Die Frente Sandinista de Liberación Nacional, kurz FSLN, wurde am 23. Juli 1961 in Nicaragua von Carlos Fonseca als revolutionäre Bewegung gegründet. Ihr Name war Programm: Er ehrte Augusto César Sandino, jenen General des nicaraguanischen Widerstandes, der von 1927 bis 1933 gegen die US-amerikanische Militärpräsenz in seinem Land gekämpft hatte und 1934 von der Nationalgarde ermordet worden war. Sandino war längst zur Symbolfigur des antiimperialistischen Widerstandes geworden — sein Name gab der neuen Bewegung ihre Identität und ihr historisches Fundament.
Das Nicaragua, gegen das sich die FSLN richtete, war ein Staat unter der eisernen Kontrolle der Somoza-Dynastie. Seit 1967 herrschte Anastasio Somoza Debayle als Diktator, gestützt auf die Nationalgarde und jahrelang unterstützt von den Vereinigten Staaten, die in ihm einen verlässlichen antikommunistischen Verbündeten sahen. Unter Somoza waren politische Morde und das heimliche Verschwinden von Oppositionellen durch die Nationalgarde an der Tagesordnung. Die FSLN agierte unter diesen Bedingungen als Guerillaorganisation, die in den Bergen und Wäldern Nicaraguas operierte und auf eine breite Volkserhebung hinarbeitete.
Am 27. Dezember 1974 unternahm die FSLN eine spektakuläre Aktion: Ihre Kämpfer besetzten eine Party von Regierungsmitgliedern im Haus des Ministers José María Castillo Quant in der Colonia Los Robles in Managua. Der Minister starb bei der Erstürmung. Die FSLN konnte ihr Kommuniqué über Radio unter der Bevölkerung verbreiten; es wurde außerdem in der Tageszeitung La Prensa gedruckt, die für ihre unabhängige Berichterstattung bekannt war. Anastasio Somoza Debayle reagierte mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes, der 33 Monate lang — bis zum 19. September 1977 — andauerte.
In den darauffolgenden Jahren verschärfte sich der Kampf. Im November 1976 erschossen Einheiten der Nationalgarde bei einer Verfolgungs- und Suchaktion FSLN-Gründer Carlos Fonseca. Noch im selben Jahr spaltete sich die FSLN in drei Tendencias: die Guerra Popular Prolongada, die Proletaria und die Tercerista — ideologische Flügel mit unterschiedlichen strategischen Vorstellungen, die erst 1979 wieder zur Einheit fanden.
Im Januar 1978 erschütterte ein neues Verbrechen das Land: Pedro Chamorro, der Inhaber der oppositionellen Tageszeitung La Prensa, wurde von einer regierungsnahen Todesschwadron ermordet. Seine Ermordung löste eine Welle der Empörung aus. Die wachsende Opposition aus Geschäftsleuten, Gewerkschaften und Studentengruppen schloss sich im Oppositionsbündnis FAO, der Frente Amplio Opositor, zusammen. Am 22. August 1978 besetzten Einheiten der FSLN den Nationalpalast — eine kühne Aktion, die weltweit Aufmerksamkeit erregte. Streikaufrufe der Opposition folgten, und die Regierung antwortete mit einer Verhaftungswelle.
Am 8. September 1978 riefen die Sandinisten während eines Streikes zur allgemeinen Erhebung auf. Die Regierung verhängte am 12. September 1978 erneut das Kriegsrecht. Mit massiven Vergeltungsschlägen schlug die Nationalgarde den Aufstand bis Anfang Oktober nieder; etwa 5000 Menschen wurden getötet, 10.000 verletzt. Mitarbeiter von Amnesty International, die in Flüchtlingslagern in Honduras und Costa Rica ermittelten, dokumentierten zahlreiche Hinrichtungen, Folterungen, Vergewaltigungen und Verstümmelungen durch Einheiten der Nationalgarde. Im Dezember 1978 setzte die Regierung das Kriegsrecht außer Kraft und erließ eine Amnestie für politische Gefangene.
Doch der Kampf war nicht beendet — er stand kurz vor seinem Höhepunkt. Im Frühjahr 1979 vereinten sich die drei Tendencias der FSLN wieder und koordinierten eine Offensive, die den Charakter eines nationalen Aufstandes annahm. Am 19. Juli 1979 zog die FSLN an der Spitze einer breiten Widerstandsbewegung in Managua ein und stürzte die seit 43 Jahren bestehende Diktatur der Somoza-Dynastie. Anastasio Somoza Debayle floh ins Exil.
Die ideologische Grundlage des Sandinismus war bewusst vielschichtig gehalten: Sie reichte vom revolutionären Marxismus über die Befreiungstheologie bis zu reformistischen Forderungen nach einer breiteren bäuerlichen Eigentumsverteilung. Ausdrücklich kritisierten die Sandinisten die Politik traditioneller kommunistischer Parteien und betonten den demokratischen und sozialistischen Charakter der nicaraguanischen Revolution — eine Besonderheit, die sie von der kubanischen Linken unterschied.
Die FSLN regierte Nicaragua bis 1990, als sie bei freien Wahlen eine überraschende Niederlage erlitt. Nach Jahren in der Opposition kehrte Daniel Ortega im Januar 2007 als Staatspräsident an die Macht zurück und hat sie seitdem nicht mehr abgegeben. Die Geschichte der FSLN ist damit noch nicht abgeschlossen: Sie ist zugleich die Geschichte eines der bemerkenswertesten Guerillakämpfe des 20. Jahrhunderts und die Geschichte einer politischen Bewegung, die sich nach dem Sieg mit den Widersprüchen der Macht auseinanderzusetzen hatte.
