Wer von Süden über die Themse auf die Londoner Innenstadt blickt, sieht es sofort: ein pyramidenförmiger Turm aus Glas, der sich spitz in den Himmel streckt und alles um sich herum zu überragen scheint. The Shard, auch bekannt als Shard London Bridge, ist heute eines der markantesten Wahrzeichen der britischen Hauptstadt. Mit einer Höhe von 309,6 Metern war es von Juli bis Oktober 2012 das höchste Gebäude Europas und bis zum 31. Januar 2020 das höchste der Europäischen Union – ein Rekord, der mit dem Brexit 2020 an den Frankfurter Commerzbank Tower überging, bevor 2022 der Warso Tower in Warschau die Führung übernahm.
Die Geschichte des Shard beginnt in den frühen 1990er Jahren, als der frühere Modehersteller und Immobilieninvestor Irvine Sellar über ein neues Hochhaus im Londoner Stadtteil Southwark nachzudenken begann. Der ursprüngliche Entwurf sah einen über 400 Meter hohen Turm in Zylinderform vor, der das dritthöchste Hochhaus der Welt werden sollte. Dieses Projekt stieß jedoch auf breite Ablehnung in der Bevölkerung und bei den zuständigen Behörden. Ein neuer Anlauf war nötig.
Der renommierte italienische Architekt Renzo Piano wurde mit dem überarbeiteten Entwurf beauftragt. Er entwickelte ein 309,6 Meter hohes, pyramidenförmiges Gebäude, dessen Glasfassade aus 11.000 Scheiben besteht und eine Gesamtfläche von 56.000 Quadratmetern umfasst. Die Idee einer Glasscherbe, eines Splitters Glas, der aus dem Boden ragt, war von Anfang an der poetische Kern des Entwurfs. Ende 2003 erteilten die Behörden die Baugenehmigung.
Im Sommer 2004 wurde mit dem Abriss der ersten Gebäude auf dem Gelände begonnen. Wenige Monate später kam es zu unerwarteten Verzögerungen: Ein Grundstückseigentümer weigerte sich, sein Gelände zu verkaufen. Erst im Juli 2005 konnte eine Einigung erzielt werden, sodass die restlichen Gebäude im Laufe des Jahres 2006 abgerissen werden konnten. Der ursprünglich für Mai 2005 geplante Baubeginn musste zunächst auf Anfang 2007 verschoben werden.
Die weltweite Finanzkrise ab 2007 verschärfte die Lage erheblich: Sämtliche Investoren sprangen ab. Das Projekt wäre beinahe zum Erliegen gekommen, wenn nicht der Golfstaat Katar eingesprungen wäre. Das Emirat erwarb durch den staatlichen Investitionsfonds, dessen Vermögen gleichbedeutend mit dem Privatbesitz der herrschenden Familie Al Thani ist, einen Mehrheitsanteil von 95 Prozent an der Immobilienfirma Shard Funding Limited. Der Baubeginn wurde auf März 2009 verschoben, die Fertigstellung auf Mai 2012.
Der Bau selbst verlief dann zügig. Die äußere Struktur wurde Anfang April 2012 vollendet. Im März 2012 hatte die Aufnahme einer stählernen Spitze als letztes Bauelement die endgültige Höhe von 309,6 Metern markiert. Die Einweihung fand am 5. Juli 2012 statt, geleitet von Scheich Hamad ibn Dschasim ibn Dschabir Al Thani, dem damaligen Premierminister und Außenminister Katars, gemeinsam mit dem Herzog von York, Prinz Andrew. Das Datum war symbolisch gewählt: Es sollte mit dem Diamantenen Kronjubiläum der englischen Königin zusammenfallen und lag nur wenige Wochen vor den Olympischen Spielen 2012 in London.
The Shard verfügt über 72 nutzbare Stockwerke. Das Gebäude beherbergt Büroflächen in den unteren und mittleren Etagen, ein Luxushotel, Restaurants und Geschäfte sowie eine öffentliche Aussichtsplattform in 230 Meter Höhe, die ab dem 1. Februar 2013 zugänglich ist. Das Hotel wurde 2014 eröffnet. Im Oktober 2017 war das Gebäude vollständig bezogen. Im Erdgeschoss befindet sich die begrünte Shard Plaza mit Sitzmöglichkeiten und einem 460 Quadratmeter großen Bereich mit direktem Zugang zu einer Wartehalle.
Zum Zeitpunkt der Fertigstellung hatte The Shard den Moskauer Capital City Tower um etwa zehn Meter und den Commerzbank Tower in Frankfurt am Main um mehr als fünfzig Meter überragt. Wenige Monate später, Anfang November 2012, eröffnete in Moskau der Mercury City Tower mit 338 Metern Höhe und überbot den Shard wieder. Diese kurze Spanne an der Spitze änderte jedoch nichts daran, dass das Gebäude die Silhouette Londons dauerhaft verändert hat. Ein Wolkenkratzer, der den Namen einer Scherbe trägt und tatsächlich wie eine solche aussieht, ist heute aus dem Stadtbild der britischen Hauptstadt nicht mehr wegzudenken.
