Abu Tamim Maadd ibn az-Zahir, geboren am 2. Juli 1029 in Kairo, bestieg als Siebenjähriger den Thron des fatimidischen Kalifats und sollte unter dem Namen al-Mustansir bi-llah — auf Deutsch etwa: „derjenige, der Gott um Beistand anfleht" — eine fast sechzigjährige Herrschaft führen, die längste in der Geschichte der Fatimidendynastie. Sein Vater az-Zahir starb wenige Tage vor der Thronbesteigung des kleinen Prinzen; am 16. Juni 1036 wurde der Knabe feierlich inthronisiert. Zeitgenössische Chronisten bemerkten vor allem den dunklen Teint des Kindes, denn seine Mutter war eine schwarze Konkubine, die am Hof den Beinamen „Talisman" — arabisch Raṣad — trug.
Die fatimidische Dynastie hatte 909 ein Gegenkalifat begründet, das sich auf die ismailitische Strömung des schiitischen Islam stützte und seinen Anspruch auf die gesamte muslimische Welt proklamierte. Unter al-Mustansir war dieses Gebilde auf dem Höhepunkt seiner territorialen Ausdehnung und zugleich am Vorabend seines inneren Zusammenbruchs. Er war der achte Kalif der Fatimiden sowie der achtzehnte und zugleich letzte gemeinsame Imam der ismailitischen Schia, bevor diese sich in rivalisierende Flügel spaltete.
Von Beginn seiner Herrschaft an war al-Mustansir ein politisches Werkzeug in fremden Händen. Weder in charakterlicher noch in staatsmännischer Hinsicht hinterließ er nennenswertes Eigengewicht. Als einziges bekanntes Kind seines Vaters hatte er zwar den Thron gleichsam ererbt, doch machten ihn die Umstände seiner Erziehung — oder vielmehr deren Fehlen — zu einer Marionette des Hofes. Als erster Kalif der Fatimiden ist er der einzige, dem nachweislich niemals ein persönlicher Lehrmeister, arabisch Ustāḏ, beigegeben worden war. Stattdessen übernahm zunächst der greise, handlose Wesir al-Dschardscharai die eigentliche Regierung, jener Mann, der den Jungen überhaupt erst auf den Thron gebracht hatte.
Schon kurz nach der Inthronisierung zeigten sich die strukturellen Schwächen des Reiches. Bei der obligatorischen Heeresmusterung wäre der jugendliche Kalif beinahe von einem Speerwurf eines sudanesischen Soldaten getroffen worden. Dahinter steckte kein Attentat im eigentlichen Sinne, sondern die aufgeheizte Stimmung in einer Armee, deren Sold seit Langem in den Taschen korrupter Hofgunstlinge verschwunden war. Die am Hof grassierende Vetternwirtschaft hatte Gelder veruntreut, die eigentlich den Truppen zustanden. Wesir al-Dschardscharai griff schnell ein, beschaffte den ausstehenden Sold und beruhigte damit die Situation, bevor sie vollends eskalieren konnte.
Die erste Phase der Herrschaft al-Mustansirs, die ersten etwa fünfundzwanzig Jahre, knüpfte inhaltlich nahtlos an die Erfolge seiner Vorgänger an. Im Jahr 1036 wurden Verhandlungen mit dem Byzantinischen Reich erfolgreich abgeschlossen: Der bestehende Waffenstillstand wurde um zehn weitere Jahre verlängert. Doch bereits 1038 drohte dieser Frieden durch das eigenmächtige Handeln des fatimidischen Statthalters von Syrien, Anuschtegin ad-Duzbiri, zu zerbrechen. Der Statthalter eroberte im Mai 1038 das Fürstentum Aleppo, das vertragsgemäß als Puffer zwischen dem byzantinischen und dem fatimidischen Einflussbereich hätte fungieren sollen — und dies ohne jeden Auftrag seines Kalifen.
Nach dem Tod des Wesirs al-Dschardscharai gelang es der Mutter al-Mustansirs, ihrem Sohn politische Macht zu entreißen und für sich selbst zu nutzen. Die Konkubine, die einst nur als Schmuckstück des Harems galt, wurde zur eigentlichen Regentin — eine Entwicklung, die zeitgenössische Beobachter als skandalös empfanden. Sie und ihre Günstlinge plünderten systematisch die Staatskasse und begünstigten sudanesische Truppenteile zu Lasten der türkischen und berberischen Kontingente. Dieser Interessenkonflikt innerhalb des Heeres sollte fatale Folgen haben.
In den 1060er Jahren spitzte sich die Krise dramatisch zu. Die rivalisierenden Truppenverbände — Türken, Berber und Sudanesen — lieferten sich blutige Gefechte auf den Straßen Kairos. Gleichzeitig suchte der Nil das Land heim: Mehrere katastrophale Niedrigwasser, die die jährliche Nilschwelle ausblieben, führten zu einer langen Hungersnot. Historische Berichte schildern Zustände, die kaum vorstellbar sind: Der Hunger war so groß, dass Menschen sich gegenseitig töteten, um sich zu ernähren, und selbst vor den Märkten Kairos wurden Menschen überfallen. Die Bevölkerung starb zu Tausenden, der Staat war faktisch handlungsunfähig, und die Bibliothek des Palastes, eine der bedeutendsten der islamischen Welt, wurde geplündert und verkauft, um das Überleben des Hofes zu sichern.
In dieser Not vollbrachte al-Mustansir das einzige eigenständige politische Handeln seines langen Lebens. Er rief den armenischstämmigen General Badr al-Dschamali, der damals als fatimidischer Statthalter in Akkon amtierte, nach Kairo. Badr al-Dschamali kam mit seiner eigenen, treuen armenischen Leibgarde, ließ die rivalisierenden Truppenführer in einer Nacht heimlich ermorden, stellte die öffentliche Ordnung wieder her und übernahm als Wesir, Oberfeldherr und Imam-Prediger in einer Person die vollständige Herrschaft. Der Kalif hatte sein Reich gerettet — aber um den Preis, es vollständig aufzugeben. Von diesem Moment an war al-Mustansir ein Schatten auf dem Thron.
Badr al-Dschamali regierte bis zu seinem Tod 1094 mit eiserner Hand. Unter ihm stabilisierte sich das fatimidische Ägypten zwar, aber auf Kosten der universellen Ansprüche der Dynastie. Das Gegenkalifat, das einst Rivale des abbasidischen Bagdads gewesen war und seinen Einfluss von Nordafrika bis nach Syrien und zeitweilig bis nach Bagdad selbst ausgestreckt hatte, schrumpfte auf Ägypten und einige Randgebiete zusammen. Der Anspruch auf die Führung der islamischen Welt war nicht mehr als eine Formel geworden.
Al-Mustansir starb am 29. Dezember 1094 in Kairo, nach fast neunundfünfzig Jahren auf dem Thron. Er hinterließ mehrere Söhne, und die Frage der Nachfolge führte unmittelbar zu jenem Bruch, der die ismailitische Schia bis heute prägt. Badr al-Dschamalis Sohn al-Afdal setzte den jüngeren Sohn al-Musta'li als Nachfolger durch, während die Anhänger des älteren Sohnes Nizar diesen als rechtmäßigen Imam betrachteten. Aus dieser Spaltung entstanden die Nizariten, die später unter dem Namen der Assassinen in die Geschichte eingehen sollten.
Das Erbe des al-Mustansir ist also ambivalent: Seine Regierung markierte sowohl den territorialen Höhepunkt fatimidischer Macht als auch deren unaufhaltsamen Niedergang. Die jüngere Geschichtswissenschaft verknüpft das eigentliche Ende des 909 gegründeten Fatimidenkalifats mit seiner Ära, denn nach ihm lebte die Dynastie noch rund hundert Jahre als bloßes Schattendasein fort, bis das Kalifat 1171 durch Saladin, der es sang- und klanglos für beendet erklärte, endgültig erlosch.
