Jean Cabut, der die Welt unter seinem Pseudonym Cabu kennen sollte, wurde am 13. Januar 1938 in Châlons-en-Champagne geboren. Schon im Alter von zwölf Jahren bewies er sein Talent, als er einen Wettbewerb der Wochenzeitung Cœurs vaillants gewann und dafür nicht nur ein Fahrrad, sondern auch die Veröffentlichung seiner Zeichnung erhielt. Dieser frühe Erfolg war mehr als eine nette Anekdote: Er kündigte eine Karriere an, die den französischen Zeichenjournalismus für Jahrzehnte prägen sollte.
Cabut zog nach Paris und studierte Kunst an der renommierten École Estienne, die eine solide handwerkliche Grundlage für seine spätere Arbeit legte. Parallel dazu illustrierte er für das Musikmagazin Jazz Hot und knüpfte erste Verbindungen zu der kreativen Szene der Hauptstadt. Doch sein Weg zum freien Karikaturisten war von einem einschneidenden Ereignis unterbrochen: dem Algerienkrieg.
Eingezogen zur Armee, stellte Cabut seine zeichnerischen Fähigkeiten für 27 Monate der Armeezeitung Le Bled zur Verfügung, die ihren Sitz im algerischen Constantine hatte. Dort arbeiteten unter anderem auch Philippe Labro und Francis Veber. In dieser Zeit entstanden Zeichnungen, die von seinen Erfahrungen mit militärischer Hierarchie und dem Sinnlosigkeit des Krieges zeugten. Insbesondere die Serie La Fille du colonel, auf Deutsch Die Tochter des Oberst, zeigte erste Züge seines späteren antimilitaristischen Werkes. Die Figur des Adjutanten Kronenbourg, eine seiner bekanntesten Schöpfungen, verdankt ihre Entstehung ebenfalls dieser Zeit.
Die Erfahrungen des Algerienkrieges machten aus Cabut einen überzeugten Antimilitaristen und Anarchisten, der seine Weltanschauung mit dem Stift in der Hand in die Öffentlichkeit trug. Nach dem Ende des Militärdienstes 1960 zeichnete er für verschiedene Zeitungen und trat schließlich der Zeitschrift Hara-Kiri bei, die von François Cavanna und Georges Bernier, genannt Professeur Choron, gegründet worden war. Hier traf er auf Gleichgesinnte wie Gébé, Fred, Wolinski und Reiser und fand eine Heimat für seinen subversiven Humor.
Seit 1962 wirkte Cabut auch beim Comicmagazin Pilote mit, in dem René Goscinny ein Redakteur mit feinem Gespür für Talente war. Er war der erste von mehreren Künstlern, die Goscinny von Hara-Kiri abwarb, und brachte frische Themen und grafische Formen in das Magazin. Ab 1964 schuf er für Pilote den Comic Le Grand Duduche, auf Deutsch Der große Duduche, eine Serie über einen ungeschickten Gymnasiasten, der gegen autoritäre Strukturen und Kleinbürgerlichkeit aufbegehrt. Die Figur war von Cabuts eigenen Erinnerungen an seine Gymnasialzeit in Châlons inspiriert und griff inhaltlich der Studentenbewegung von 1968 vor. Wenig später folgte im gleichen Magazin die Serie Beauf, eine bissige Karikatur des spießbürgerlichen Franzosen.
1968 erhielt Cabut den Crayon d'or, den Goldenen Bleistift, für Pressezeichnungen, der ihm vom Kabarettisten Pierre Dac überreicht wurde. Im gleichen Jahr schloss er sich dem Wochenblatt Hara-Kiri Hebdo an, und nach dessen Verbot 1970 wurde er Zeichner bei Charlie Hebdo, wo er zunächst zwei Seiten pro Woche gestaltete. 1972 verließ er gemeinsam mit Jean-Marc Reiser das Magazin Pilote, weil die Spannungen zwischen künstlerischer Freiheit und den kommerziellen Zwängen eines breit ausgerichteten Blattes unerträglich geworden waren. Le Grand Duduche setzte er fortan in Charlie Hebdo fort.
Die 1970er und 1980er Jahre waren die Jahre seines größten öffentlichen Erfolges. Er veröffentlichte zahlreiche Alben, zeichnete für Tageszeitungen und Magazinen und trat im Fernsehen auf. Von Jacqueline Joubert engagiert, erschien er in der populären Jugendsendung Récré A2, wo er Schnellzeichnungen anfertigte und an der Seite der Moderatorin Dorothée zu einem vertrauten Gesicht für eine ganze Generation französischer Kinder wurde. Ab 1982 zeichnete er für das neue Charlie Hebdo und für die renommierte Satirezeitschrift Le Canard enchaîné, wo er 1995 die Figur des Beauf zeitgemäß neu interpretierte.
Cabu war nicht nur ein Karikaturist, er war eine Institution des französischen Satire- und Pressewesens, ein lebenslanger Mahner gegen Autoritarismus, Militarismus und die Selbstgefälligkeit der bürgerlichen Gesellschaft. Am 7. Januar 2015 wurde er bei dem Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris ermordet. Er war 76 Jahre alt. Mit ihm starben weitere Mitglieder der Redaktion bei einem der schlimmsten Angriffe auf die Pressefreiheit in der jüngeren Geschichte Frankreichs.
Das Attentat auf Charlie Hebdo erschütterte Frankreich und die Welt und löste eine breite Diskussion über Redefreiheit, Satire und die Grenzen des Humors aus. Cabuts Tod hinterließ eine Lücke, die nicht zu schließen ist: Ein Mann, der mit dem Stift die Mächtigen zum Lachen brachte und sie damit entlarvte, wurde durch Gewalt zum Schweigen gebracht. Sein Werk aber lebt weiter.