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Erdbeben in der Türkei und Syrien 2023

Starkes Erdbeben im Süden der Türkei und im Norden Syriens am 6. Februar 2023

6 min01/01/2024
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Am frühen Morgen des 6. Februar 2023, um 04:17 Uhr Ortszeit, erschütterte ein Erdbeben der Magnitude 7,8 Mw den Südosten der Türkei und den Norden Syriens. Die Menschen in der Region schliefen noch, als die Erde unter ihnen aufbrach – mit einer Wucht, die Jahrhunderte aufgebauter tektonischer Spannungen in Sekunden entlud. Es war das stärkste Erdbeben, das die Türkei seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen getroffen hatte, gleichauf mit dem verheerenden Erzincan-Erdbeben von 1939.

Der geologische Kontext erklärt die extreme Stärke des Bebens. Die Katastrophe ereignete sich im Bereich einer sogenannten Triple Junction – einem Punkt, an dem drei tektonische Platten zusammenstoßen: die Anatolische Platte, die Arabische Platte und die Afrikanische Platte. Das Epizentrum lag etwa 9 Kilometer östlich von Sakçagözü, das Hypozentrum in einer Tiefe von schätzungsweise 17,9 Kilometern. Mechanismus und Lage des Bebens deuten darauf hin, dass es sich entweder entlang der Ostanatolischen Verwerfung oder der Totes-Meer-Transformationszone ereignete.

Die Ostanatolische Verwerfung ist eine rund 700 Kilometer lange linksseitige Transformstörung, die die Grenze zwischen der Anatolischen und der Arabischen Platte bildet. Ihre Bewegungsgeschwindigkeit variiert: Im Osten beträgt sie etwa 10 Millimeter pro Jahr, im Westen nur noch zwischen 1 und 4 Millimeter pro Jahr. Diese Verwerfung hat in der Vergangenheit wiederholt schwere Beben erzeugt – unter anderem 1789, 1795, 1872, 1874, 1875, 1893 und 2020. Andreas Schäfer vom Karlsruher Institut für Technologie hob hervor, dass das letzte ähnlich starke Beben in dieser Region im Jahr 1114 stattgefunden hatte: Über 900 Jahre hatten sich Spannungen an den Plattengrenzen aufgebaut, die sich nun mit brutaler Kraft entluden.

Das Erdbeben der Stärke 7,8 riss den Untergrund auf einer Länge von etwa 400 Kilometern auf – eine Länge, die bei Erdbeben an Land selten erreicht wird. Die maximale Mercalli-Intensität wurde mit IX bewertet, was als verwüstend gilt. Satellitenaufnahmen des Radarsatelliten Sentinel-1 bestätigten, dass durch die Erschütterungen an manchen Stellen Verwerfungsversätze von bis zu sechs Metern entstanden.

Wenige Stunden später, um 13:24 Uhr Ortszeit, folgte ein zweites schweres Beben der Magnitude 7,5 – diesmal 4 Kilometer östlich von Ekinözü. Bereits um 04:28 Uhr hatte ein Nachbeben der Stärke 6,7 in 14,5 Kilometern Tiefe rund 5 Kilometer südlich von Sakçagözü die Menschen aufgeschreckt. Insgesamt folgten dem Hauptbeben zahllose Nachbeben, die Rettungsarbeiten erschwerten und weitere Gebäude zum Einsturz brachten.

Die menschliche Katastrophe war von erschütterndem Ausmaß. In der Türkei und in Syrien wurden insgesamt 62.013 Tote geborgen; mehr als 125.000 Menschen wurden verletzt. Ganze Stadtteile waren innerhalb von Sekunden zu Trümmern zusammengebrochen. Elf türkische Provinzen waren unmittelbar betroffen. Am 19. Februar 2023, knapp zwei Wochen nach den Beben, wurden in neun der elf betroffenen türkischen Provinzen die Sucharbeiten eingestellt, da keine Überlebenden mehr gefunden werden konnten. Die Opferzahl übertraf die des Tōhoku-Erdbebens vor Japan im Jahr 2011 und war die höchste seit der Katastrophe in Haiti im Jahr 2010.

Für Syrien, das seit Jahren durch Krieg und wirtschaftliche Isolation geschwächt war, bedeutete das Erdbeben eine humanitäre Katastrophe im Chaos. In den von Rebellen kontrollierten Nordwestprovinzen gestaltete sich die internationale Hilfe besonders schwierig. Viele Gebäude, die bereits durch jahrelange Bombardierungen beschädigt worden waren, hielten dem Beben nicht stand.

Die Kammer der Ingenieur-Geologen in der Türkei hatte die Behörden und das Präsidialamt zuvor ausdrücklich vor Erdbeben in dieser Region gewarnt – ohne Reaktion. Die Kammer erklärte nach der Katastrophe, das Beben sei erwartbar gewesen und das Ausmaß der Zerstörung habe nicht überrascht. Zahlreiche Gebäude waren nach Erkenntnissen der Ermittler nicht erdbebensicher gebaut worden, obwohl entsprechende Vorschriften existierten. Dies löste eine breite gesellschaftliche Debatte über Baustandards, Korruption und staatliches Versagen in der Türkei aus.

Die internationalen Hilfsmaßnahmen waren beispiellos. Dutzende Länder entsandten Rettungsteams, medizinische Einheiten und Hilfsgüter in die betroffenen Regionen. Trotz der logistischen Schwierigkeiten gelang es Rettungskräften, in den ersten Tagen nach dem Beben immer wieder Überlebende aus den Trümmern zu befreien – Momente, die um die Welt gingen und kurzfristig Hoffnung in das Dunkel der Katastrophe brachten.

Das Erdbeben von 2023 wird als tektonische Zäsur und als humanitäres Desaster in die Geschichte eingehen. Es hat nicht nur eine physische Landschaft zerstört, sondern auch politische und gesellschaftliche Diskussionen über Katastrophenschutz, Baupolitik und staatliche Verantwortung ausgelöst, die weit über die Grenzen der Türkei und Syriens hinauswirken.

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