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1966

Jahr

4 min01/01/2024
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Das Jahr 1966 war ein Jahr globaler Erschütterungen, politischer Umstürze und tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Auf allen Kontinenten verschieben sich Machtverhältnisse, geraten Regierungen ins Wanken und entstehen neue Bewegungen, die die folgenden Jahrzehnte prägen sollten. Von den Hochebenen Chinas bis zu den Savannen Afrikas, von den Konferenzsälen Europas bis zu den Schlachtfeldern Vietnams war 1966 ein Jahr, das die Welt in Atem hielt.

Am 1. Januar übernahm Hans Schaffner das Amt des Bundespräsidenten der Schweiz, eine Meldung, die in der globalen Öffentlichkeit kaum Beachtung fand, aber die geordnete politische Stabilität des kleinen mitteleuropäischen Landes dokumentierte. Zur selben Zeit wurde in der Zentralafrikanischen Republik durch einen Militärputsch eine Regierung gestürzt: Oberst Jean-Bédel Bokassa übernahm am 1. Januar 1966 die Macht und begann eine Herrschaft, die ihrerseits zu einem der bizarrsten Kapitel afrikanischer Nachkolonialgeschichte werden sollte.

Im Fernen Osten nahm das epochemachende Ereignis des Jahres seinen Anfang. Am 29. Mai 1966 gründeten Schüler der Elitemittelschule der Tsinghua-Universität in Peking die ersten Roten Garden, jene fanatisierten Jugendbrigaden, die im Auftrag Mao Zedongs die Kulturrevolution auf die Straße tragen sollten. Was als studentische Bewegung begann, entwickelte sich rasch zu einer der verheerendsten politischen Kampagnen des 20. Jahrhunderts, die Millionen von Menschen in Leid und Tod stürzte und das kulturelle Erbe Chinas in weiten Teilen vernichtete. Die Kulturrevolution veränderte China bis in seine sozialen Grundfesten und hinterließ Wunden, die noch Jahrzehnte nach ihrem Ende spürbar waren.

In Südostasien loderte der Vietnamkrieg immer heftiger. Am 7. Januar 1966 unterstützte die westdeutsche Bundesregierung in einer offiziellen Erklärung den Eintritt der USA in den Konflikt. Am 8. Februar traf Präsident Lyndon B. Johnson sich in Honolulu mit Vertretern Südvietnams und unterzeichnete eine Erklärung, in der er die Zurückweisung der kommunistischen Aggression und den Aufbau einer besseren Zukunft für das südvietnamesische Volk versprach. Die Erklärungen und Konferenzen standen in bitterem Kontrast zu den Realitäten auf dem Schlachtfeld, wo der Krieg täglich neue Opfer forderte.

In Asien nahm ein weiteres dramatisches Ereignis seinen Anfang. Am 10. Januar wurde in Taschkent die gleichnamige Deklaration unterzeichnet, durch die Indien unter Premierminister Lal Bahadur Shastri und Pakistan unter Feldmarschall Muhammed Ayub Khan ihre Streitigkeiten infolge des Krieges des Vorjahres beilegen wollten. Die Freude über die Einigung währte nur kurz: Shastri starb noch am Tag nach der Unterzeichnung in Taschkent. In der Folge wählte die indische Kongresspartei am 18. Januar Informationsministerin Indira Gandhi zu ihrer Fraktionsvorsitzenden, und am 19. Januar wurde sie zur ersten Premierministerin Indiens gewählt. Nach Sirimavo Bandaranaike aus Ceylon war Gandhi damit erst die zweite Staatschefin in Asien, ein historisches Signal für die politische Emanzipation von Frauen auf dem Kontinent.

In Nigeria eskalierte die innenpolitische Lage ebenfalls. Am 15. Januar brach ein Militärputsch aus, bei dem Premierminister Tafawa Balewa ermordet wurde. Generalmajor Johnson Aguiyi-Ironsi übernahm die Macht, löste die politischen Parteien auf und hob die Verfassung auf. Diese Ereignisse markierten den Beginn einer Periode politischer Instabilität, die Nigeria über Jahre in Bürgerkrieg und Staatskrisen treiben sollte.

In Europa liefen unterdessen andere Prozesse ab. Am 29. Januar beendete der Luxemburger Kompromiss die sogenannte Krise des leeren Stuhls in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, die Frankreich unter Charles de Gaulle durch das Fernbleiben seiner Vertreter ausgelöst hatte. Dieser Kompromiss legte fest, dass in Fragen vitaler nationaler Interessen Einstimmigkeit erforderlich sei, und bremste damit die supranationale Integration der Gemeinschaft für Jahre. Am 1. Februar 1966 trat in Frankreich ein Gesetz über die volle juristische Gleichberechtigung der Frauen in Kraft, ein wichtiger Schritt in der langen Geschichte der Emanzipation.

Im spanischen Palomares ereignete sich am 17. Januar ein nuklearer Beinahe-Unfall: Bei einer Luftbetankung stürzte ein US-amerikanischer Bomber ab, der vier Atombomben an Bord trug. Die radioaktive Kontaminierung der Umgebung und das langwierige Bergungsoperation zeigten der Weltöffentlichkeit die Risiken, die das atomare Wettrüsten auch im Frieden mit sich brachte.

In Australien trat nach 16 Jahren im Amt Sir Robert Menzies am 20. Januar als Premierminister zurück. Sein Nachfolger wurde Harold Holt. Politische Umstürze gab es auch in Syrien: Am 23. Februar übernahmen Angehörige des linken Flügels der Baath-Partei durch einen Staatsstreich die Macht und stürzten den Mitgründer der Partei Salah ad-Din al-Bitar. In Ghana wiederum wurde Präsident Kwame Nkrumah am 24. Februar abgesetzt, während er sich auf Auslandsreise befand, ein klassisches Muster für die politische Instabilität des postkolonialen Afrika.

Das Jahr 1966 hinterließ eine Welt im Umbruch. Die Kulturrevolution in China, die Intensivierung des Vietnamkriegs, die Machtwechsel in Afrika, die Wahl Indira Gandhis, der nukleare Zwischenfall von Palomares und die europäischen Kompromisse im Integrationsprojekt formten zusammen ein Jahr, das exemplarisch für die Spannungen und Widersprüche der Nachkriegsordnung stand. 1966 war kein gewöhnliches Jahr.

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