Reichsgräfin Zofia Potocka, griechisch Σοφία Ποτότσκα Sofía Potótska, ukrainisch Софія Потоцька Sofija Potozka, russisch София Потоцкая Sofija Potozkaja, ledige Glavani, geschiedene Reichsgräfin Wittowa, auch de Witte oder Witt (* 12. Januar 1760 in Mudanya bei Bursa; † 24. November 1822 in Berlin) war im späten 18. Jahrhundert eine gefeierte Schönheit und durch Heirat polnische Reichsgräfin.
Geboren in einfachen Verhältnissen in Bithynien im Nordwesten der heutigen Türkei, wurde sie nach dem Tod ihres Vaters, noch minderjährig, in Konstantinopel zur Kurtisane europäischer Diplomaten. Dadurch gelang ihr der Aufstieg bis zur Gattin des reichsten Magnaten Polen-Litauens, Stanisław Szczęsny Potocki. Sie wurde vielfach als „schönste Frau Europas“ bezeichnet.
Wie ihre Zeitgenossinnen Madame du Barry (Marie-Jeanne Bécu) und Lady Hamilton (Amy Lyon) ging sie als Geliebte prominenter Männer in die Geschichte ein. Aufgrund der – passiven – Rolle, die sie beim Untergang der Rzeczpospolita spielte, wurde sie von der Trivialliteratur der Teilungsmächte idealisiert und von den Anhängern der polnischen Unabhängigkeit dämonisiert.
Herkunft und Jugend (1760–1779)
Zofia bezeichnete sich selbst als Fanariotin aus dem Kaiserhaus von Trapezunt. Laut dem Bericht, den ihr Entdecker Karol Boscamp-Lasopolski (etwa 1740–1794) 1789 dem polnischen König Stanisław August über ihre Herkunft und Übersiedlung nach Polen übergab und der gemäß seinem Herausgeber Łojek Quellenwert besitzt, war Zofia das einzige Kind des griechischen Kleinviehhändlers Konstantinos und dessen Frau Maria. Die frühe Jugend verbrachte sie in Mudanya, das als „Stapelstadt“ von Bursa (Bithynien) „mit einem langen Darm [sic] ärmlicher, halbverfallener Häuser ohne Scalen oder Landungstreppen“ eine Bucht des Marmarameers säumte. Nachdem die Eltern sie auf eine Wallfahrt nach Jerusalem mitgenommen hatten, wurde sie Helena, der jüngeren Schwester der Mutter, anvertraut.
Diese Helena war in Istanbul mit einem Franzosen verheiratet. Von ihm, dessen Vater Konsul auf der Krim gewesen war, übernahm Zofia den Familiennamen Glavani. Auch ihre Eltern zogen nach Istanbul, wo Konstantinos Aufseher der christlichen Metzger wurde. Doch Glavani floh vor seinen Gläubigern, der Vater und auch ein armenischer Stiefvater Zofias starben, das Haus der Familie brannte nieder. Um ihren Unterhalt zu verdienen, prostituierten Helena und Zofias Mutter Maria sich und verkuppelten auch die minderjährige Zofia. Mit siebzehn floh das Mädchen aus dem Palast einer lesbischen Verwandten Sultan Abdülhamids I., die es zu ihrer Bettgenossin machen wollte. Da zu den Kunden der Mutter der Pförtner der polnischen Auslandsvertretung in Istanbul zählte, fand Zofia dort Zuflucht und wurde Konkubine des Internuntius Boscamp.
Der gebürtige Niederländer Boscamp vertrat 1777/78 den russischen Satellitenstaat Polen als Internuntius bei der Hohen Pforte. Der jüngere seiner beiden Söhne mit seiner nach Warschau zurückgekehrten Ehefrau war Patenkind des polnischen Königs. Boscamp brachte sie in der polnischen Auslandsvertretung unter. Der Gesandte soll sich mit ihr auf Türkisch unterhalten haben. Schreiben (auf Griechisch) konnte sie damals erst mangelhaft. Um ihre bei den Glavanis erworbenen Französischkenntnisse zu verbessern, stellte Boscamp einen Hauslehrer ein. Zofia eignete sich die Sprache der Diplomatie so gut an, dass ihr diese später die Türen der europäischen Höfe öffnete. Obwohl sie erst nach ihrer Heirat französisch zu schreiben begann, sind alle ihre erhaltenen Briefe in dieser Sprache verfasst. Über ihre Beherrschung des Polnischen gehen die Angaben auseinander. In der Folge muss sie auch Russisch und Deutsch gelernt haben. 1795 übte sie sich darin, den englischen Spectator im Original zu lesen.
Der Internuntius ließ sich von ihr bei Landpartien, Ferienaufenthalten in Büyükdere am Bosporus und halboffiziellen Anlässen des diplomatischen Corps begleiten. Boscamp berichtete seinem König: „Ich bin auf dem Land mit einer recht schönen Griechin, die ich mir zugelegt habe, um die Aufmerksamkeit unserer Schwätzer auf dieses Objekt zu lenken, während ich dort in Ruhe meinen Geschäften nachgehe [mit den Türken verhandle].“ Später setzte er Zofia auf den russischen Gesandten Alexander Stachiew (1724–1794) an, der ihm entgegenarbeitete: „Ein Grund, warum dieser Mann mich noch schont, ist mein griechisches Mädchen, nach dem er verrückt ist und das sich über ihn lustig macht, ohne dass er dessen gewahr wird, da es den Befehl hat, ihn gut zu behandeln und ihm kleine Freiheiten zu gestatten.“ Als Stachiew ihm aber Zofia auszuspannen versuchte, wies sie seine Avancen mit unverhohlenem Abscheu zurück, was zum endgültigen Bruch zwischen den beiden Diplomaten führte und dazu beitrug, dass Boscamp abberufen wurde.
Die Romanze des Internuntius dauerte kaum ein Jahr. Da seine Frau davon erfuhr, gab er Zofia noch vor der Rückkehr nach Warschau bei einem Dolmetscher in Pension und hinterließ ihr, für den Fall, dass sie einen Handwerker oder Kaufmann ehelichen würde, eine Mitgift von 1500 Piaster. Sie soll aber sogar den Heiratsantrag eines englischen Diplomaten – Botschafter Robert Ainslie (1730–1812)? – abgelehnt haben. Im Übrigen war Boscamps diplomatische Karriere zu Ende, da Polens Reichstag, der Sejm, bald darauf gebürtige Ausländer wie ihn vom auswärtigen Dienst ausschloss.
Dank ihrer Fähigkeit, bewegende Briefe zu schreiben, hielt Zofia mit Boscamp eine Fernbeziehung aufrecht. Als er kurz darauf die Gattin verlor, lud er sie ein, wieder ihre frühere Funktion einzunehmen, was sie hoffen ließ, er werde sie heiraten. Doch als sie 1779 zu ihm reiste, hatte sie in Focșani (Rumänien), wo sie längere Zeit blieb, eine Affäre mit dem Schwager des Hospodars des Fürstentums Moldau. Gemäß General Alexandre Langeron ließ sie sich auch mit mehreren Bojaren ein. Ihre Untreue veranlasste Boscamp, sie von Iași nach Istanbul zurückbringen zu lassen. Sie flüchtete jedoch nach Kamjanez-Podilskyj in der polnischen Woiwodschaft Podolien, wo sie sich anscheinend als siebzehn- oder achtzehnjährige Kaufmannstochter aus Candia (Kreta) ausgab.
Was anschließend in dieser Grenzfestung geschah, gelangte – wenn auch in phantasievoll veränderter Form – in die westeuropäische Presse: Die schöne Griechin wurde vom vierzigjährigen Artilleriemajor Józef de Witte bzw. Witt (1739–1815) umworben. Dieser vorgebliche Nachfahr des niederländischen Mathematikers und Staatsmanns Johan de Witt (1625–1672) hatte das Kriegshandwerk als Stückjunker in Wien erlernt und auch in Frankreich gedient und war 1768 in den polnischen Adel aufgenommen worden. Als er Zofia kennenlernte, hatte er gerade von Fürst Marcin Lubomirski das einzige Grenadierregiment der Kronarmee (in Wirklichkeit ein schwaches Garnisonsbataillon) gekauft. Nochmals befahl Boscamp, Zofia nach Istanbul zu schaffen. Sie aber kehrte von Botoșani (Rumänien) nach Kamjanez zurück, worauf Witte sie im benachbarten Dorf Zinkiwzi heiratete. Schwiegervater Generalmajor Jan de Witte (1709–1785) – Kommandant von Kamjanez, bedeutender Architekt, Bibliophiler und Numismatiker – erfuhr von der Mesalliance erst im Nachhinein. Zwar bekundete der Siebzigjährige kein Interesse an der vorgeblichen Schwester Zofias, die ihm diese als Mätresse anbot (ihre Tante Helena). Sie vermochte ihn aber trotzdem für sich einzunehmen, indem sie, wie eine deutsche Zeitung berichtete, jene Demut an den Tag legte, „welche Männerherzen bei weiblichen Schönheiten so breiweich zu machen pflegt“.
Julian Ursyn Niemcewicz (1757–1841), der 1780 im Gefolge des Fürsten Adam Czartoryski nach Kamjanez kam, schildert Zofia in seinen Memoiren wie folgt: „Ich weiß nicht, ob Helena, Aspasia, Lais, Athens berühmteste Schönheiten, sie an Reiz und Anmut übertreffen konnten. Ich sah im Leben keine schönere Frau. Mit der ebenmäßigsten Gesichtsbildung, den süßesten, schönsten Augen vereinte sie ein engelhaftes Lächeln und eine Stimme, welche die Seele ergriff.“ Der damals zehnjährige Adam Czartoryski junior erinnerte sich später: „Jedermann umringte sie und befolgte ihre Befehle.“