Amadeus VI. von Savoyen, bekannt unter dem Beinamen „der grüne Graf", zählt zu den faszinierendsten Herrschern des vierzehnten Jahrhunderts. Am 4. Januar 1334 in Chambéry geboren, übernahm er bereits als Neunjähriger nach dem Tod seines Vaters Aymon die Grafschaft Savoyen – ein Umstand, der in jener Zeit keineswegs ungewöhnlich war, jedoch erhebliche politische Risiken mit sich brachte. Bis zum Jahr 1349 führte sein Onkel Ludwig II. von Savoyen als Vormund die Regierungsgeschäfte, bevor Amadeus die Zügel der Herrschaft selbst in die Hand nahm.
Der Beiname „der grüne Graf" entstammt einer höchst persönlichen Vorliebe: Bei Ritterturnieren in Chambéry trat Amadeus stets in grüner Rüstung an und bevorzugte auch sonst grüne Kleidung. Diese unverwechselbare Gewohnheit ließ ihn im kollektiven Gedächtnis seiner Zeitgenossen und der Nachwelt lebendig bleiben, weit über die bloße Beschreibung seiner Herrschaft hinaus. Er war nicht nur ein Repräsentant höfischen Glanzes, sondern auch ein Ritter, der auf dem Schlachtfeld Entschlossenheit bewies.
Im Jahr 1355 schloss Amadeus eine bedeutende Heiratsverbindung: Er ehelichte Bonne de Bourbon, geboren 1341 und gestorben 1402, Tochter des Herzogs Pierre I. de Bourbon und Nichte des französischen Königs Philipp VI. von Valois. Diese Ehe sicherte ihm wertvolle dynastische Verbindungen zum Königreich Frankreich. Aus der Verbindung ging sein einziges überlebendes Kind hervor, sein späterer Nachfolger Amadeus VII. von Savoyen.
Die frühen Jahre seiner selbstständigen Regierung waren von militärischen Auseinandersetzungen geprägt. Amadeus kämpfte an der Seite des französischen Königs gegen England und unterwarf den Markgrafen von Saluzzo seiner Lehnshoheit. Dieser jedoch ließ ihn durch englische Freibeuter gefangen nehmen – ein schmachvoller Vorfall, der erst durch die Zahlung eines Lösegeldes von 180.000 Gulden beendet wurde. Im Jahr 1360 setzte Amadeus seinen Vetter Jakob von Piemont gefangen und erzwang von ihm den Lehnseid, womit er die Grenzen savoyischer Macht im Süden festigte. Mit dem Markgrafen von Montferrat rang er ebenfalls um Besitzansprüche, wobei er ab 1352 schrittweise die Oberhand gewann.
Ein besonders wichtiger diplomatischer Erfolg gelang ihm in der Frage des Erwerbs der Provinz Faucigny. Durch den Vertrag von Paris im Jahr 1355 sicherte Amadeus nicht nur diesen Besitz, sondern klärte auch die Grenzen zwischen Savoyen und der Dauphiné, was langfristige Stabilität im westalpinen Raum schuf. Am 21. Juli 1356 erreichte er durch Verhandlungen mit dem römisch-deutschen Kaiser Karl IV. den erblichen Titel eines Reichsvikars für die zum Reich gehörenden Teile des alten Königreichs Arelat. Damit erhielt er bedeutende Hoheitsrechte, und unter anderem schuldete ihm der Bischof von Genf von nun an Tribut. Diese Entwicklung stärkte die Stellung Savoyens als Brücke zwischen dem deutschen Reichsgebiet und der italienischen Halbinsel.
Das Jahr 1366 markierte den Höhepunkt seines kriegerischen Ruhms. Amadeus führte einen Feldzug an der westlichen Schwarzmeerküste gegen die Osmanen und die Bulgaren. Dabei gelang es ihm, die Städte Sosopolis, Mesembrija, Skafida und Anchialo einzunehmen, wobei er die letztgenannte Stadt zerstören ließ. Sein Versuch, auch Warna zu erobern, scheiterte jedoch. Er schloss daraufhin Frieden mit dem bulgarischen Herrscher Iwan Alexander und dem Despoten Dobrotiza. Das eigentliche Ziel des Feldzugs war jedoch die Befreiung seines Vetters, des byzantinischen Kaisers Johannes Palaiologos, der ihn zu Hilfe gerufen hatte und sich in bulgarischer Gefangenschaft befand. Diese Befreiung gelang Amadeus – ein Akt der dynastischen Loyalität, der seinen Ruf als Ritter und Staatsmann zugleich befestigte. Im Jahr 1367 schlug er die Osmanen überdies bei Gallipoli, was seinen militärischen Erfolg im östlichen Mittelmeerraum unterstrich.
Doch Amadeus war mehr als ein Feldherr. Er verstand sich auch als Vermittler in den Konflikten seiner Zeit. Im Jahr 1379 schlichtete er den Streit zwischen Mailand und dem Haus Montferrat, und 1381, nach dem verheerenden Chioggia-Krieg, vermittelte er zwischen den rivalisierenden Seerepubliken Venedig und Genua. Diese diplomatischen Leistungen machten ihn zu einer gefragten Figur in der europäischen Politik jener Jahrzehnte.
In seinen Territorien betrieb Amadeus zudem eine bemerkenswerte Reformpolitik. Er ordnete das gräfliche Verwaltungswesen neu und führte als erster Fürst seiner Zeit ein System kostenloser Rechtsberatung für die Armen ein – ein Zeichen für ein soziales Bewusstsein, das weit über das übliche Herrschergebaren seiner Epoche hinausging. Im Jahr 1362 stiftete er für seine Ritterschaft einen Halsbandorden, der die dynastische Identität Savoyens stärkte und die Loyalität seiner Gefolgsleute symbolisch besiegelte.
Geopolitisch vollzog Amadeus VI. eine bedeutsame Neuausrichtung der savoyischen Politik. Statt sich primär auf die nordwestlich der Alpen gelegenen Besitzungen zu konzentrieren, schenkte er den italienischen Teilen seines Herrschaftsgebiets zunehmend Aufmerksamkeit. Diese Schwerpunktverlagerung prägte die spätere Entwicklung Savoyens als politische Macht auf der Apenninhalbinsel nachhaltig.
Amadeus galt zu Lebzeiten als einer der bedeutendsten Fürsten seines Jahrhunderts – reich, diplomatisch gewandt und militärisch fähig. Sein Tod erfolgte jedoch unter tragischen Umständen: Er hatte den Herzog Ludwig von Anjou in dessen Anspruch auf das Königreich Neapel unterstützt und begleitete dessen Feldzug in Süditalien. Am 1. März 1383 starb er in Campobasso an der Pest – einer Krankheit, die im Mittelalter Feldzüge oft entscheidender beeinflusste als alle militärischen Gegner. Er wurde 49 Jahre alt und hinterließ ein geeintes, vergrößertes und neu geordnetes Savoyen, das sein Sohn Amadeus VII. übernahm.
Das Erbe des grünen Grafen ist vielschichtig. Er war Ritter, Reformer und Diplomat in einem – eine seltene Verbindung, die ihn über die Grenzen seiner Grafschaft hinaus zu einer historischen Persönlichkeit von europäischem Rang machte. Seine Feldzüge im Osten, sein soziales Reformwerk und seine Vermittlerrolle in den Konflikten Italiens und des Mittelmeers verleihen ihm einen Platz in der Geschichte, der weit über die übliche Fürstenchronik hinausreicht.