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Juscelino Kubitschek

Brasilianischer Politiker, Staatspräsident von Brasilien (1956–1961)

4 min01/01/2024
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Diamantina, eine kleine Stadt im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, ist für ihren Diamantenreichtum und ihre Barockkirchen bekannt. Am 12. September 1902 erblickte dort Juscelino Kubitschek de Oliveira das Licht der Welt. Der Name Kubitschek stammte von seinem Urgroßvater Johann, einem sudetendeutschen Einwanderer, der 1835 nach Brasilien gekommen war und sich in Diamantina niedergelassen hatte. Sein Vater João César de Oliveira starb jung, bereits 1904, und ließ seine Frau Julia und den kleinen Juscelino zurück. Trotz dieser schwierigen Anfangsbedingungen strebte Kubitschek nach Bildung und Aufstieg.

Er studierte Medizin an der Universität von Minas Gerais und setzte seine Ausbildung anschließend in Europa fort, wo er in Krankenhäusern in Paris, Wien und Berlin tätig war. Diese Erfahrungen mit modernen europäischen Metropolen prägte seinen Blick auf Stadtentwicklung und nationale Infrastruktur nachhaltig. Nach seiner Rückkehr nach Brasilien begann er eine politische Karriere: 1933 wurde er in die brasilianische Abgeordnetenkammer gewählt. Als Getúlio Vargas 1937 den Estado Novo ausrief und den Kongress auflöste, verlor Kubitschek seinen Sitz. Er wandte sich jedoch nicht von der Politik ab.

1939 wurde er Bürgermeister von Belo Horizonte, der Hauptstadt von Minas Gerais, und machte sich als Modernisierer der Stadtinfrastruktur einen Namen. Von 1946 bis 1950 kehrte er als Abgeordneter ins Parlament zurück und bekleidete anschließend bis 1955 das Amt des Gouverneurs von Minas Gerais. In dieser Zeit baute er seine Bekanntheit in ganz Brasilien aus und profilierte sich als Pragmatiker mit großem Entwicklungseifer.

Am 3. Oktober 1955 wurde Kubitschek als Kandidat einer Mitte-links-Koalition mit dem eingängigen Wahlkampfslogan „Cinquenta anos em cinco" – Fünfzig Jahre Fortschritt in fünf Jahren – mit 36 Prozent der Stimmen zum Staatspräsidenten von Brasilien gewählt. Am 31. Januar 1956 trat er sein Amt an. Was folgte, war eine Präsidentschaft, die Brasilien buchstäblich auf der Landkarte neu verortete.

Das größte und kühnste Projekt seiner Amtszeit war die Gründung einer neuen Bundeshauptstadt im Herzen des Landes: Brasília. Das Hochplateau von Goiás, das zentrale Landesinnere, war bis dahin weitgehend menschenleer und galt als unwirtlich und fern jeder Zivilisation. Kubitscheks Idee war politisch, wirtschaftlich und symbolisch zugleich: Die neue Hauptstadt sollte das Landesinnere erschließen, den Nationalstolz stärken und Brasilien als aufstrebende Weltmacht positionieren. Die Architekten Lúcio Costa und Oscar Niemeyer sowie der Landschaftsarchitekt Roberto Burle Marx schufen in wenigen Jahren eine Stadt, die mit ihrer kühnen modernistischen Formensprache international Aufsehen erregte. Am 21. April 1960 wurde Brasília feierlich eingeweiht.

Daneben wurden unter Kubitschek umfangreiche Straßenbauprojekte realisiert, die das bislang nur schwach erschlossene Hinterland mit den Küstenstädten verbanden. Die Automobilindustrie Brasiliens wurde in dieser Ära gegründet; ausländische Hersteller wie Volkswagen, Ford und General Motors errichteten Werke im Land. Ein breiter Wirtschaftsboom erfasste das Land, der sich in steigenden Einkommen, wachsenden Städten und einer aufstrebenden Mittelklasse manifestierte.

Allerdings hatte dieser Aufschwung seinen Preis. Der Fall des Kaffeepreises auf dem Weltmarkt in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre dämpfte das Wachstum erheblich. Die staatlichen Ausgaben für Brasília und die Industrialisierungsprogramme trieben die Staatsverschuldung in die Höhe; am Ende seiner Präsidentschaft belief sie sich auf vier Milliarden US-Dollar. Inflation und Haushaltsdefizite überschatteten das Erbe seiner Amtszeit.

Sein Nachfolger im Jahr 1961 war der Populist Jânio Quadros, dessen kurze und turbulente Präsidentschaft das politische Klima weiter destabilisierte. Als das brasilianische Militär 1964 die Macht übernahm, wurde Kubitschek jegliche politische Betätigung verboten. Er ging ins Exil und lebte in verschiedenen europäischen Städten sowie in den Vereinigten Staaten. 1967 kehrte er nach Brasilien zurück, konnte jedoch auf die Geschicke des Landes keinen Einfluss mehr nehmen.

Am 22. August 1976 starb Juscelino Kubitschek bei einem Verkehrsunfall in der Nähe von Resende. Die Umstände seines Todes blieben lange ungeklärt. Die Brasilianische Wahrheitskommission, die sich rund 35 Jahre später mit dem Fall befasste, kam im Dezember 2013 zu dem Schluss, dass es sich nicht um einen Unfall gehandelt habe, sondern um das Ergebnis einer Verschwörung. Gilberto Natalini, der Vorsitzende der Untersuchungsgruppe, erklärte, es bestünden „keine Zweifel" an einem Komplott. Als wahrscheinlichster Auftraggeber wurde das damalige Militärregime genannt. Ein 1996 bekanntgewordener Brief aus dem Jahr 1975 legt zudem nahe, dass die chilenische Geheimpolizei DINA in den Vorfall verwickelt war: In dem Schreiben bat deren Chef Manuel Contreras den Leiter des brasilianischen Geheimdienstes SNI, João Figueiredo, sicherzustellen, dass weder Kubitschek noch der chilenische Politiker Orlando Letelier in die aktive Politik zurückkehren würden. Letelier wurde tatsächlich im September 1976, einen Monat nach Kubitscheks Tod, von DINA-Agenten ermordet.

Das Vermächtnis Juscelino Kubitscheks ist tief im brasilianischen Bewusstsein verankert. Brasília, das UNESCO-Weltkulturerbe und Symbol eines nationalen Aufbruchs, trägt seinen Geist. Die Juscelino-Kubitschek-Brücke in der Hauptstadt, der Flughafen Brasília sowie das Wasserkraftwerk an der Irapé-Talsperre tragen seinen Namen. In einer populären Fernsehserie aus dem Jahr 2006 wurde sein Leben von José Wilker portraitiert. Kubitschek bleibt die Verkörperung eines brasilianischen Optimismus, der glaubte, dass Wille und Vision Wüste in Metropole verwandeln können.

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