Franz Joseph I. gehört zu den faszinierendsten und widersprüchlichsten Herrschern der europäischen Geschichte. Er wurde am 18. August 1830 im Schloss Schönbrunn in Wien geboren und bestieg den Thron unter dramatischen Umständen, die das Schicksal des Habsburgerreiches für Generationen prägen sollten. Sein Leben überspannte fast ein ganzes Jahrhundert, und seine Regierungszeit von nahezu 68 Jahren machte ihn zu einem der am längsten amtierenden Staatsoberhäupter der Welt.
Die Revolution von 1848 erschütterte Europa bis in seine Grundfesten. In Wien brannten die Barrikaden, und die Habsburgermonarchie schien kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. Kaiser Ferdinand I., körperlich schwach und politisch unfähig, war nach Ansicht der Familie nicht mehr in der Lage, das Reich durch diese Krise zu führen. Sein Bruder Franz Karl, Vater des jungen Erzherzoges Franz, verzichtete auf Betreiben seiner energischen Gemahlin Sophie Friederike von Bayern auf die Nachfolge. So trat der erst achtzehnjährige Erzherzog Franz am 2. Dezember 1848 die Nachfolge an. Er wählte den für einen Habsburg ungewöhnlichen Doppelnamen Franz Joseph, um sowohl an den ersten Kaiser Österreichs, Franz I., als auch an den beliebten Reformkaiser Joseph II. zu erinnern. Der ohne Bindestrich geschriebene Name sollte Beständigkeit und Fortschritt gleichermaßen signalisieren.
Die ersten Jahre seiner Regierung waren von eiserner Härte geprägt. Franz Joseph hob die verfassungsmäßigen Zugeständnisse auf, die sein Vorgänger unter dem Druck der Revolution gemacht hatte, und regierte ab 1851 zunächst absolutistisch und streng zentralistisch. Er verstand sich stärker als seine Vorgänger als Herrscher von Gottes Gnaden, was ihm besonders unter den liberalen Senatoren Widerstand einbrachte. Die Konsolidierung der Macht gelang ihm zunächst, doch die militärischen Niederlagen sollten bald seine politischen Überzeugungen erschüttern.
Der Sardinische Krieg von 1859 endete mit einer vernichtenden Niederlage bei Solferino, die Österreich die Lombardei kostete. Sieben Jahre später, im Deutschen Krieg von 1866, verlor die Habsburgermonarchie sowohl gegen Preußen als auch im damit verbundenen Konflikt gegen Italien, und mit dem Frieden von Wien musste Franz Joseph auch Venetien abtreten. Diese doppelten Demütigungen zwangen ihn zu einem grundlegenden Umdenken. Es wurde klar, dass das einheitliche Kaisertum in seiner bisherigen Form nicht aufrechtzuerhalten war.
Der Ausgleich von 1867 war die entscheidende Reaktion auf diese Krise. Durch eine historische Vereinbarung mit den magyarischen Eliten Ungarns wurde das einheitliche Kaisertum Österreich in die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn umgewandelt, eine Realunion zweier konstitutioneller Monarchien unter einem gemeinsamen Herrscher. Franz Joseph war nun Kaiser von Österreich und Apostolischer König von Ungarn. Diese Konstruktion war ein politischer Kompromiss, der das Reich zusammenhielt, aber die Nationalitätenfrage nur aufschob, ohne sie zu lösen. In Cisleithanien verweigerte sich Franz Joseph föderalistischen Reformen, während in Transleithanien die magyarischen Eliten jede Konzession an andere Nationalitäten blockierten.
Das Privatleben des Kaisers war von tiefen Tragödien durchzogen. Seine Ehe mit Elisabeth, einer geborenen Herzogin in Bayern aus dem Haus Wittelsbach, war von gegenseitiger Faszination, aber auch von großer emotionaler Distanz geprägt. Die als Sisi bekannte Kaiserin litt unter dem strengen Protokoll des Wiener Hofes und verbrachte viel Zeit auf Reisen. Der gemeinsame Sohn, Kronprinz Rudolf, beging 1889 in Mayerling unter ungeklärten Umständen Suizid, was Franz Joseph als persönlichen wie dynastischen Schlag traf. Neun Jahre später, 1898, fiel Elisabeth in Genf einem Attentat zum Opfer. Der Kaiser ertrug diese Verluste mit äußerlicher Stoik, die ihm vielen als Kälte auslegten, die aber eher eine erlernte Selbstbeherrschung war.
Außenpolitisch vertiefte sich unter Franz Josephs Herrschaft der Gegensatz zu Russland in der Balkankrise, während sich die Habsburgermonarchie immer enger an das Deutsche Kaiserreich anlehnte. Der Zweibund von 1879 schuf ein Bündnis, das das Schicksal beider Mächte miteinander verknüpfte. Auf dem Balkan wuchs der Nationalismus, und die von Serbien ausgehenden panslawischen Bestrebungen wurden in Wien als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo am 28. Juni 1914 wurde zum unmittelbaren Auslöser für Franz Josephs Kriegserklärung an Serbien. Der Kaiser und seine Berater überschätzten dabei die militärischen Möglichkeiten der Monarchie erheblich. Die Bündnisdynamik verwandelte den regionalen Konflikt in den Ersten Weltkrieg.
Franz Joseph erlebte noch mehr als zwei Jahre dieses verheerenden Krieges. Er starb am 21. November 1916 in Schloss Schönbrunn, wo er 86 Jahre zuvor geboren worden war. Die Nachfolge ging nach dem Tod seines Neffen Karl Ludwig an dessen Sohn Karl I. Doch die Kräfte, die Franz Josephs Tod freigesetzt hatte, waren nicht mehr aufzuhalten. Im Herbst 1918 brach die Doppelmonarchie unter dem Druck der militärischen Niederlage und der divergierenden nationalen Interessen ihrer Völker auseinander. Das Reich, dem der alte Kaiser sein Leben gewidmet hatte, hörte auf zu existieren. Sein Erbe ist bis heute Gegenstand lebhafter historischer Debatten: War er ein Symbol der Stabilität oder ein Hemmschuh des Fortschritts? Die Antwort liegt wohl in beiden Urteilen zugleich.
