Die Belagerung von Cusco im Jahr 1536 gehört zu den dramatischsten Episoden der spanischen Conquista in Südamerika. Sie war der verzweifelte Versuch des Inka-Herrschers Manco Cápac II., die fremden Eindringlinge aus dem Herzen seines Reiches zu vertreiben und die verlorene Souveränität der Inka wiederherzustellen. Was als koordinierter Aufstand begann, entwickelte sich zu einem monatelangen Kampf, dessen Ausgang das Schicksal des gesamten Andenreiches besiegeln sollte.
Nachdem die Spanier unter Francisco Pizarro den Inka-Herrscher Atahualpa gefangen genommen und hingerichtet hatten, zogen sie am 15. November 1533 in die heilige Hauptstadt Cusco ein. Um ihre Herrschaft zu legitimieren, setzten sie Mancos Halbbruder als neuen Sapa Inka ein, einen jungen Mann, den sie für leicht beeinflussbar hielten. Manco kooperierte zunächst und erklärte sich sogar zum Vasallen der spanischen Krone, was ihm einen gewissen Handlungsspielraum sicherte.
Die spanischen Kräfte in Cusco dezimierten sich jedoch durch interne Machtkämpfe und Expansionsdrang. Francisco Pizarro verließ die Hauptstadt in Richtung Küste, wo er im Januar 1535 Lima gründete. Sein Partner Diego de Almagro brach im Juli 1535 mit einer großen Streitmacht nach Süden auf, angelockt von Gerüchten über das reiche Chile. In Cusco blieben die Pizarro-Brüder Gonzalo und Juan zurück, und unter ihrer Herrschaft begann Mancos Situation sich dramatisch zu verschlechtern.
Was anfangs gute Beziehungen gewesen waren, verkehrte sich in Erniedrigung und Gewalt. Neu angekommene Spanier, die an der ursprünglichen Beuteverteilung nicht beteiligt gewesen waren, forderten rücksichtslos Gold und Tribute von Manco und dem Inka-Adel. Gonzalo Pizarro trieb die Demütigungen auf die Spitze, indem er sogar Mancos Schwager-Frau Cura Ocllo für sich beanspruchte. Ende 1535 versuchte Manco zu fliehen, wurde jedoch gefasst, in Ketten gelegt und eingekerkert. Hernando Pizarro, der im Januar 1536 aus Spanien zurückkehrte, beendete diese offenkundigen Misshandlungen und ließ Manco frei, doch zu diesem Zeitpunkt war die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz endgültig verspielt.
Der Aufstand wurde mit bemerkenswerter Sorgfalt und Geheimhaltung vorbereitet. Manco und der höchste Priester Villac Umu sandten vertrauenswürdige Boten durch das gesamte Reich, um Unterstützer zu gewinnen. Im Verborgenen wurden Waffen hergestellt, Vorräte angehäuft und Soldatentrupps nach dem Ende der Regenzeit rekrutiert. Der Beginn wurde bewusst auf Ostern 1536 festgesetzt, um von der religiösen Aufmerksamkeit der Spanier zu profitieren.
Am 18. April 1536, dem Mittwoch vor Ostern, gelang Manco unter einem Vorwand die Flucht aus der Stadt. Er begab sich nach Norden ins Yucay-Tal, wo sich seine Streitkräfte sammelten. Die eigentliche Belagerung verzögerte sich, weil Manco darauf bestand, auf das Eintreffen aller Kontingente zu warten. Zunächst begnügte man sich damit, die mächtige Festungsanlage Sacsayhuamán am nördlichen Stadtrand von Cusco zu besetzen, deren Kontrollverlust für die Spanier eine ernste Bedrohung darstellte.
Am 6. Mai 1536 begann der Großangriff auf die Stadt selbst. Die spanische Garnison war zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen: Etwa 190 spanische Soldaten, von denen 80 beritten waren, standen rund 1.000 einheimischen Verbündeten, hauptsächlich Kañari, zur Seite, die von den Inka deportiert worden waren und nun mit den Spaniern paktierten. Mancos Streitmacht hingegen zählte Zehntausende; selbst die zurückhaltendsten Schätzungen gehen von mindestens 50.000 Kriegern aus.
Manco setzte auf eine Taktik der verbrannten Erde: Er befahl, die strohgedeckten Dächer der Stadt in Brand zu schießen und die Wasserversorgung abzuschneiden. Die Spanier wurden auf zwei Gebäude am zentralen Platz zurückgedrängt und schienen verloren. Doch sie erkannten, dass nur die Rückeroberung von Sacsayhuamán ihr Überleben sichern konnte. Am 16. Mai unternahmen sie mit fünfzig Reitern einen verzweifelten Angriff auf die Festung. In einem erbitterten mehrtägigen Kampf, bei dem Juan Pizarro sein Leben verlor, gelang es ihnen schließlich, Sacsayhuamán einzunehmen. Mancos Truppen unternahmen bis Ende Mai mehrere vergebliche Versuche, die Festung zurückzuerobern.
Während die Belagerung von Cusco andauerte, erzielte Mancos General Quizo Yupanqui in anderen Teilen des Reiches zunächst beachtliche Erfolge. Er vernichtete die spanische Garnison in Jauja und tötete fast alle im Land verstreuten Spanier. Im August führte er seine Armee gegen Lima, die neue spanische Hauptstadt an der Küste. Francisco Pizarro konnte diesen Angriff nur mit Mühe und dank lokaler Verbündeter abwehren, darunter eine Armee, die Contarguacho, die Mutter seiner Geliebten Quispe Sisa, entsandt hatte.
Die Belagerung von Cusco zog sich über Monate hin, doch der entscheidende Wendepunkt blieb aus. Mancos Truppen hatten zwar enorme numerische Überlegenheit, aber die Spanier hielten sich mit ihren Reitern, ihren Stahlwaffen und ihrer Festungsposition. Nach und nach trafen spanische Verstärkungen ein. Mancos Koalition, die aus Kriegern verschiedener Volksgruppen bestand, begann unter dem langen Kampf und den Versorgungsengpässen zu erodieren. Ende 1536 musste Manco die Belagerung aufgeben und zog sich in die Berge zurück, wo er im abgelegenen Vilcabamba eine Art Schattenreich errichtete, das bis 1572 Bestand haben sollte.
Die Belagerung von Cusco hinterließ tiefe Spuren in der Geschichte Südamerikas. Sie bewies, dass die Inka sehr wohl in der Lage waren, koordinierten Widerstand zu organisieren und die Conquistadoren an den Rand der Niederlage zu bringen. Hätten die Spanier nicht von internen Spaltungen der Inka-Allianz, von ihrer Reiterei und von einheimischen Verbündeten profitiert, wäre der Ausgang womöglich ein anderer gewesen. Das Scheitern des Aufstandes besiegelte hingegen die spanische Vorherrschaft und ebnete den Weg für die vollständige Kolonialisierung des Andenraumes.



