Wenige Archäologen haben die Vorstellung der Menschheit von ihrer eigenen Vergangenheit so grundlegend verändert wie Sir Arthur John Evans. Geboren am 8. Juli 1851 in Nash Mills, Hertfordshire, entstammte er einer intellektuell geprägten Familie: Sein Vater John Evans war selbst ein angesehener Archäologe, seine Mutter Harriet Ann eine Tochter von John Dickinson, dem Erfinder der mechanischen Papiererzeugung und Gründer des gleichnamigen Unternehmens. Diese Herkunft legte den Grundstein für eine Laufbahn, die Evans weit über die Grenzen der klassischen Altertumswissenschaft hinausführen sollte.
Nach seinem Studium heiratete Evans die Tochter des Historikers Edward Freeman und begann eine Karriere, die ihn zunächst als Journalist und Beobachter auf den Balkan führte. Im Jahr 1884 wurde er zum Direktor des Ashmolean Museum in Oxford ernannt, eine Position, die er bis 1908 innehatte. Es war diese institutionelle Verankerung, die ihm die Mittel und das Netzwerk verschaffte, um seine archäologischen Interessen zu verfolgen.
Den entscheidenden Impuls gab ein unscheinbares Fundstück. Im Jahr 1889 wurde dem Ashmolean Museum durch den reisenden Händler John Greville Chester ein Siegelstein aus rotem Karneol zum Kauf angeboten. Evans betrachtete die eingravierten Zeichen auf dem Stein – eine Mischung aus figürlichen Darstellungen und schwer deutbaren Objekten – und hielt sie zunächst für hethitisch oder hethitisch-syrisch, datiert ins zweite Jahrtausend vor Christus. Als er jedoch erfuhr, dass der Stein in Sparta gefunden worden war, kaufte er ihn und begann zu forschen.
Vier Jahre später öffnete sich ein weiteres Fenster. In Athen wurden Evans mehrere ähnliche Siegelsteine angeboten, die angeblich von der Insel Kreta stammten. Der renommierte Archäologe Adolf Furtwängler stellte ihm Abdrücke weiterer Steine mit derselben rätselhaften Bilderschrift zur Verfügung, deren Herkunft ebenfalls Kreta war. Archibald Henry Sayce besaß eine zweiseitige Gemme aus Kreta mit ähnlichen Hieroglyphen. Evans war fasziniert: Offenbar gab es auf dieser Insel Überreste einer unbekannten bronzezeitlichen Schriftkultur.
Inspiriert von Heinrich Schliemanns aufsehenerregender Entdeckung Trojas und beeinflusst von Arthur Milchhoefers Theorien über eine bronzezeitliche Hochkultur, reiste Evans im März 1894 nach Kreta. Von Candia – dem heutigen Iraklio – aus erkundete er das Inselinnere, durchstreifte das Ida-Gebirge, das Dikti-Gebirge und die Messara-Ebene im Süden. Er sammelte Informationen über mehr als zwanzig antike Städte und erwarb von der einheimischen Bevölkerung zahlreiche Objekte: Siegelsteine, Gemmen und Abdrücke kretischer Hieroglyphen. Besonders berührend war seine Beobachtung, dass junge Mütter durchlochte minoische Siegelsteine an Bändern um den Hals trugen, die sie „Milchsteine" nannten und denen sie magische Kräfte zuschrieben – ein Zeugnis dafür, wie antike Objekte über Jahrtausende hinweg in der Volkskultur weiterleben.
Zwischen 1895 und 1900 erwarb Evans schrittweise ein Grundstück auf dem Hügel Kephala südlich von Candia, an dem er die Ruinen von Knossos vermutete – jenem Ort, der schon bei Homer Erwähnung findet. Bereits vor ihm hatte der Kreter Minos Kalokairinos dort große Tonfässer zwischen Steinmauern freigelegt, und der amerikanische Journalist William J. Stillman war auf alte Steinmetzzeichen gestoßen. Am 23. März 1900 begann Evans mit den Ausgrabungen, zunächst mit 30, bald mit 100 Arbeitern auf eigene Kosten.
Was die Männer ans Licht brachten, übertraf alle Erwartungen: ein prunkvoll ausgestatteter Palast mit farbenprächtigen Fresken, weitläufigen Korridoren und einem komplexen Grundriss, den Evans dem mythischen König Minos zuschrieb. Evans prägte für diese bislang unbekannte Kultur den Begriff „minoisch" – in Anlehnung an den sagenumwobenen Herrscher des kretischen Labyrinths. Der Künstler Emile Gilliéron spielte gemeinsam mit seinem Sohn Emile (1885–1939) eine wichtige Rolle bei der Wiederherstellung der Fresken und anderer Funde, wobei sie künstlerisch sehr frei vorgingen – was damals bereits zu Kritik führte.
Teile der Ruinen ließ Evans später zu Gebäuden „rekonstruieren", indem er ihnen durch Hinzufügungen die Gestalt gab, die er für die ursprüngliche hielt. Diese Methode war schon bei Zeitgenossen umstritten und wird von modernen Archäologen oft kritisch bewertet, da sie die Rekonstruktion als subjektive Interpretation tarnt. Dennoch schufen diese Maßnahmen das eindrucksvolle Bild, das Millionen Besucher bis heute nach Knossos zieht.
Im Jahr 1903 ließ Evans Fundstücke aus Knossos in London ausstellen und erntete begeisterte Anerkennung. König Georg V. schlug ihn 1911 zum Ritter. Bis 1935 leitete Evans die Ausgrabungen auf Kreta; im selben Jahr schloss er sein sechsteiliges wissenschaftliches Hauptwerk „The Palace of Minos" ab. Er starb am 11. Juli 1941 in Youlbury, Oxfordshire, wenige Tage nach seinem 90. Geburtstag. Sein Vermächtnis ist die Entdeckung einer Hochkultur, die mehr als tausend Jahre vor dem klassischen Griechenland auf europäischem Boden aufgeblüht war.


