und 1954 wurde Brenner am Exeter College der Universität Oxford promoviert.
Nach einer kurzen Zeit in einem chemischen Labor wechselte Brenner 1956 an das Laboratory of Molecular Biology des Medical Research Council in Cambridge, England. Dort sollte er die nächsten Jahrzehnte verbringen und seine wichtigsten Entdeckungen machen. Im Jahr 1961 gelang ihm gemeinsam mit Kollegen eine der folgenreichsten Entdeckungen der Biologie: die Mitentdeckung der Boten-RNA, der messenger RNA, kurz mRNA. Diese Moleküle übertragen die genetische Information von der DNA zu den Ribosomen, wo Proteine hergestellt werden, und sind damit ein zentrales Element des Lebens.
In denselben Jahren der 1960er trug Brenner auch zur Entschlüsselung des genetischen Codes bei, als er gemeinsam mit Kollegen Frameshift-Mutationen entdeckte – Veränderungen im Erbgut, die das gesamte Lesemuster eines Gens verschieben. Doch eine seiner weitreichendsten Entscheidungen war die Einführung eines neuen Modellorganismus in die Biologie: des winzigen Fadenwurms Caenorhabditis elegans. Mit diesem nur etwa einen Millimeter langen Tier, das sich leicht züchten lässt und dessen gesamte Zelllinie bekannt ist, eröffnete Brenner völlig neue Möglichkeiten zur Erforschung der Organentwicklung und des Nervensystems. Durch die Arbeit mit C. elegans wurden auch die ersten Gene beschrieben, die bei der Apoptose, dem programmierten Zelltod, eine Schlüsselrolle spielen.
Im Jahr 1979 wurde Brenner Leiter der entsprechenden Abteilung am MRC, sieben Jahre später Direktor der molekulargenetischen Abteilung, die er bis 1991 leitete. 1975 gehörte er zu den Organisatoren der legendären Asilomar Conference on Recombinant DNA, einer internationalen Tagung, auf der Wissenschaftler gemeinsam über die potenziellen biologischen Gefahren der Gentechnik und deren Regulierung diskutierten – eine wegweisende Initiative, die zeigt, dass Brenner stets auch die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft im Blick hatte.
Von 1996 bis 2000 forschte Brenner am Salk Institute in La Jolla und am von ihm mitgegründeten Molecular Sciences Institute in Berkeley, Kalifornien. Von 2005 bis 2011 war er Präsident der Promotion Corporation des Okinawa Institute of Science and Technology in Japan, einer Graduiertenuniversität, bei deren Gründung er eine wichtige Rolle spielte. Bis zu seinem Tod war er am Salk Institute, am Janelia Research Campus und am Howard Hughes Medical Institute tätig.
Im Jahr 2002 erhielt Sydney Brenner gemeinsam mit H. Robert Horvitz und John E. Sulston den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Die drei Forscher wurden für ihre Entdeckungen zur genetischen Regulation der Organentwicklung und des programmierten Zelltods geehrt – ein Forschungsfeld, zu dem Brenner mit seiner Arbeit an C. elegans entscheidend beigetragen hatte. 1966 war er bereits zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt worden, 1970 erhielt er die Gregor-Mendel-Medaille.
Sydney Brenner verstarb am 5. April 2019 in Singapur. Er hinterließ ein wissenschaftliches Erbe, das von der Grundlagenbiologie bis zur modernen Genetik reicht und dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind.


