George Anthony Hincapie Garces wurde am 29. Juni 1973 im New Yorker Stadtteil Queens als Sohn eines kolumbianischen Einwanderers geboren. Sein Vater war in seiner kolumbianischen Heimat selbst ein erfolgreicher Radamateur gewesen und gab diese Leidenschaft an seine Söhne weiter. Gemeinsam mit seinem Bruder Michael machte George seine ersten Erfahrungen im Radsport im Central Park, jenem grünen Herzen Manhattans, das für viele Nachwuchsfahrer zur ersten Rennstrecke wurde. Diese Anfänge in der Metropole stehen in einem gewissen Kontrast zu der Welt der europäischen Klassiker, in der Hincapie später seinen Ruhm suchen sollte.
Im Jahr 1996 wurde Hincapie Profi beim US-amerikanischen Radsportteam Motorola, einem der führenden Teams jener Zeit. Bereits ein Jahr später, 1997, wechselte er zum US Postal Service Pro Cycling Team, dem Team, dem ab 1998 auch Lance Armstrong angehörte. Diese Entscheidung sollte sein gesamtes Berufsleben prägen. Hincapie wurde zu einem der wertvollsten Helfer, den die Radsportwelt je gesehen hat, einem sogenannten Edelhelfer, dessen Aufgabe darin bestand, seinen Kapitän zu schützen, zu versorgen und in entscheidenden Momenten zu führen.
Die Tour de France, das bedeutendste Radrennen der Welt, wurde zum Mittelpunkt von Hincapies Karriere. Er bestritt die Rundfahrt insgesamt siebzehnmal und beendete sie sechzehnmal, eine beeindruckende Konstanz auf höchstem Niveau. Er war der einzige Teamkollege von Armstrong, der bei allen sieben späteren Siegen des Amerikaners von 1999 bis 2005 Helferdienste leistete. Bei Armstrongs letztem Erfolg im Jahr 2005 belegte Hincapie den vierzehnten Gesamtrang und gewann eine schwere Pyrenäen-Etappe, nachdem er als Aufpasser an einem Ausreißversuch beteiligt gewesen war. Dieser Etappensieg wurde ihm später, 2012, wegen eines Dopinggeständnisses aberkannt.
Nach Armstrongs vorläufigem Rücktritt trat Hincapie 2006 als eigenständige Kraft in Erscheinung. Im Prolog der Tour de France jenes Jahres belegte er hinter Tagessieger Thor Hushovd den zweiten Platz. Im Verlauf der ersten Etappe sicherte er sich dank einer Zeitgutschrift das Gelbe Trikot, das er während der zweiten Etappe trug. Auch dieses Kapitel seiner Geschichte verdeutlicht, dass Hincapie weit mehr war als ein bloßer Schatten seines Kapitäns.
Besondere Stärke zeigte Hincapie bei den Eintagesklassikern, den sogenannten Monumenten des Radsports. Im Jahr 2001 gewann er den Klassiker Gent-Wevelgem, eines der prestigeträchtigsten Frühjahrsrennen in Belgien. Dreimal sicherte er sich zudem die US-amerikanische Straßenmeisterschaft. Seine große Leidenschaft aber gehörte Paris-Roubaix, dem Rennen über das berüchtigte Kopfsteinpflaster der nordfranzösischen Felder, dem er sein Leben lang nachjagte ohne je den Sieg zu holen. Im Jahr 2005 kam er dem Traum am nächsten, musste sich im Sprint jedoch Tom Boonen geschlagen geben. Im Jahr 2006 lag er aussichtsreich in einer Spitzengruppe mit Favoriten wie Boonen und Fabian Cancellara, als im 47 Kilometer vor dem Ziel beginnenden Abschnitt Mons-en-Pévèle der Gabelschaft seines Rennrades brach. Der schwere Sturz zwang ihn mit einer Schulterverletzung zur Aufgabe, und der Traum von Paris-Roubaix blieb unerfüllt.
Ab der Saison 2008 wechselte Hincapie zum Team High Road, das sich im Juni desselben Jahres in Team Columbia umbenannte. Ab 2010 fuhr er für das BMC Racing Team, bei dem er schließlich zum Ende der Saison 2012 seine Profikarriere beendete. Am 10. Oktober 2012 räumte Hincapie öffentlich ein, während seiner Karriere bis zum Jahr 2006 gedopt zu haben. Zusammen mit weiteren zehn ehemaligen Teamkollegen belastete er Lance Armstrong gegenüber der US-amerikanischen Antidopingagentur USADA. Er akzeptierte eine reduzierte Sperre von sechs Monaten ab dem 1. September 2012 sowie eine Disqualifikation in allen Rennen zwischen dem 31. Mai 2004 und dem 31. Juli 2006.
Das Geständnis warf einen langen Schatten auf eine glänzende Karriere, doch Hincapie suchte danach einen konstruktiven Neuanfang. Gemeinsam mit seinem Bruder Richard, der die Firma 1998 gegründet hatte, ist George Hincapie Eigentümer von Hincapie Sports, einem Sportbekleidungsunternehmen, dessen Produkte seit 2003 in Medellín durch eine Firma ihres Onkels Jorge hergestellt werden. Das Unternehmen ist Sponsor des 2012 gegründeten BMC-Hincapie Sportswear Development Team, dem Nachwuchsteam seiner letzten Mannschaft. Beide Brüder führen außerdem das Hotel Domestique. George Hincapie bleibt eine der markantesten Figuren des modernen Radsports, ein Zeugnis für Loyalität, Können und die dunklen Seiten eines Sports, der lange mit systematischem Betrug umgeht.
