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Getúlio Vargas

Präsident Brasiliens (1930–1945 und 1950–1954)

6 min01/01/2024
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Getúlio Dornelles Vargas wurde am 19. April 1882 in São Borja im südlichsten Bundesstaat Brasiliens, Rio Grande do Sul, geboren. In einer Politikerfamilie aufgewachsen, studierte er Jura und arbeitete einige Jahre als Anwalt, bevor er in die Politik wechselte. 1907 zog er erstmals als Abgeordneter in den Kongress des Bundesstaates Rio Grande do Sul ein. Im März 1911 heiratete er Darci Lima Sarmanho Vargas. Seine Karriere verlief steil: Ab 1922 gehörte er dem brasilianischen Nationalkongress an, 1926 wurde er Finanzminister und 1928 Gouverneur seines Heimatstaates.

Im Jahr 1930 kandidierte Vargas bei der Präsidentenwahl gegen den von der Regierung unterstützten Kandidaten und verlor. Die Wahl war jedoch von Manipulationen überschattet, und eine breite Koalition der Unzufriedenen formierte sich. Am 24. Oktober 1930 übergab das Militär Vargas die Macht, ausgestattet mit diktatorischen Vollmachten. Am 3. November 1930 übernahm er offiziell das Präsidentenamt. Damit begann eine der prägendsten Herrschaftsperioden der brasilianischen Geschichte.

In seinen ersten Amtsjahren trieb Vargas tiefgreifende Reformen voran. Er ließ am 3. Mai 1933 eine Wahl für eine Verfassungsgebende Versammlung abhalten, die eine neue Verfassung erarbeitete, welche am 16. Juli 1934 in Kraft trat. Er förderte Nationalismus, Industrialisierung und die Zentralisierung der Macht. Brasiliens Anteil am Weltmarkt für Baumwolle wuchs unter seiner Führung von zwei Prozent auf 8,7 Prozent, und die Analphabetenrate sank von 70 auf 56 Prozent. Für seinen Einsatz zugunsten der Arbeitnehmerrechte – der Einführung von Mindestlohn, Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen – erhielt er den Beinamen O Pai dos Pobres, der Vater der Armen.

Gleichzeitig war Vargas ein überzeugter Antikommunist, der politische Gegner verfolgte und die Rechtsstaatlichkeit systematisch aushöhlte. Als für 1938 Präsidentschaftswahlen angesetzt wurden und Vargas den möglichen Kandidaten misstraute, suchte er nach einem Vorwand für einen neuen Machtgriff. Im September 1937 wurde ein Offizier verhaftet, der im Verteidigungsministerium ein Dokument abgetippt hatte, das angeblich einen kommunistischen Umsturzplan enthielt. Dieser sogenannte Cohenplan war mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Fälschung. Der Name „Cohen" war jüdisch konnotiert und diente als Verweis auf den ungarischen Kommunisten Béla Kun. Dennoch nutzte Vargas das Dokument, um den Kriegszustand ausrufen zu lassen und diktatorische Vollmachten zu erhalten.

Am 10. November 1937 ließ er das Parlament schließen, verbot alle politischen Parteien und Organisationen und proklamierte den Estado Novo – den Neuen Staat – nach dem Vorbild faschistischer Regimes in Europa. Er regierte nun als unumschränkter Diktator, umgeben von Gefolgsleuten in hunderten neu geschaffener Institutionen. Klientelismus und Korruption blühten. Sein berühmtes Diktum lautete: „Für meine Freunde alles, für meine Feinde das Gesetz." Unter seiner Herrschaft verlagerte sich die Macht von den Bundesstaaten zur Zentralregierung und von den Großgrundbesitzern zur städtischen Mittel- und Unterschicht.

Ethnische Minderheiten wurden in dieser Zeit unter starken Druck gesetzt. Deutschbrasilianer, Italiener und Japaner wurden verpflichtet, Portugiesisch zu sprechen; ihre Schulen, Zeitungen und Vereine wurden geschlossen. Vargas wollte eine einheitliche, portugiesischsprachige brasilianische Nation, in der regionale und ethnische Besonderheiten keinen Platz haben sollten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem Brasilien 1942 auf Seiten der Alliierten in den Krieg eintrat, schwand die internationale Legitimität autoritärer Regimes. 1945 zwang das Militär Vargas zum Rücktritt. Doch die Geschichte war noch nicht zu Ende: 1950 kandidierte er erneut für die Präsidentschaft und gewann mit großem Vorsprung. Als gewählter Präsident regierte er abermals, doch die zweite Amtszeit war von wirtschaftlichen Problemen und politischen Intrigen geprägt.

Im Jahr 1954 gipfelte eine Krise um einen Mordanschlag auf einen Journalisten, der engen Verbindungen zu Vargas' Sicherheitsapparat nachgewiesen wurden, in einer offenen Konfrontation. Das Militär forderte seinen Rücktritt. Am 24. August 1954 erschoss sich Getúlio Vargas in seinem Schlafzimmer im Catete-Palast in Rio de Janeiro. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem er sich als Märtyrer des brasilianischen Volkes gegenüber dem Kapital und ausländischen Interessen inszenierte. Der Brief löste eine Welle der Volkstrauer aus, die die Anti-Vargas-Koalition zeitweise in die Defensive trieb.

Das Urteil der Geschichte über Vargas ist gespalten. Als Modernisierer, der Brasilien aus der Agrargesellschaft in die Industrieepoche führte und ein umfassendes Arbeitsrecht schuf, verdient er Anerkennung. Als Diktator, der Pressefreiheit, Rechtsstaatlichkeit und ethnische Vielfalt systematisch zerstörte, steht er in einer dunklen Tradition. Insgesamt 18 Jahre regierte er Brasilien – länger als jeder andere Staatsführer mit Ausnahme von Kaiser Pedro II. – und hinterließ ein Land, das tief von seinen Widersprüchen geprägt war.

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