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Krieg von Canudos

Massaker an christlichen Anhängern um Antonio Conselheiro zwischen 1896 - 1897 in Bahia

4 min01/01/2024
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Im hintersten Winkel des brasilianischen Nordostens, in der kargen und von Armut gezeichneten Halbwüstenlandschaft des Sertão, spielte sich in den Jahren 1896 und 1897 eines der grausamsten militärischen Massaker der brasilianischen Geschichte ab. Der Krieg von Canudos war weit mehr als ein Aufstand gegen staatliche Autorität – er war ein Spiegel der sozialen Zerrissenheit des Landes nach der Abschaffung der Sklaverei und dem Sturz der Monarchie.

Antônio Vicente Mendes Maciel, der als Antônio Conselheiro bekannt wurde – der Name bedeutet etwa „Antônio der Ratgeber" –, zog seit den 1870er Jahren als Wanderprediger durch den Bundesstaat Bahia. Er kümmerte sich um verlassene Kirchen und Friedhöfe, predigte Buße und ein entbehrungsreiches gottgefälliges Leben. Um ihn scharte sich eine wachsende Gemeinschaft aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen: verarmte Bauern, ehemalige Sklaven, geläuterte Kriminelle, Händler, Mestizen und Indigene. Conselheiro bot denjenigen eine Heimat, die das neugegründete brasilianische Staatswesen von 1889 nicht integriert hatte.

1893 ließ sich die Gemeinschaft auf der Fazenda Canudos nieder und nannte die Siedlung Belo Monte – Schöner Berg. Durch den ständigen Zustrom Verzweifelter und Gläubiger wuchs die Siedlung zu einer Stadt von 20.000 bis 30.000 Menschen an. Das war für die Region eine beachtliche Größe. Conselheiro genoss unter den Bewohnern messianisches Ansehen; das Leben in Canudos war einfach, religiös durchdrungen und weitgehend selbstorganisiert.

Das Verhältnis zur jungen brasilianischen Republik war von Anfang an feindselig. Die Gemeinschaft von Canudos lehnte die Zivilehe, neue Steuergesetze, die Schulpflicht und eine groß angelegte Volkszählung als unchristlich und unterdrückend ab. Die Zentralregierung interpretierte diese Ablehnung als monarchistischen Widerstand und drohende Bedrohung für die republikanische Ordnung. Damit begann eine verhängnisvolle Eskalationsspirale.

Der erste Militärangriff erfolgte im November 1896 unter dem Kommando von Pires Ferreira. Seine kleine Truppe aus einigen Dutzend Mann war den kampferprobten Jagunços – den aufständischen Kämpfern von Canudos – zahlenmäßig weit unterlegen. Sie wurde besiegt und zum Rückzug gezwungen. Diese erste Demütigung trieb die Regierung zu einer ernsteren Reaktion.

Im Januar 1897 entsandte Major Febrônio de Brito eine zweite Expedition mit rund 600 Soldaten und Artilleriegeschützen. Auch dieser Verband scheiterte und musste sich geschlagen zurückziehen. Der dritte Versuch folgte im März 1897: das 7. Infanterieregiment unter dem erfahrenen Offizier Antônio Moreira César, 1.200 Mann stark und mit überlegener Ausrüstung. Auch diese Einheit wurde besiegt, ihr Kommandeur getötet. Die dreifache Niederlage erschütterte das Ansehen der Republik tief.

Nun entschloss sich die Regierung zur totalen Vernichtung. General Arthur Oscar de Andrade Guimarães erhielt das Kommando über mehrere tausend Soldaten und begann im Sommer 1897 eine viermonatige Belagerung der Stadt. Die Versorgungslage der Eingeschlossenen verschlechterte sich dramatisch. Krankheiten und Hunger dezimierten die Bevölkerung, doch Conselheiro verweigerte jede Kapitulation. Am 22. September 1897 starb er an Dysenterie, ohne dass seine Gemeinschaft aufgegeben hatte.

Wenige Tage nach seinem Tod wurde Canudos endgültig von den Regierungstruppen eingenommen. Was folgte, war ein Massaker. Viele der verbliebenen Bewohner wurden getötet, die Stadt vollständig zerstört und eingeebnet. Insgesamt verloren zwischen 15.000 und 20.000 Einwohner ihr Leben sowie rund 5.000 Soldaten.

Der Journalist und Schriftsteller Euclides da Cunha erlebte die letzten Wochen des Feldzugs als Kriegsberichterstatter mit. Sein 1902 erschienenes Buch Os Sertões – auf Deutsch unter dem Titel Krieg im Sertão erschienen – gilt als eines der bedeutendsten Werke der brasilianischen Literatur. Da Cunha verband präzise Beobachtung mit tiefgreifender gesellschaftlicher Analyse und hinterfragte die Legitimität der staatlichen Gewalt. 1981 griff der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa den Stoff in seinem Roman Der Krieg am Ende der Welt auf und verarbeitete ihn zu einem literarischen Epos über Fanatismus und Macht.

Das Erbe von Canudos ist bis heute Gegenstand lebhafter Deutungskämpfe. Während manche Historiker in Conselheiro und seiner Gemeinschaft ein Beispiel fatalen religiösen Fanatismus sehen, werten andere die Siedlung als frühen Versuch einer alternativen, gemeinschaftlichen Gesellschaftsform. Unbestreitbar bleibt, dass Canudos ein Zeugnis für das Versagen des jungen brasilianischen Staates gegenüber seinen ärmsten Bürgern darstellt.

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