Am 10. Januar 2000 sollte Crossair-Flug 498 von Zürich nach Dresden führen — eine kurze Strecke durch den europäischen Luftraum, routinemäßig und unspektakulär wie Hunderte andere Flüge an jenem Tag. Das Flugzeug, eine Saab 340 der schweizerischen Regionalfluggesellschaft Crossair, hatte am späten Nachmittag um 16:00 UTC aus Guernsey kommend in Zürich gelandet, wo die Besatzung wechselte und das Flugzeug für den nächsten Einsatz vorbereitet wurde. Dabei wurden keine Unregelmäßigkeiten festgestellt.
Um 16:54 UTC erteilte der Züricher Tower die Startfreigabe. Die Cockpit-Besatzung hatte zuvor die Checkliste vollständig abgearbeitet. An Bord befanden sich drei Besatzungsmitglieder und sieben Passagiere, insgesamt zehn Menschen. Nach dem Start und dem Einziehen des Fahrwerks ging die Maschine in einen Steigflug auf Pistenachse über. Der Kapitän, ein moldauischer Staatsbürger, der von Moldavian Airlines an Crossair überlassen worden war, führte den Flug als Pilot Flying durch. Er verfügte über mehr als zwei Jahre Erfahrung auf der Saab 340 mit rund 1600 Flugstunden, hatte aber zuvor langjährige Erfahrung auf sowjetischen Flugzeugtypen wie der Antonow An-24 gesammelt. Seine Englischkenntnisse wurden als grundlegend beschrieben. Der Erste Offizier, ein slowakischer Staatsbürger mit regulärem Crossair-Vertrag, sprach gut Englisch und agierte als Pilot not flying.
Kurz nach dem Start, um 16:55 UTC, wies der Fluglotse die Besatzung an, den Kurs nach links zum VOR Zürich East zu ändern. Der Erste Offizier bestätigte die Anweisung per Funk, gab jedoch nicht die Drehrichtung an. Als der Lotse nach weiteren Rücksprachen erkannte, dass die Linkskurve nicht eingeleitet worden war, wies er eine Rechtskurve an. Dieser Moment wurde zum Auslöser der Katastrophe.
Das Multifunction-Display im Cockpit zeigte die notwendige Kursänderung von 225° auf 68° über den kleineren Winkel an — und damit nach links. Der Kapitän ging offenbar davon aus, dass er weiterhin eine Linkskurve flog. Die Steuerausschläge, die der Flight Director nach rechts anzeigte, interpretierte er vermutlich als Stabilisierungsmanöver dieser Linkskurve. Da er dem Flight Director genau folgte, geriet das Flugzeug rasch in eine Schräglage nach rechts von 80° und begann, schnell an Höhe zu verlieren — ohne dass die Besatzung dies zunächst bemerkte.
Ein weiteres Problem erschwerte die korrekte Reaktion: Die Fluglageanzeiger in der Saab 340 entsprachen nicht den sowjetischen Instrumenten, an denen der Kapitän über Jahre trainiert hatte. In extremen Lagen — wie der nun entstehenden Steilspirale nach rechts — waren sie zudem nicht optimal geeignet, eine schnelle korrekte Lageinterpretation zu ermöglichen. Um 16:56 UTC bemerkte der Erste Offizier die falsche Drehrichtung. Die Aufzeichnung des Stimmenrekorders zeigte zu diesem Zeitpunkt eine hörbar schwere Atmung — ein Zeichen starken Stresses. Vier Sekunden später forderte er den Kapitän nachdrücklich auf, nach links zu drehen. Doch die Situation war bereits außer Kontrolle geraten.
Vier Sekunden nach dieser Aufforderung — nur zwei Minuten und 17 Sekunden nach dem Start — schlug die Maschine auf einem Feld nahe dem Ort Nassenwil westlich des Flughafens Zürich auf. Alle zehn Insassen kamen ums Leben. Es gab keine Überlebenden.
Die Untersuchungsbehörden stellten in ihrem späteren Bericht mehrere zusammenwirkende Faktoren fest. Die Verwechslung der Kurvenrichtung durch den Kapitän, begünstigt durch die von westlichen Instrumenten abweichende sowjetische Ausbildung, war der unmittelbare Auslöser. Die fehlerhafte Programmierung des Flight Directors spielte dabei eine entscheidende Rolle: Das System zeigte eine Kursänderung an, die der Kapitän falsch interpretierte. Dazu kam der strukturelle Kontext: Zum Zeitpunkt des Unfalls herrschte in der Schweiz ein Pilotenmangel. Die von Crossair gezahlten Gehälter lagen im Vergleich zu anderen schweizerischen Fluggesellschaften relativ niedrig, was zu einem anhaltenden Arbeitskonflikt mit dem Pilotenverband geführt hatte. Die Saab-340-Flotte sollte zudem ausgemustert und durch die Embraer-ERJ-145-Familie ersetzt werden.
Der Absturz von Crossair-Flug 498 erschütterte die Schweiz und führte zu intensiven Debatten über die Einstellungsstandards für ausländische Piloten, die sprachliche Qualifikation im Cockpit und die Auswirkungen von Kostendruck auf die Flugsicherheit. Er war nicht der letzte Unfall, der Crossair erschüttern sollte — nur elf Monate später kam es nahe Bassersdorf zum Crossair-Flug-3597-Absturz, der 24 Menschenleben forderte und das Ende der Airline als eigenständiges Unternehmen einleitete. Das Nassenwil-Unglück bleibt ein eindringliches Beispiel dafür, wie das Zusammentreffen von menschlichen Faktoren, technischer Komplexität und organisatorischen Schwächen in Sekunden zur Katastrophe führen kann.