Zygmunt Bauman (geboren am 19. November 1925 in Posen, Polen; gestorben am 9. Januar 2017 in Leeds, England) war ein polnisch-britischer Soziologe und Philosoph.
Zygmunt Bauman wurde als erster Sohn einer jüdischen Familie in Posen geboren und wuchs in armen Verhältnissen auf. Er besuchte bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges das renommierte Berger-Gymnasium in Posen. Bei der deutschen Besetzung floh seine Familie in die Sowjetunion. Dort besuchte er ein Internat und trat der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol bei. 1942 begann Bauman ein Studium in Gorki, wurde jedoch noch während des ersten Semesters exmatrikuliert, da er als Ausländer nicht in der Sowjetunion studieren durfte. Daraufhin arbeitete er für mehrere Monate in einem Sägewerk. 1943 wurde er mobilisiert, als Inspektor der Miliz nach Moskau abkommandiert und später als Politoffizier bei einem aus deportierten Polen bestehenden Regiment der Polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion eingesetzt. Er nahm an der Schlacht um Berlin teil.
Tätigkeit in den Sicherheitsorganen der Volksrepublik Polen
Bauman unterzeichnete im Jahr 1944 eine Verpflichtung zur Zusammenarbeit mit dem Militärischen Nachrichtendienst (Informacja Wojskowa) als Agent-Informant unter dem Decknamen „Semjon“ und diente zwischen 1945 und 1953 als politischer Offizier (zuletzt als Major) im Korpus Bezpieczeństwa Wewnętrznego (Internes Sicherheitskorps des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit).
Ein 2006 vom polnischen Institut für Nationales Gedenken veröffentlichter Beförderungsantrag aus dem Jahr 1950 enthält eine Notiz, wonach Bauman als Leiter der Politisch-Erzieherischen Abteilung an der Bekämpfung des polnischen antikommunistischen Widerstands beteiligt gewesen sei: „Er führte 20 Tage lang eine Gruppe an, die sich durch die Ergreifung einer großen Zahl von Banditen auszeichnete“, wobei mit „Banditen“ Kämpfer des antikommunistischen Untergrunds in Polen gemeint waren. Außerdem sei er mit dem Tapferkeitskreuz (Krzyż Walecznych) ausgezeichnet worden. Der Antrag hob zudem Baumans Gewissenhaftigkeit, seine wissenschaftliche Eignung sowie sein ideologisches Engagement hervor, das er mit seiner Mutter (einer Aktivistin der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei) teilte.
Die Vorwürfe, Bauman habe „mit der Waffe in der Hand“ gegen den antikommunistischen Widerstand gekämpft, kommentierte dieser 2007 in einem Interview mit der britischen Tageszeitung The Guardian. Bauman übernahm darin die volle Verantwortung für seine Zusammenarbeit mit der Staatsmacht während des Stalinismus und räumte ein, einen Fehler begangen zu haben. Er begründete seine damalige Entscheidung mit dem Glauben an gesellschaftlichen Fortschritt: „In einem verarmten Land erwartet man eine Lösung für Elend, Demütigung, den Mangel an menschlicher Würde und eine Vielzahl sozialer und kultureller Probleme. Betrachtete man das politische Spektrum im damaligen Polen, versprach die kommunistische Partei die besten Lösungen.“
Nachdem Bauman 1950 ein Zitat von Bolesław Bierut verfälscht hatte, wurde er innerhalb des Militärs immer weiter isoliert. Eigenen Angaben zufolge suchte man nach einem Grund, ihn zu entlassen. Diese Gelegenheit bot sich im Zuge der antisemitischen Kampagne in der Sowjetunion gegen Ende von Stalins Herrschaft. Am 16. März 1953 – zehn Tage nach Stalins Tod – wurde Bauman aufgrund der Westkontakte seines Vaters, der zionistische Positionen vertrat, entlassen. Er selbst lehnte die Positionen seines Vaters ab.
Seinen Militärdienst verband Bauman mit einem Abendstudium der Philosophie und Soziologie an der Universität Warschau. Noch vor der Verteidigung seiner Magisterarbeit, wurde er als Assistent von Julian Hochfeld an der Universität angestellt. Während des Studiums vertrat er radikal linke Ansichten, die sich jedoch im Zuge seiner akademischen Tätigkeit allmählich abzuschwächen begannen, als er die Kluft zwischen marxistischer Theorie und der gesellschaftlichen Realität erkannte.
Im Mai 1956 verteidigte er seine von Hochfeld betreute Dissertation mit dem Titel Die politische Doktrin der britischen Labour Party. Als Gutachter fungierten Adam Schaff und Karol Lapter. Ein Jahr später, während des politischen Tauwetters nach dem Oktober 1956, erhielt er ein Stipendium, das ihm einen einjährigen Aufenthalt an der London School of Economics ermöglichte. Die Ergebnisse seiner weiteren Forschungen zur britischen Arbeiterbewegung veröffentlichte er in seiner Habilitationsschrift Klasse, Bewegung, Elite. Eine soziologische Studie zur Geschichte der englischen Arbeiterbewegung, die er 1960 verteidigte. Im selben Jahr wurde er Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift Studia Socjologiczne. 1962 übernahm er von Hochfeld den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der Universität Warschau.
Anfang Januar 1968 trat er aus Protest aus der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei aus, deren Mitglied er seit seinen Studienzeiten gewesen war. Nach den März-Unruhen 1968 und der einsetzenden antisemitischen Hetzkampagne verlor er seine Anstellung an der Universität Warschau und emigrierte nach Israel, wo er drei Jahre verbrachte, Hebräisch lernte und schließlich Dozent an der Universität Tel Aviv wurde. Er kam jedoch zu dem Schluss, dass es „schwierig ist, Wunden zu heilen, die durch Nationalismus verursacht wurden, indem man auf einen anderen Nationalismus zurückgreift“, weshalb er 1971 in das Vereinigte Königreich emigrierte, wo er im selben Jahr einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds erhielt, den er bis 1990 innehatte. Bis zu seinem Tod lebte Bauman als emeritierter Professor in Leeds und ging seiner Publikationstätigkeit nach.
Er war 61 Jahre lang mit der Autorin Janina Bauman (gestorben 2009) verheiratet. Seit ihrem Tod lebte er mit Aleksandra Jasińska-Kania, der Tochter des ehemaligen polnischen stalinistischen Parteichefs Bolesław Bierut, zusammen.
Aufgrund politischer Ereignisse musste Bauman zweimal in seinem Leben auswandern bzw. flüchten. Vor den Nazis ist er zusammen mit seiner Familie 1939 in die Sowjetunion geflohen und kämpfte als polnischer Soldat gegen die Wehrmacht. Bauman hat tiefgreifende Erfahrungen mit Krieg, Nationalsozialismus, Stalinismus und Demokratie durchlebt, die er in seinen Theorien vor dem Hintergrund aktueller Transformationsprozesse thematisiert. Totalität, Überwachung, Herrschaft, Ausgrenzung und Anpassung sind immer wiederkehrende Themenmotive in seinen Werken.
Weltweit bekannt auch über die Grenzen seines Fachs hinaus wurde er seit Ende der 1980er Jahre vor allem mit Studien über den Zusammenhang zwischen der Kultur der Moderne und dem Totalitarismus, vor allem dem deutschen Nationalsozialismus und dem Holocaust. Für Bauman war der Holocaust einer von mehreren Wegen, die die europäische Aufklärung einschlagen konnte. Indem er den Holocaust zum integralen – grundsätzlich jederzeit wiederholbaren – Bestandteil der europäischen Moderne erklärte, gelang ihm gleichsam dessen „Historisierung“. In seine Arbeiten zur Entstehung des Holocaust aus der nach nationalen Kriterien geordneten Staatenwelt der Moderne flossen Thesen des Politologen Benedict Anderson ein.
Während Bauman in den 1990er-Jahren zahlreiche Arbeiten zum Diskurs der Postmoderne vorlegte, befasste er sich zuletzt vor allem mit der neuartigen Kontingenz, die die Lebensverhältnisse der „liquiden“, also „verflüssigten“ Moderne kennzeichnet. Zur Betonung des „flüssigen“ Zustandes der Gegenwart charakterisiert Bauman den Unterschied zwischen der „schweren“ Moderne und der „leichten“ Postmoderne, exemplarisch am Phänomen der Macht. In Anlehnung an den Entwurf des Panopticon als Schlüsselmetapher moderner Machtverhältnisse von Michel Foucault bezeichnet Bauman den heutigen Zustand der Macht als „post-panoptisch“. Dabei greift er Gedanken von Richard Sennett auf. Macht bewegt sich für Bauman in der Postmoderne mit der Geschwindigkeit elektronischer Signale, ist also schwer greifbar, exterritorial und physisch unabhängig. Sie rinnt im Sinne von Bauman durch Raum und Zeit, aber vor allem hält sie sich nicht an die nationalen Grenzen, die einst in der Moderne durch Kriege, Grenzkontrollen und von Machtblöcken streng verteidigt wurden.