Fußball und Identität sind in Brasilien eng miteinander verwoben, und Paulo César Fonseca do Nascimento lebt diese Verbindung wie kaum ein anderer. Besser bekannt unter seinem Spitznamen Tinga, wurde er am 13. Januar 1978 in Porto Alegre geboren und wuchs im Viertel Restinga auf, das ihm seinen Beinamen schenkte. Tinga ist nicht nur ein Kurzname, er ist ein Bekenntnis zu den Wurzeln, zu einem Viertel am Rande der Stadt, das nicht auf den Postkarten Brasiliens vorkommt, aber Menschen hervorgebracht hat, die auf den größten Fußballbühnen der Welt brillierten.
Mit einem Körpergewicht von 65 Kilogramm bei 1,70 Metern Körpergröße war Tinga kein physisch einschüchternder Mittelfeldspieler, doch er besaß jene Qualitäten, die in der modernen Taktiksprache unschätzbar sind: Er war stets anspielbar, ball- und passsicher sowie lauf- und zweikampfstark. Das Sportmagazin kicker fasste seine Stärken in einer Beschreibung zusammen, die zur Ikone wurde. In Dortmund verlieh ihm die Fanszene den liebevollen Beinamen das Tier, ein Ausdruck höchsten Respekts im Ruhrgebietsfußball. Tinga selbst kommentierte sein eigenes Spiel mit entwaffnender Bescheidenheit: Wenn es gut läuft, bin ich nicht der Beste. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, nicht der Schlechteste.
Der Weg nach Europa führte über einen der bedeutendsten Momente seiner Karriere. Am 16. August 2006 wurde Tinga mit dem SC Internacional aus Porto Alegre Copa-Libertadores-Sieger. Im Rückspiel gegen den FC São Paulo, das mit 2:2 endete, nach einem 2:1-Auswärtssieg im Hinspiel, erzielte er das zwischenzeitliche 2:1, jenes Tor, das Internacionals Vorteil sicherte. Was folgte, wurde zu einer der kuriosesten Szenen in der Geschichte des südamerikanischen Vereinsfußballs: Unmittelbar nach dem Treffer zog sich Tinga im Torjubel das Trikot über den Kopf, auf dem darunter getragenen T-Shirt stand auf Portugiesisch Obrigado Jesus, zu Deutsch Danke Jesus. Die Schiedsrichter zeigten ihm die Gelb-Rote-Karte, er musste den Platz verlassen, doch das Ergebnis hielt, und Internacional war Südamerikasieger.
Am 17. August 2006, einen Tag nach diesem Triumph, wurde sein Wechsel zu Borussia Dortmund bekannt gegeben. Er unterschrieb einen Dreijahresvertrag bis zum 30. Juni 2009 und lief beim BVB ebenso wie zuvor bei Internacional mit der Rückennummer 7 auf. In Dortmund spielte er sich schnell in die Herzen der Fans. Er war das Bindeglied im Mittelfeld, der Mann, der lief und kämpfte, wenn andere zögerten. Am 19. April 2008 stand er mit dem BVB im DFB-Pokal-Finale in Berlin, das die Mannschaft mit 1:2 gegen den FC Bayern München verlor, ein bitterer Abend, aber ein Zeugnis dafür, dass er mit dem Verein gemeinsam auf höchster nationaler Ebene konkurrierte.
Nach dem Ende seines Vertrages kehrte Tinga am Ende der Saison 2009/10 zu seinem Stammverein SC Internacional zurück, wo er seine Karriere begonnen hatte und wo er die größten Momente erlebt hatte. Im Mai 2012 wechselte er zum Cruzeiro EC nach Belo Horizonte. Bei Cruzeiro gewann er 2014 die Staatsmeisterschaft von Minas Gerais und beendete nach dieser Saison seine aktive Laufbahn als Spieler. Sein Übergang in eine neue Karrierephase vollzog sich nahtlos: Seit Januar 2017 arbeitet er für Cruzeiro als Manager, auch wenn sein Vertrag im Oktober 2017 zum Jahresende aufgelöst wurde.
Tinga bestritt vier Länderspiele für Brasilien. Nach zwei Einsätzen im Jahr 2001 pausierte er fünf Jahre, ehe er im November 2006 erneut für die Seleção auflief. Sein letztes Länderspiel absolvierte er 2007 in einem Freundschaftsspiel gegen Portugal. Die Zahl der Länderspiele täuscht über seine internationale Bedeutung hinweg: Wer in jener Ära mit Ronaldinho, Kaká und Ronaldo um Plätze im brasilianischen Nationalkader kämpfte, befand sich in denkbar härtester Konkurrenz.
Im Februar 2014 wurde Tinga Opfer eines abscheulichen rassistischen Vorfalls. In einem Gruppenspiel der Copa Libertadores gegen Real Garcilaso imitierten die Fans des peruanischen Klubs bei jeder seiner Ballberührungen Affenlaute. Die internationale Empörung war groß: Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff verurteilte den Vorfall über Twitter, FIFA-Präsident Joseph Blatter stufte den Vorgang eindeutig als Rassismus ein, und der peruanische Präsident Ollanta Humala entschuldigte sich öffentlich im Fernsehen. Tingas Reaktion, Würde und Fassung zu bewahren, anstatt sich zu provozieren, sprach für einen Charakter, der über den Fußball hinaus Respekt verdient.
