Das Jahr 1931 stand in Europa unter dem Zeichen politischer Radikalisierung, wachsender Polarisierung und wirtschaftlicher Erschütterungen. Die Weltwirtschaftskrise, die im Oktober 1929 ausgebrochen war, hatte ihren Tiefpunkt noch nicht erreicht und trieb in vielen Ländern extreme Kräfte an die Oberfläche.
Im Deutschen Reich begann das Jahr mit einem symbolischen Akt der nationalsozialistischen Bewegung: Am 1. Januar zog die NSDAP-Reichsleitung in das sogenannte Braune Haus in München ein, das fortan als Machtzentrale der Partei fungierte. Die Nationalsozialisten waren dabei, ihren Einfluss systematisch auszubauen, und zeigten dabei wenig Scheu vor demonstrativer Machtentfaltung. Am 17. und 18. Oktober ließ Adolf Hitler in Braunschweig einen Massenaufmarsch von 100.000 Mann veranstalten – eine Demonstration der Stärke, die kaum verborgen ließ, wohin die Partei steuern wollte.
Die Antwort der demokratischen Kräfte auf diese Entwicklung ließ nicht lange auf sich warten. Am 16. Dezember formierte sich die Eiserne Front, ein Bündnis vor allem aus Sozialdemokraten und Gewerkschaftern, das sich ausdrücklich als Gegengewicht zur rechtsextremen Harzburger Front verstand. Jene war am 11. Oktober gegründet worden und vereinte die gesamte nationalistische Opposition – NSDAP, Deutschnationale Volkspartei, Stahlhelm und andere – in einem gemeinsamen Block gegen die Weimarer Republik.
Bereits im August hatte das politische Kräftemessen eine weitere Runde erlebt. Das Volksbegehren zur Auflösung des preußischen Landtags, getragen von den rechten Parteien und – in einem taktischen Manöver – auch von der KPD mitunterstützt, scheiterte am 9. August im Volksentscheid am erforderlichen Beteiligungsquorum. Preußen blieb vorerst eine Bastion der Republik, doch die Flankenangriffe auf die Demokratie häuften sich.
In Spanien erlebte das Jahr 1931 eine historische Wende. Am 14. April wurde die Republik ausgerufen – die zweite in der Geschichte des Landes. König Alfons XIII., dem der Rückhalt in der Bevölkerung entzogen worden war, ging ins Exil. Die Zweite Spanische Republik stand von Beginn an unter dem Druck tiefer gesellschaftlicher und politischer Widersprüche, die wenige Jahre später in den Bürgerkrieg münden sollten.
Auch auf der Iberischen Halbinsel blieb die Demokratie fragil. In Portugal scheiterte am 26. August ein Putsch demokratischer Kräfte gegen die bestehende Militärdiktatur. Die junge Hoffnung auf Wandel erlosch schnell unter dem Druck des herrschenden Regimes.
In Österreich versuchte Walter Pfrimer, der Führer des Steirischen Heimwehrverbands, am 12. September gewaltsam an die Macht zu gelangen. Mit dem sogenannten Pfrimer-Putsch wollte er eine Heimwehrregierung installieren und marchierte Richtung Wien. Das österreichische Bundesheer stellte sich ihm in den Weg und stoppte den Marsch bereits am folgenden Tag. Der Putschversuch scheiterte, zeigte aber, wie destabilisierend die paramilitärischen Verbände in Mitteleuropa wirkten.
Auf der anderen Seite des Atlantiks war Panama von innenpolitischen Turbulenzen erschüttert. Wegen einer am 2. Januar bekannt gewordenen Finanzkrise trat Präsident Florencio Harmodio Arosemena zurück. Am 16. Januar wurde Ricardo Joaquín Alfaro Jované vom Obersten Gerichtshof zum neuen Präsidenten ernannt. Bolivien erlebte unterdessen am 5. März die zweite Amtsübernahme von Daniel Salamanca Urey als Staatsoberhaupt.
Großbritannien erlebte 1931 gleich mehrere Erschütterungen. In der britischen Marine kam es Mitte September zu einem ungewöhnlichen Ereignis: Am 15. September begann die Invergordon-Meuterei in der Atlantic Fleet, als Matrosen gegen drastische Lohnkürzungen protestierten. Die Meuterei war rasch beendet, aber ihr Echo in der Öffentlichkeit war weitreichend. Wenige Monate später verabschiedete das britische Parlament am 11. Dezember das Statut von Westminster, das den Dominions des Britischen Commonwealth – darunter Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika, Neufundland und der Irische Freistaat – weitgehende legislative Unabhängigkeit einräumte. Es war ein stiller Abschied vom alten Imperialismus.
In den Niederlanden gründeten Richard Suchenwirth und Josef Leopold am 14. Dezember in Utrecht die Nationaal-Socialistische Beweging, eine faschistische Partei nach dem Vorbild der deutschen NSDAP. Der Faschismus breitete sich als ideologische Seuche weiter durch Europa aus.
Wenigstens ein Datum des Jahres 1931 war unbestreitbar heiter: Am 29. und 30. Dezember stimmte Finnland im Referendum über die Abschaffung des Alkoholverbots ab. Die Mehrheit der Finnen votierte klar für das Ende der Prohibition, und im folgenden Jahr wurde das staatlich kontrollierte Alkoholmonopol Alko gegründet. Nüchtern betrachtet war es eines der wenigen Ereignisse jenes düsteren Jahres, das mit einem gesellschaftlichen Konsens endete.
Das Jahr 1931 war ein Vorspiel zu dem, was kommen sollte. Die demokratischen Institutionen Europas kämpften gegen innere Feinde, autoritäre Bewegungen probierten ihre Kräfte, und die wirtschaftliche Not nährte den Extremismus von beiden Seiten. Die Kräfte, die sich 1931 formierten, sollten das Jahrzehnt bestimmen – und die Welt an den Rand des Abgrunds führen.


