Die Koalitionskriege, die von 1792 bis 1815 Europa in Brand setzten, gehören zu den prägendsten militärischen und politischen Ereignissen der Neuzeit. In mehr als zwei Jahrzehnten fast ununterbrochenem Kriegszustand wurden Karten neu gezeichnet, Dynastien gestürzt, Millionen Menschen getötet und das gesamte politische Gefüge des Kontinents grundlegend erschüttert. Was als Reaktion der europäischen Monarchien auf die Bedrohung durch die Französische Revolution begann, mündete in einem Ringen von weltgeschichtlichen Dimensionen.
Der Auftakt kam mit der Kriegserklärung Frankreichs am 20. April 1792, der die sogenannte Erste Koalition entgegenstand. Diese Koalition hatte ihre Wurzeln in der Pillnitzer Deklaration von 1791, in der sich Österreich und Preußen zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen das revolutionäre Frankreich verpflichtet hatten. Nach und nach schlossen sich weitere bedeutende Mächte an: das Königreich Sardinien-Piemont, nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. auch Großbritannien, Spanien und das Königreich Neapel. Die Niederlande erhielten 1793 eine französische Kriegserklärung, da sie Großbritannien unterstützt hatten.
Frankreich antwortete auf diese Bedrohungen mit Mitteln, die die Kriegsführung in Europa revolutionieren sollten: der Levée en masse – der Massenrekrutierung der Bevölkerung – sowie neuen taktischen Methoden, die aus den Umwälzungen in der Armee entstanden waren. Die Kriegsführung der Franzosen erwies sich als überwältigend effektiv. Einer nach dem anderen schieden die Koalitionsmächte durch Friedensverträge aus: Im Mai 1795 schloss die aus den besetzten Niederlanden hervorgegangene Batavische Republik ein Bündnis mit Frankreich; im Frühjahr 1795 einigten sich Preußen und Spanien mit Frankreich im Frieden von Basel. 1796 zwang Napoleon Bonaparte Sardinien-Piemont während seines Italienfeldzuges zum Frieden. Am 17. Oktober 1797 beendete schließlich der Frieden von Campo Formio den Ersten Koalitionskrieg, nachdem Österreich militärisch besiegt worden war. Das linke Rheinufer fiel an Frankreich. Allein Großbritannien verblieb im Kriegszustand.
Die Zweite Koalition von 1799 bis 1802, der neben Großbritannien und Österreich auch Russland, das Osmanische Reich, Portugal, Neapel und der Kirchenstaat angehörten, scheiterte ebenso. Napoleon Bonaparte, seit seiner Rückkehr von der ägyptischen Expedition Herr Frankreichs, führte seine Heere von Sieg zu Sieg. Preußen unter dem neuen König Friedrich Wilhelm III. blieb in diesem Konflikt neutral.
In den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten bildeten sich weitere Koalitionen, die von Napoleon eine nach der anderen besiegt oder aufgespalten wurden. Der Russlandfeldzug des Jahres 1812 markierte jedoch den Wendepunkt. Napoleons Grande Armée marschierte tief ins russische Reich ein und musste sich nach der katastrophalen Niederlage in einem verheerenden Winterfeldzug wieder zurückziehen. Hunderttausende Soldaten kamen in der Eiseskälte um.
Die Befreiungskriege von 1813 bis 1815 brachten die entscheidende Wende. In der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 wurde Napoleon von einer geeinten Koalition aus Preußen, Österreich, Russland und Schweden vernichtend geschlagen. Paris wurde besetzt, Napoleon abdankte und ging ins Exil nach Elba. Die siebte und letzte Koalition formierte sich nach Napoleons spektakulärer Rückkehr aus der Verbannung – der sogenannten Herrschaft der Hundert Tage im Jahr 1815. Die endgültige Niederlage Napoleons bei Waterloo am 18. Juni 1815 beendete die Ära der Koalitionskriege.
Das Erbe dieser Jahrzehnte der Erschütterung war gewaltig. Die Koalitionskriege beendeten die Ära der Kabinettskriege, in der kleine Berufsheere auf begrenztem Terrain kämpften. An ihre Stelle trat der moderne Volkskrieg, geführt mit Massenheeren und nationalistischer Überzeugung. Der Wiener Kongress von 1814/15 versuchte, Europa neu zu ordnen und die Stabilität des Staatensystems durch ein System des Gleichgewichts wiederherzustellen. Die nationalistischen und liberalen Ideen, die die Revolutionskriege in ganz Europa verbreitet hatten, ließen sich jedoch nicht mehr zurückdrängen – sie blieben das explosivste politische Erbe dieser stürmischen Epoche.


