Am 18. Juni 1815 entschied sich auf einer belgischen Ebene, rund fünfzehn Kilometer südlich von Brüssel, das Schicksal Europas. Die Schlacht bei Waterloo, in der Nähe des gleichnamigen Dorfes gelegen, das damals zum Königreich der Vereinigten Niederlande gehörte, war der finale Akt einer atemberaubenden politischen und militärischen Wendung. Napoleon Bonaparte, der Kaiser der Franzosen, stand vor seiner letzten großen Herausforderung.
Vorausgegangen war Napoleons dramatische Rückkehr von der Insel Elba. Am 26. Februar 1815 war er nach Frankreich geflohen, hatte seine Truppen um sich geschart und war triumphierend in Paris eingezogen. Die Herrschaft der Hundert Tage hatte begonnen. Doch die europäischen Mächte reagierten unverzüglich. Am 13. März 1815 erklärten die auf dem Wiener Kongress versammelten Alliierten Napoleon zum Gesetzlosen. Zwölf Tage später unterzeichneten Preußen, Russland, Österreich und Großbritannien einen Vertrag, der sie zur Aufstellung von Armeen und zur endgültigen Niederwerfung Napoleons verpflichtete.
Die alliierten Pläne sahen eine koordinierte Überwältigung Frankreichs von mehreren Seiten vor. Unter Feldmarschall Blücher sollte eine preußisch geführte Armee von 120.000 Mann vom Niederrhein einmarschieren, während der Herzog von Wellington mit 100.000 britischen Truppen, darunter auch niederländische, hannoversche, braunschweigische und nassauische Einheiten, von Belgien aus vorging. Gleichzeitig sollte Österreich mit 200.000 Mann unter Schwarzenberg am Oberrhein Stellung beziehen, der russische Feldmarschall Barclay de Tolly 150.000 Mann an den Mittelrhein führen und eine österreichisch-italienische Armee von 75.000 Mann die südöstliche Grenze Frankreichs überschreiten. Großbritannien stellte der Koalition fünf Millionen Pfund zur Verfügung.
Napoleon handelte rasch. Bereits im April ordnete er die Mobilisierung an. Die Armee, die er übernommen hatte, umfasste 200.000 Mann, die er in drei Wochen auf 280.000 aufstockte. Nach Abzügen für die Niederschlagung von Aufständen der Anhänger Ludwigs XVIII. und für die Grenzverteidigung standen ihm schließlich weniger als 130.000 Mann zur Verfügung. Dazu kam ein geschwächter Generalstab: Die Marschälle Masséna und Macdonald lehnten ein Kommando ab, Bernadotte und Marmont hatten Frankreich verlassen, sein früherer Generalstabschef Berthier war tot, und Murat kämpfte um Neapel. An Napoleons Seite standen schließlich die Marschälle Soult, Ney und Grouchy.
Die Armeen Wellingtons und Blüchers lagen in loser Korpsformation. Wellingtons Armee befand sich im Gebiet Brüssel, Gent, Leuze und Mons, die Preußen zwischen Lüttich, Dinant, Charleroi und Tienen. Zusammen verfügten sie über 205.000 Mann. Napoleon erkannte die Chance, beide Armeen getrennt zu schlagen, bevor sie sich vereinigen konnten. Am 16. Juni griff er die Preußen bei Ligny an und fügte ihnen eine schwere Niederlage zu. Gleichzeitig hielt Ney die Briten bei Quatre Bras auf, entschied die Begegnung aber nicht.
Die entscheidende Begegnung kam zwei Tage später. Wellington wählte eine günstige Verteidigungsposition südlich von Waterloo. Napoleon zögerte mit dem Angriff bis zum späten Vormittag des 18. Juni, um den aufgeweichten Boden nach dem Regen der Nacht trocknen zu lassen. Die Franzosen stürmten wiederholt die britischen Linien, die mit äußerster Verbissenheit standhielten. Im Verlauf des Nachmittags trafen die preußischen Truppen unter Blücher auf dem Schlachtfeld ein, obwohl Grouchy sie hätte aufhalten sollen.
Das Eintreffen der Preußen wurde zum Wendepunkt. Napoleons letzte Reserve, die Alte Garde, warf er in den Kampf, doch auch sie wurde zurückgeschlagen. Als Gerüchte von einer Niederlage durch die französischen Reihen liefen, verwandelte sich der geordnete Rückzug in eine Flucht. Napoleon war besiegt, endgültig und unwiderruflich.
Die politischen Folgen der Niederlage ließen nicht auf sich warten. Am 22. Juni 1815 dankte Napoleon ab. Frankreich mussten im Zweiten Pariser Frieden verschärfte Bedingungen akzeptieren. Napoleon selbst wurde auf die entlegene Atlantikinsel St. Helena verbracht, wo er am 5. Mai 1821 starb.
Die Schlacht bei Waterloo markierte das Ende einer Ära. Der Wiener Kongress hatte bereits eine neue europäische Ordnung entworfen, die auf dem Gleichgewicht der Mächte beruhte und mehr als vier Jahrzehnte relativen Frieden bringen sollte. Waterloo ist bis heute ein Synonym für eine entscheidende Niederlage, die nicht nur eine Herrschaft, sondern eine ganze Epoche beendete.

