Joseph Thomas Sheridan Le Fanu war einer der großen Meister der englischsprachigen Schauererzählung, ein irischer Schriftsteller, dessen Werke das Genre der Geistergeschichte und des gotischen Romans im neunzehnten Jahrhundert nachhaltig formten. Er wurde am 28. August 1814 in Dublin geboren als Sohn des protestantischen Geistlichen Thomas Philip Le Fanu, der hugenottischer Abstammung war, und dessen Frau Emma Lucretia, geborene Dobbin. Dublin war nicht nur sein Geburtsort, sondern auch der Schauplatz seines gesamten Lebens: Er starb am 10. Februar 1873 ebendort, im Alter von 58 Jahren, in seinem Haus am Merrion Square.
Le Fanu studierte Rechtswissenschaften am Trinity College in Dublin, dem symbolischen Mittelpunkt des protestantischen irischen Bürgertums. Doch das Recht fesselte ihn nicht. Sein wahres Interesse galt dem Schreiben und dem Journalismus. Im Jahr 1838 veröffentlichte er seine erste Erzählung mit dem Titel "The Ghost and the Bonesetter" im Dublin University Magazine, einer der wichtigsten kulturellen Zeitschriften Irlands jener Zeit. Es war der Beginn einer literarischen Karriere, die ihn weit über die irischen Grenzen hinaus bekannt machen sollte.
Im Jahr 1844 heiratete Le Fanu Susanna Bennett, die Tochter eines Rechtsanwalts. Das Paar bekam vier Kinder: Eleanor im Jahr 1845, Emma 1846, Thomas 1847 und George 1854. Die Ehe war zunächst glücklich, überschattete sich jedoch mit zunehmendem Alter durch die psychische Erkrankung seiner Frau. Susanna litt an Depressionen und hysterischen Anfällen, die sich verschlimmerten. Im Jahr 1858 starb sie unerwartet. Diesen Verlust verarbeitete Le Fanu mit großen Schuldgefühlen und verstummte für eine Zeit als Schriftsteller.
Erst nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1868 überwand er diese innere Krise. Bereits 1861 hatte er das Dublin University Magazine erworben und war dessen Herausgeber geworden. Der Londoner Verleger Richard Bentley riet ihm, für seine Erzählungen englische Schauplätze und die Gegenwart zu wählen, um beim englischen Lesepublikum besser anzukommen. Dieser Rat erwies sich als goldrichtig: Mit dem 1864 erschienenen Roman "Uncle Silas" erzielte Le Fanu seinen größten Publikumserfolg zu Lebzeiten. Das Buch wurde vielfach übersetzt, darunter ins Deutsche unter dem Titel "Onkel Silas oder Das verhängnisvolle Erbe".
Das Werk, das seinen literarischen Nachruhm am stärksten begründete, ist jedoch die Erzählung "Carmilla", die Geschichte einer lesbischen Vampirin, die in der Steiermark spielt. Sie erschien 1872 in der Sammlung "In a Glass Darkly" und erlangte posthum enormen Einfluss. Bram Stoker, der bei der Abfassung seines berühmten Romans "Dracula" (1897) auf Le Fanus Vorlage zurückgriff, übernahm zahlreiche Motive und Strukturelemente. "Carmilla" gilt als eines der Schlüsselwerke der Vampirliteratur und beeinflusste die Schauerliteratur bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein.
Die britische Filmproduktionsgesellschaft Hammer Films verarbeitete "Carmilla" Anfang der 1970er Jahre gleich dreimal: Die sogenannte Karnstein-Trilogie umfasst die Filme "Gruft der Vampire", "Nur Vampire küssen blutig" und "Draculas Hexenjagd" – drei eigenständige Adaptionen, die dem Stoff ein neues Publikum erschlossen. Auch in anderen Ländern und Medien fand die Geschichte immer neue Interpretationen und Verfilmungen.
Neben "Carmilla" und "Uncle Silas" hinterließ Le Fanu ein umfangreiches Werk. Dazu gehören "The House by the Churchyard" (1863), der in der irischen Vergangenheit verankerte Roman "The Fortunes of Colonel Torlogh O'Brien" (1847) sowie die Sammlungen "Chronicles of Golden Friars" und "Checkmate" (1871). In fast allen seinen Erzählungen kehren die gleichen Themen wieder: Geistererscheinungen, moralische Schuld, das Eindringen des Übernatürlichen in die scheinbar geordnete Welt des Bürgertums. Der psychologische Unterton unterscheidet Le Fanus Schauerliteratur von bloßer Effekthascherei.
Le Fanu wurde auf dem Friedhof Mount Jerome in Dublin begraben. Sein Einfluss auf die englischsprachige Schauerliteratur ist kaum zu überschätzen. Im deutschen Sprachraum erlangte er durch Übersetzungen und den Widerhall seines Werks in der Populärkultur eine Bekanntheit, die über Spezialistenkreise hinausgeht. Dass Werke wie "Carmilla" und "Uncle Silas" bis heute gelesen, neu übersetzt und verfilmt werden, bezeugt die Lebendigkeit eines literarischen Erbes, das weit über seine Zeit hinausweist.

