biografias

1970

Jahr

4 min01/01/2024
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Das Jahr 1970 markierte in vielerlei Hinsicht einen Wendepunkt – ein Jahr, das auf den Umbrüchen der 1960er aufbaute und eine Welt zeigt, die in politischer, gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht im Aufruhr war. Von Lateinamerika über Europa bis Asien überschlugen sich die Ereignisse, und auf jedem Kontinent wurden Zeichen gesetzt, die das folgende Jahrzehnt prägen sollten.

Vom Europarat als Europäisches Naturschutzjahr ausgerufen und von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Bildung erklärt, begann 1970 mit Symbolen des Fortschritts und des Bewusstseins. Das Bewusstsein für Bildung und Natur als gesellschaftliche Anliegen war kein Zufall: Die politischen Bewegungen der späten 1960er hatten neue Ansprüche formuliert.

Bereits am 1. Januar traten mehrere bedeutsame Veränderungen in Kraft. Hans-Peter Tschudi wurde erneut zum Bundespräsidenten der Schweiz. In Großbritannien senkte das Parlament das Volljährigkeitsalter von einundzwanzig auf achtzehn Jahre – eine gesellschaftspolitische Weichenstellung, die Millionen junger Briten neue bürgerliche Rechte verschaffte. Ebenfalls am 1. Januar trat der neue Allgemeine Römische Kalender der katholischen Kirche in Kraft, ein Ergebnis der liturgischen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Am 13. Februar erschütterte ein Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in München Deutschland. Sieben Bewohner kamen ums Leben. Der Anschlag stand im Kontext eines wiederauflebenden Antisemitismus und löste tiefe Betroffenheit aus. Wenige Tage später, am 21. Februar, stürzte der Swissair-Flug 330 aufgrund einer Bombenexplosion in der Schweiz ab. Das eigentliche Ziel des Attentats war die israelische Fluggesellschaft El Al gewesen – ein Zeichen der eskalierenden Gewalt im Nahost-Konflikt, der nun auch auf europäischem Boden seine Spuren hinterließ.

Am 23. Februar wurde Guyana zur kooperativen Republik ausgerufen – ein weiterer Schritt in der langen Entkolonialisierung Südamerikas und der Karibik. Wenige Tage zuvor, am 2. März, hatte die ehemalige britische Kolonie Rhodesien, das spätere Simbabwe, sich fünf Jahre nach seiner einseitigen Unabhängigkeitserklärung zur Republik erklärt. Das weiße Minderheitsregime unter Ian Smith stieß damit auf breite internationale Ablehnung: Außer von Südafrika anerkannte kein anderer Staat diesen Schritt.

Am 1. März erreichte die SPÖ unter Bruno Kreisky bei den österreichischen Nationalratswahlen ihr bis dahin bestes Nachkriegsergebnis und wurde stärkste Partei – der Beginn einer Ära, die Österreich nachhaltig verändern sollte. Am 10. März entführten Christel und Eckhard Wehage ein Verkehrsflugzeug der Interflug aus der DDR und versuchten, den Weiterflug nach Hannover durchzusetzen. Der Versuch scheiterte, doch er zeigte exemplarisch die verzweifelte Sehnsucht vieler DDR-Bürger nach Freiheit.

Ein historisches Bild entstand am 19. März in Erfurt: Bundeskanzler Willy Brandt traf sich im Erfurter Hof mit dem Ministerpräsidenten der DDR Willi Stoph. Es war das erste direkte Gespräch zwischen Regierungschefs der beiden deutschen Staaten und ein Symbol für die neue Ostpolitik Brandts – ein vorsichtiger Schritt aufeinander zu über den Eisernen Vorhang hinweg. Zwei Wochen zuvor, am 18. März, hatte Lon Nol Prinz Norodom Sihanouk von Kambodscha entmachtet – ein Umsturz, der das Land tiefer in den Indochina-Konflikt zog und jahrzehntelange Instabilität einleitete.

Im Januar war es in Manila zu heftigen Studentenunruhen gekommen, die als First Quarter Storm in die philippinische Geschichte eingingen. Am 26. Januar brachen diese Proteste offen aus – angeheizt durch soziale Ungleichheit, politische Korruption und den Einfluss des Vietnamkriegs auf die gesamte Region. Auf internationaler Ebene unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und Pakistan am 24. Januar ein Doppelbesteuerungsabkommen, und Brasilien erweiterte durch ein Dekret von Präsident Emílio Garrastazu Médici am 25. März sein maritimes Hoheitsgebiet von zwölf auf zweihundert Seemeilen – eine Entscheidung, die internationale Debatten über die Rechte der Küstenstaaten anstieß.

Das Jahr 1970 war kein ruhiges Jahr. Es war ein Jahr des Aufbegehrens, der nationalen Neuordnungen und der stillen wie lauten Revolutionen – ein Jahr, das sowohl die Wunden der Vergangenheit offenlegte als auch die Konturen der kommenden Jahrzehnte zeichnete.

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