Das Kaiserreich Brasilien gehört zu den faszinierendsten und widerspruchsreichsten Staatsgebilden der neuzeitlichen Geschichte Lateinamerikas. Von 1822 bis 1889 existierte auf dem Gebiet des heutigen Brasilien eine konstitutionelle Monarchie, die sich in einer Zeit republikanischer Umbrüche bemerkenswert stabil hielt und gleichzeitig tiefe Widersprüche in sich trug.
Die Wurzeln des Kaiserreichs liegen in einem europäischen Drama: dem Ansturm Napoleons auf die Iberische Halbinsel. Als die Truppen des französischen Kaisers 1807 auf Lissabon zumarschierten, traf der portugiesische Königshof eine folgenreiche Entscheidung. Unter König Johann VI. floh der gesamte Hof nach Brasilien und ließ sich 1808 in Rio de Janeiro nieder. Am 16. Dezember 1815 wurde Brasilien formell zum Königreich erhoben und damit gleichberechtigter Teil des Vereinigten Königreichs von Portugal, Brasilien und den Algarven.
Nach dem Sturz Napoleons kehrte Johann VI. 1821 nach Lissabon zurück und überließ seinem Sohn Peter die Regierung der Kolonie. Im selben Jahr entstand das Vereinigte Königreich, in dem die drei Gebietsteile gleichberechtigte Titularkönigreiche bildeten. Doch die portugiesische Regierung drängte zunehmend darauf, Brasilien wieder in den Status einer bloßen Kolonie zurückzuversetzen. Peter, der in Brasilien geblieben war, widerstrebte diesem Rückschritt.
Am 7. September 1822 vollzog Peter I. den entscheidenden Bruch: Nahe São Paulo rief er die Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal aus. Am 12. Oktober wurde er zum Kaiser ernannt und am 1. Dezember feierlich gekrönt. Die Unabhängigkeitserklärung blieb nicht ohne militärischen Widerstand; gegenüber Portugal treu gebliebene Soldaten leisteten Gegenwehr, was zu einem Unabhängigkeitskrieg führte, der bis 1824 andauerte.
Die internationale Anerkennung folgte in Stufen. 1823 erkannten die Vereinigten Staaten den neuen Staat an, 1824 das Vereinigte Königreich. Portugal selbst zögerte länger, gab dann aber im August 1825 nach dem Vertrag von Rio de Janeiro nach. Dem portugiesischen König wurde dabei formell der Titel eines Kaisers von Brasilien auf Lebenszeit verliehen – ein diplomatischer Kompromiss, der ihn nominell zum Mit-Staatsoberhaupt machte, de facto aber ohne Bedeutung blieb, denn die gesamte Macht lag bei Peter I.
Am 25. März 1824 erhielt das neue Reich eine liberale Verfassung, die Brasilianische Verfassung von 1824, und wurde zur konstitutionellen Monarchie. Bereits Ende 1825 aber begann in der südlichen Provinz Cisplatina eine Sezessionsbewegung unter Juan Antonio Lavalleja, unterstützt von Argentinien. Nach Kampfhandlungen und brasilianischen Rückschlägen vermittelten die Briten; 1828 wurde der Vertrag von Rio de Janeiro unterzeichnet, der der Republik Uruguay die Unabhängigkeit gewährte.
Ein weiteres dynastisches Komplikation folgte 1826, als Johann VI. in Lissabon starb und Peter I. als Peter IV. auch König von Portugal wurde. Da er nicht beide Reiche gleichzeitig regieren konnte, trat er zugunsten seiner Tochter Maria II. vom portugiesischen Thron zurück. Im April 1831 zwang ihn schließlich der brasilianische Widerstand im Parlament zum Rücktritt auch von der brasilianischen Krone.
Sein Nachfolger, Peter II., war damals erst fünf Jahre alt. Bis zu seiner Regierungsfähigkeit übernahm ein vom Parlament eingesetzter Regentenrat die Amtsgeschäfte. Am 23. Juli 1840 wurde Peter II. mit nur 14 Jahren vorzeitig für volljährig erklärt und 1841 zum Kaiser gekrönt. Seine Regierungszeit sollte das längste und stabilste Kapitel des Kaiserreichs werden.
Im Gegensatz zu den meisten seiner hispanisch-amerikanischen Nachbarstaaten erlebte Brasilien unter der Monarchie eine vergleichsweise ausgeprägte politische Stabilität. Das Zweikammerparlament wurde unter demokratischeren Bedingungen gewählt als in vielen Nachbarländern, und verfassungsmäßig garantierte Redefreiheit sowie Bürgerrechte prägten das politische Leben – freilich mit erheblichen Einschränkungen für Frauen und Sklaven, womit das System seine tiefste moralische Hypothek trug.
Am 15. November 1889 setzte ein Militärputsch dem Kaiserreich ein Ende. Die erste brasilianische Republik wurde ausgerufen. Peter II. und seine Familie verließen das Land, das er fast fünf Jahrzehnte regiert hatte. Das Kaiserreich Brasilien hinterließ ein geeintes, territorial intaktes Land – eine Leistung, die angesichts der Zersplitterung der ehemaligen spanischen Kolonien in Dutzende Einzelstaaten nicht selbstverständlich war und bis heute als prägend für die brasilianische Nationalidentität gilt.