Das Osmanische Reich, dessen Herrscher sich selbst als Bewahrer einer gottgewollten islamischen Weltordnung betrachteten, zählte zu den mächtigsten und langlebigsten Dynastien der Geschichte. Knapp sechs Jahrhunderte — von etwa 1299 bis 1922 — beherrschten die Osmanen ein riesiges Territorium, das von den Toren Wiens bis zu den Wüsten Arabiens und von den Karpaten bis an den Persischen Golf reichte.
Die Ursprünge des Reiches liegen im nordwestlichen Kleinasien, wo ein Anführer mutmaßlich nomadischer Herkunft namens Osman I. um die Wende zum vierzehnten Jahrhundert einen kleinen Herrschaftsbereich, ein sogenanntes Beylik, aufbaute. Er nutzte den Zerfall des Sultanats der Rum-Seldschuken, die nach ihrer Niederlage gegen die Mongolen in der Schlacht vom Köse Dağ im Jahr 1243 ihre Macht eingebüßt hatten, und löste sich aus dieser Abhängigkeit. Osmans Nachfolger erweiterten das Reich systematisch: Bursa wurde 1326 zur Hauptstadt, Adrianopel 1368 übernahm diese Funktion, und schließlich Konstantinopel nach seiner Eroberung 1453, das fortan Kostantiniyye hieß und ab 1876 offiziell Istanbul genannt wurde.
Die Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II. im Jahr 1453 war der Wendepunkt, der das Osmanische Reich zur Großmacht erhob. Mit dem Fall der jahrtausendealten Hauptstadt des oströmischen Reiches sahen sich die Osmanen als Erben der Römer und als Träger der islamischen Weltmacht. In den folgenden Jahrzehnten unterwarf das Reich Anatolien vollständig, eroberte den Nahen Osten, Nordafrika und den Balkan.
Im sechzehnten Jahrhundert, dem goldenen Zeitalter unter Sultan Süleiman dem Prächtigen, erstreckte sich das Reich auf seiner größten Ausdehnung im siebzehnten Jahrhundert von Kleinasien und Rumelien nordwärts bis ans Schwarze und Asowsche Meer, westwärts tief nach Südosteuropa hinein, südwärts durch Syrien, das Gebiet des heutigen Irak und den Hedschas mit den heiligen Städten Mekka und Medina, und westwärts durch Nordafrika bis weit in die Gegend des mittleren Atlasgebirges. Das Osmanische Reich beherrschte damit die historischen Kernlande des Islam und übernahm nach den Umayyaden und Abbasiden die Rolle der dritten und letzten großen sunnitischen Weltmacht.
Die Beziehungen zur islamischen Welt waren dabei nicht ohne Konflikte. Als in Persien die Safawiden-Dynastie die Schia zur Staatsreligion erhob, setzten Osmanen und Safawiden den alten innerislamischen Gegensatz zwischen Sunna und Schia in drei großen Kriegen fort — ein Konflikt, dessen Narben die Region bis heute zeichnen. Im Mittelmeer rang das Reich mit Venedig und Genua, dem Kirchenstaat und dem Malteserorden um die Vorherrschaft, und im Indischen Ozean forderten die Osmanen Portugal im Fernhandel mit Indien und Indonesien heraus.
Jahrhundertelang beanspruchte das Osmanische Reich eine europäische Großmachtrolle, die sich mit jener des Heiligen Römischen Reiches, Frankreichs und Englands messen konnte. Die ununterbrochen intensiven politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen verbanden die Geschichte des Osmanischen Reiches unlösbar mit derjenigen Westeuropas. Istanbul war eine kosmopolitische Metropole, in der Muslime, Christen und Juden unter dem System der Millet nebeneinander lebten und eigene religiöse und rechtliche Institutionen unterhielten.
Ab dem späten siebzehnten Jahrhundert begann der langsame Rückzug. Die gescheiterte Belagerung Wiens im Jahr 1683 markierte den Höhepunkt der osmanischen Expansion in Europa. In den folgenden zwei Jahrhunderten rang das Reich mit dem aufsteigenden Russischen Kaiserreich um die Herrschaft über die Schwarzmeerregion, verlor Gebiete durch nationale Unabhängigkeitsbewegungen auf dem Balkan und trat als „kranker Mann Europas" in einen langen Prozess des Niedergangs ein. Griechenland erkämpfte 1821 seine Unabhängigkeit, Serbien und Rumänien folgten, Bulgarien entstand.
Der Erste Weltkrieg, in den das Reich auf Seiten der Mittelmächte eintrat, besiegelte sein Schicksal. Die militärischen Niederlagen, die Auflösung des Reichsterritoriums durch die Siegermächte und der darauffolgende Türkische Befreiungskrieg unter Mustafa Kemal Pascha führten 1922 zum formellen Ende der osmanischen Herrschaft. 1923 wurde als Nachfolgestaat die Republik Türkei gegründet. Damit endete nach den Hohenzollern, Habsburgern und Romanows auch die vierte große Monarchie, die die Geschichte Europas und des Nahen Ostens über Jahrhunderte geprägt hatte.