Humberto Ortega Saavedra war eine der prägendsten Figuren der nicaraguanischen Revolution — ein Mann, dessen Leben die Geschichte seines Landes spiegelte wie kaum ein anderes. Geboren am 10. Januar 1947 in Juigalpa, entstammte er einer Familie, die selbst unter dem Regime der Somoza-Dynastie zu leiden hatte. Sein Vater, der Lehrer Daniel Simeón Ortega Cerda, war 1934 von der Nationalgarde verhaftet und misshandelt worden, weil er in einem veröffentlichten Brief die Ermordung Augusto César Sandinos und die Rolle Somozas daran kritisiert hatte. Diese Familiengeschichte des Widerstands gegen die Diktatur sollte Humbertos politisches Bewusstsein früh formen.
Im Jahr 1963 begann die politische Aktivität Humberto Ortegas, als er in Juigalpa an einer Protestaktion teilnahm. Noch im selben Jahr trat er offenbar der Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) bei. Im Juli 1966 wurde er in Managua erstmals vom Staatssicherheitsdienst OSN verhaftet, nachdem er zusammen mit zwei Freunden einen bewaffneten Überfall auf eine Fahrzeugkolonne von General Anastasio Somoza Debayle vorbereitet hatte. Er wurde bereits im August wieder entlassen und legte in diesem Jahr sein Abitur am Instituto Maestro Gabriel ab. Ende Januar 1967 erfolgte eine zweite Verhaftung im Zuge von Protesten gegen den geplanten Wahlbetrug bei der Präsidentschaftswahl am 5. Februar 1967; er wurde ins Polizeigefängnis La Hormiguera in Managua verlegt, saß dort kurze Zeit in einer Zelle mit dem späteren Präsidentschaftskandidaten Pedro Chamorro und wurde bald amnestiert.
Wenige Monate später reiste Ortega mit einem falschen Pass über Toronto, Irland, Brüssel und Prag nach Kuba, wo er eine militärische Ausbildung erhielt. In Havanna nahm er im Oktober 1967 an der öffentlichen Trauerfeier zum Tod von Ernesto Che Guevara teil. Im März 1968 flog er gemeinsam mit Oscar Turcios Chaverría nach Nordkorea, wo beide im Grenzgebiet zur Volksrepublik China eine viermonatige militärische Ausbildung absolvierten. Diese Nordkorea-Verbindung sollte sich später auszahlen: Als nicaraguanischer Verteidigungsminister erhielt Ortega nach einem Gespräch mit Kim Il-sung 1981 eine Waffensendung mit 100.000 AK-47-Gewehren.
Über Kuba, Genf und Panama reiste Ortega Anfang 1969 nach Costa Rica, wo die FSLN-Kader die Guerilla in Nicaragua vorbereiteten. Im April 1969 wurde er im Stadtzentrum von San José von Polizeibeamten festgenommen. Als er im Juni mit anderen FSLN-Mitgliedern nach Nicaragua ausgeliefert werden sollte, gelang ihnen beim Transport mit Hilfe von costa-ricanischen Sympathisanten die Flucht. Ortega tauchte in einem Versteck von Carlos Fonseca unter. Am 31. August 1969 wurde Fonseca in Costa Rica wegen eines Bankraubs verhaftet, der der Finanzierung der FSLN diente — ein Ereignis, das die gesamte Untergrundstruktur der Organisation erschütterte.
Humberto Ortegas jüngerer Bruder Camilo, geboren 1950, wurde während der Revolution am 26. Februar 1978 in Masaya von der Nationalgarde ermordet. Sein älterer Bruder Daniel Ortega war von 1985 bis 1990 Staatspräsident Nicaraguas und ist es wieder seit 2007. Die Brüder Ortega bildeten das Zentrum der sandinistischen Führung — Daniel als politisches Gesicht, Humberto als militärischer Stratege. In der Nicaraguanischen Revolution von 1979 leitete Humberto die militärischen Operationen der FSLN und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Regime des Anastasio Somoza Debayle gestürzt werden konnte.
Nach dem Sieg der Revolution übernahm Humberto Ortega eine der mächtigsten Positionen im neuen Nicaragua: Er war von 1979 bis 1994 Verteidigungsminister und gleichzeitig Oberkommandierender des Sandinistischen Volksheeres. In dieser Funktion führte er das Militär durch den Contra-Krieg, in dem von den USA finanzierte Guerillakräfte versuchten, die sandinistische Regierung zu destabilisieren. Das Heer wurde zu einer Institution des neuen Staates ausgebaut, und Ortega prägte seine Struktur und Doktrin fundamental.
Humberto Ortega Saavedra starb am 30. September 2024 in Managua — ein Leben lang ein Mann des Widerstands und der Macht, der die Geschichte Nicaraguas im 20. Jahrhundert mitgeschrieben hatte.



