Tief im Dschungel des heutigen nördlichen Guatemalas, auf einer Insel inmitten des Petén-Itzá-Sees, lag einst eine Stadt, die Geschichte schreiben sollte: Tayasal, auf Mayathan auch als Nojpetén oder Tah Itzá bekannt. Der Name Nojpetén bedeutet so viel wie „Stadtinsel", während Tah Itzá den „Ort der Itzá" bezeichnet. Diese natürliche Lage auf dem Wasser machte die Stadt zu einer nahezu uneinnehmlichen Festung, die selbst den hartnäckigsten Conquistadoren über Generationen hinweg trotzzen sollte.
Die Geschichte von Tayasal beginnt mit dem Untergang eines anderen Zentrums. Nach der Zerstörung von Chichén Itzá zogen die Itzá – ein Maya-Volk mit eigenem Dialekt und eigener Kultur – weit in den Süden, in die bewaldeten Tieflande des Petén. Im Jahr 1194 gründeten sie auf der Insel im Petén-Itzá-See ihre neue Hauptstadt. Die Abgelegenheit schützte sie nicht nur vor äußeren Feinden, sondern bewahrte auch ihre Traditionen, Glaubensvorstellungen und politischen Strukturen in einer Form, die andernorts längst verblasst war.
Als der spanische Conquistador Hernán Cortés im Jahr 1523 auf seinem Marsch nach Honduras durch die Region zog, stand er vor der Aufgabe, den abtrünnigen Hauptmann Cristóbal de Olid zu verfolgen. Noch frisch nach der Hinrichtung des aztekischen Herrschers Cuauhtémoc in Itzamkanac führte Cortés eine Armee aus spanischen Soldaten und etwa 600 Chontal-Maya-Verbündeten durch das unwegsame Gelände. Dabei passierte er Tayasal und traf auf den Itzá-Herrscher Ah Kaan Ek – zu Deutsch etwa „Schwarze Schlange", in spanischer Schreibweise Canek. Das Treffen verlief zunächst friedlich: Man hielt sogar eine katholische Messe ab, ein bemerkenswert symbolischer Akt an diesem fernen Ort.
Beim Weitermarsch ließen die Spanier ein sterbendes Pferd zurück. Die Itzá hatten noch nie ein solches Tier gesehen und waren tief beunruhigt. Aus Furcht, dass die Spanier sie für den späteren Tod des Pferdes verantwortlich machen könnten, fertigten die Bewohner von Tayasal eine Nachbildung des Tieres aus Holz an. Diese Skulptur – bald als Tzimin Chac bekannt, was so viel wie „Pferd des Donners" bedeutet – wurde in der Folge tatsächlich als Gottheit verehrt, ein einzigartiges Beispiel für die Verschmelzung europäischer und mesoamerikanischer Vorstellungswelten.
Die ersten ernsthaften Missionierungsversuche kamen im Jahr 1618, als zwei Jesuitenpriester in Begleitung mehrerer hundert einheimischer Christen aus Belize die Stadt besuchten. Der Empfang war freundlich, doch als die Priester das hölzerne Pferd Tzimin Chac sahen und erkannten, dass es angebetet wurde, zerstörten sie die Skulptur. Dies war ein schwerer Fehler: Der Itzá-Herrscher, der ebenfalls den Namen Ah Kaan Ek trug – ein Titel, der offenbar dynastisch weitergegeben wurde –, ließ die Eindringlinge aus der Stadt vertreiben. Die kurze Hoffnung auf friedliche Bekehrung war zerplatzt.
Die spanische Krone ließ nicht locker. In den folgenden Jahrzehnten wurden mehrere militärische Expeditionen ausgesandt, um Tayasal zu unterwerfen. Ein Angriff, der häufig dem Jahr 1541 zugeordnet wird, wurde von den Itzá-Kriegern erfolgreich abgewehrt. Weitere Versuche folgten: 1685 von der Küste Belizes aus, 1687 aus der Region Alta Verapaz und dann 1691 sowie 1695 aus Yucatán. Jedes Mal scheiterten die Angreifer – an der Verteidigungsstärke der Insel, am feindseligen Terrain oder an der Entschlossenheit der Itzá-Krieger.
Der Gouverneur von Yucatán, Martín de Ursúa y Arizmendi, erkannte schließlich, dass herkömmliche Landmärsche gegen eine Inselstadt zum Scheitern verurteilt waren. Er plante daher eine kombinierte Land- und Seeoperation. Kampfschiffe wurden von der Küste durch den Dschungel transportiert und am Ufer des Petén-Itzá-Sees mühsam zusammengesetzt – ein logistischer Kraftakt ohne Gleichen in dieser Region. Am 13. März 1697 startete die Flotte den entscheidenden Angriff. Die spanischen Truppen stürmten Tayasal und beendeten damit die politische Unabhängigkeit der letzten freien Maya-Stadt.
Mit dem Fall von Tayasal wurde die Unterwerfung aller Maya-Stadtstaaten unter die spanische Kolonialherrschaft abgeschlossen – rund 170 Jahre nach der Ankunft der ersten Conquistadoren auf dem amerikanischen Kontinent. Auf den Ruinen der alten Inselstadt errichteten die Spanier eine neue Siedlung, die schließlich zur heutigen Stadt Flores heranwuchs, dem Hauptort des guatemaltekischen Departamentos Petén.
Das Erbe von Tayasal ist vielschichtig. Die Stadt steht für die außergewöhnliche Widerstandskraft eines Volkes, das über Jahrhunderte seine Eigenständigkeit verteidigte. Sie zeigt aber auch, wie koloniale Expansion selbst die entlegensten Winkel des Kontinents letztlich erreichte. Die Geschichte des hölzernen Pferdes Tzimin Chac ist dabei besonders aufschlussreich: Sie verdeutlicht, wie unerwartete Begegnungen zwischen Kulturen vollkommen neue religiöse Vorstellungen hervorbringen können. Das Erlebnis von 1523 lebte im kollektiven Gedächtnis der Itzá so intensiv fort, dass aus einem sterbenden Haustier der Spanier eine Gottheit wurde – ein Zeugnis menschlicher Deutungskraft in Zeiten des Umbruchs.

