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1911

Jahr

4 min01/01/2024
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Das Jahr 1911 war ein Jahr der welthistorischen Umbrüche, das auf nahezu allen Kontinenten politische Erschütterungen und technologische Meilensteine hervorbrachte. Es reihte sich nahtlos an sein revolutionäres Vorjahr an und beschleunigte Entwicklungen, die die Welt dauerhaft verändern sollten.

In Mexiko trieb die im Vorjahr begonnene Revolution ihren politischen Wandel voran: Der langjährige Diktator Porfirio Díaz, der das Land jahrzehntelang autoritär regiert hatte, wurde gestürzt. An seine Stelle trat der Revolutionär Francisco Madero, der eine neue Ära der politischen Unruhe und des Wandels in Mexiko einläutete. Die mexikanische Revolution sollte sich noch über viele weitere Jahre erstrecken.

In China hatte der Huanghuagang-Aufstand im Frühling 1911 zwar keinen unmittelbaren Erfolg gebracht, doch im Oktober desselben Jahres entfachte der Wuchang-Aufstand die Xinhai-Revolution. Diese Erhebung führte Anfang 1912 zur Gründung der Republik China unter Präsident Sun Yat-sen und bedeutete das Ende des über zweitausend Jahre alten Kaisertums. Es war eine der folgenreichsten politischen Transformationen der asiatischen Geschichte.

Auch in Europa gärte es: In Wien brach die sogenannte Teuerungsrevolte aus, bei der das österreichische Militär zum ersten Mal seit 1848 wieder auf demonstrierende Menschen schoss. Und auf Initiative der Sozialistin Clara Zetkin wurde weltweit erstmals ein Internationaler Frauentag begangen – ein Ereignis, das bis heute nachwirkt.

Auf der internationalen Bühne sorgte der sogenannte Panther-Sprung für die erste große Krise des Jahres: Das deutsche Kriegsschiff Panther ankerte vor der marokkanischen Küste und provozierte damit eine schwere diplomatische Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich – die Zweite Marokkokrise. Sie konnte schließlich durch den Marokko-Kongo-Vertrag beigelegt werden, hinterließ aber ein nachhaltig vergiftetes Verhältnis zwischen den europäischen Großmächten.

Italien nutzte die geschwächte Lage des Osmanischen Reiches, um von innenpolitischen Problemen abzulenken: Am 26. September stellte die Regierung unter Ministerpräsident Giovanni Giolitti der Hohen Pforte ein Ultimatum und forderte die sofortige Abtretung der nordafrikanischen Provinzen Tripolitanien und Cyrenaika. Nur drei Tage später, am 29. September, erklärte Italien dem Osmanischen Reich den Krieg. Innerhalb weniger Wochen fielen Tripolis, Tobruk und sämtliche Küstengebiete in italienische Hände.

Dieser Italienisch-Türkische Krieg brachte eine beunruhigende Innovation in die Kriegsführung: Am 23. Oktober überflog der Italiener Carlo Piazza als erster Militärpilot der Geschichte eine feindliche Stellung bei Bengasi zur Aufklärung aus der Luft. Am 1. November wurden aus einer Etrich Taube erstmals Zwei-Kilo-Bomben manuell auf Personen in Oasen abgeworfen – der Beginn des Luftbombardements als Kriegsmittel. Der Konflikt brachte auch Massaker an der arabischen Zivilbevölkerung mit sich: Nach einem blutigen Gefecht bei Sciara Sciat richteten italienische Truppen unter der arabischen Bevölkerung ein Massaker an, und in den folgenden Wochen wurden rund 4.000 Araber auf Strafinseln wie Tremiti und Ponza deportiert. Am 5. November annektierte Italien offiziell Tripolis und die Cyrenaika.

Während die Welt politisch brodelte, schrieb die Wissenschaft in der Antarktis Geschichte. Gleich fünf verschiedene Expeditionen befanden sich 1911 gleichzeitig auf dem südlichsten Kontinent. Den Höhepunkt des sogenannten Goldenen Zeitalters der Antarktisforschung bildete die norwegische Fram-Expedition unter Roald Amundsen, der kurz vor Jahresende als erster Mensch überhaupt den Südpol erreichte.

Das Jahr war auch kulturell reich: Die Uraufführung der Oper Der Rosenkavalier von Richard Strauss in der Dresdner Hofoper wurde zu einem überwältigenden Erfolg. Am Berliner Lessingtheater kam Gerhart Hauptmanns naturalistische Tragikomödie Die Ratten heraus, die als vielleicht sein wichtigster Beitrag zum modernen Welttheater gilt. Wassily Kandinsky und Franz Marc gründeten den Blauen Reiter, eine der einflussreichsten Künstlergruppen der Moderne. Und Leonardo da Vincis Mona Lisa wurde von Vincenzo Peruggia aus dem Louvre gestohlen – ein Kunstraub, der weltweit Schlagzeilen machte.

Die Technik feierte 1911 ebenfalls ihre Triumphe: Der Ponte del Risorgimento wurde eröffnet – die erste Eisenbetonbrücke Italiens und zum Zeitpunkt ihrer Einweihung die Betonbogenbrücke mit der größten Spannweite der Welt. Und in der Werft von Harland and Wolff lief das größte Schiff der Welt vom Stapel: die Titanic, die auf ihrer Jungfernfahrt im folgenden Jahr tragisch untergehen sollte.

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