Cäcilie „Zilli“ Reichmann, auch Zilli Schmidt (* 10. Juli 1924 in Hinternah; † 21. Oktober 2022 in Mannheim), war eine deutsche Sinteza und Überlebende des Völkermordes an den Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten. Sie wurde zur Zeit des Nationalsozialismus im „Zigeunerlager“, wie der Abschnitt B II e des Konzentrationslagers Auschwitz von den Nationalsozialisten bezeichnet wurde, im KZ Ravensbrück und in einem Außenlager des KZ Sachsenhausen gefangengehalten.
Im Februar 1988 sagte sie vor dem Landgericht Siegen als Zeugin gegen den früheren SS-Rottenführer Ernst-August König aus, der Blockführer in Auschwitz gewesen war. Im hohen Alter berichtete Zilli Reichmann als Zeitzeugin bei Veranstaltungen von Ausgrenzung und Verfolgung, ihren Aufenthalten in den verschiedenen Lagern sowie von ihrem Kampf um Wiedergutmachung für das ihr zugefügte Leid.
Zilli Reichmann war eine Tochter von Berta „Batschka“ Reichmann (* 1884) und Anton „Jewero“ Reichmann (* 1882). Sie hatte vier Geschwister: zwei Schwestern, Hulda (* 1911) und Anna, genannt „Gucki“ (* 1916), sowie zwei Brüder, Stefan, genannt „Stifto“ (* 1907), und Otto, genannt „Hesso“ (* 1926). Die Eltern waren als Schausteller, Musiker und Hausierer auf Wanderschaft unterwegs und betrieben ein Wanderkino. Der Vater war zudem ein gefragter Handwerker, der Bruder Stefan handelte mit Geigen. Der Wohnwagen der Familie wurde von einem Lanz Bulldog gezogen, was darauf hinweist, dass die Reichmanns gut gestellt waren.
Die Familie war katholisch und gehörte zu den Lalleri, einer ursprünglich in Südosteuropa, vor allem in Böhmen und Mähren beheimateten Teilminderheit der Roma. Sie war vorwiegend in Böhmen, Thüringen, Sachsen und Bayern unterwegs.
Als Kind sprach Zilli Reichmann nur Romanes. Bis zum Alter von 14 Jahren besuchte sie Schulen, wenn auch aufgrund der Wanderschaft viele verschiedene. Ihr letzter Schulbesuch war 1938 in Ingolstadt, wo sie engen Kontakt zu einer Nonne hatte. Als diese als Missionarin nach Afrika ging, wollte Zilli Reichmann mit ihr gehen.
Mit 15 Jahren wurde Zilli Reichmann schwanger und brachte am 6. Mai 1940 in Eger eine Tochter zur Welt. Sie erhielt den Namen Ursula Josefine und wurde „Gretel“ genannt. Ihr Vater war Moritz Blum, der einer befreundeten Familie angehörte; das Paar blieb nicht zusammen. Moritz Blum ging ins Ausland und schickte ein Telegramm an Zilli Reichmann, sie solle ihm folgen, was sie aber nicht wollte.
Die Familie Reichmann musste sich – wie viele andere Sinti auch – von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Rassenhygienischen Forschungsstelle untersuchen und vermessen lassen, um unter anderem festzustellen, ob sie „gemischt-“ oder „reinrassig“ seien. Die Forschungsleiterin war Eva Justin, die von den Betroffenen Loli Tschai („rotes“ oder „böses Mädchen“) genannt wurde. Die Ergebnisse bezüglich der Familie Reichmann sind nicht erhalten.
Ab Mitte der 1930er Jahre begann das NS-Regime mit der organisierten Verfolgung von „Zigeunern“, im Jahr 1938 wurde die Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens eingerichtet. Mit dem Auschwitz-Erlass vom 16. Dezember 1942 ordnete Heinrich Himmler die Deportation aller im nationalsozialistischen Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma an.
Der Familie Reichmann gelang es zunächst, verschont zu bleiben, indem sie häufig ihren Aufenthaltsort wechselte, um Polizei und Behörden zu entgehen. Stefan Reichmann wurde zur Wehrmacht einberufen, was in der Familie die Hoffnung weckte, „Zigeuner“ würden als „vollwertige Deutsche“ anerkannt. Zilli musste aber 1938 die Schule in Ingolstadt verlassen, wo die Familie Freundschaft mit der Familie Traber geschlossen hatte. Die Reichmanns zogen in das Sudetenland, das aber gemäß dem Münchner Abkommen ab Oktober 1938 zum Deutschen Reich gehörte. Nach den nun dort herrschenden Vorschriften hätte die Familie eigentlich nicht ihren behördlich festgesetzten Aufenthaltsort Eger verlassen dürfen.
Nach dem Waffenstillstand mit Frankreich am 22. Juni 1940 zog die Familie dorthin, weil sie hoffte, dass die Überwachung in den besetzten Gebieten nicht so engmaschig wäre; Stefan Reichmann war zudem in Frankreich stationiert. 1941 oder 1942 hielten sich die Reichmanns in Metz auf. Von dort aus fuhr Zilli Reichmann mit ihren Cousinen Katharina und Else nach Straßburg, wo sie bei einer Frau wohnten, die im Widerstand aktiv war. Diese Frau bot an, die gesamte Familie auf dem Schiff ihres Sohnes in das bislang nicht besetzte Südfrankreich zu schmuggeln, doch die Eltern lehnten ab. Zilli Reichmann: „Wir wären gerettet gewesen!“
Bei einer Razzia am 8. Juni 1942 wurden die drei Mädchen verhaftet. Über mehrere Stationen wurde Zilli Reichmann in das KZ Lety bei Písek transportiert. Von dort gelang ihr mit weiteren Verwandten Anfang 1943 die Flucht nach Eger, wo sie aber erneut verhaftet wurde. Sie kam in das berüchtigte Gefängnis Pankrác in Prag. Zur gleichen Zeit waren dort überlebende Einwohner des Ortes Lidice inhaftiert, deren Heimatort in Vergeltung des Attentats auf Reinhard Heydrich zerstört worden war.
Am 11. März 1943 wurde Zilli Reichmann mit einer Gruppe weiterer Frauen und Männer in das sogenannte Zigeunerlager im KZ Auschwitz-Birkenau deportiert, in Sichtweite der Krematorien. Bei ihrer Ankunft musste sie sich vor SS-Männern nackt ausziehen, die Haare wurden ihr abgeschnitten und die Zahl „Z1959“ auf den Arm tätowiert. Rund ein halbes Jahr später wurden auch ihr Vater, ihre Mutter, ihre Tochter sowie ihr Bruder Otto und ihre Schwester „Gucki“ mit ihren sieben Kindern in Auschwitz eingeliefert. Ihre Schwester Hulda war inzwischen verstorben. „Gucki“ hatte kurz vor ihrer Deportation noch einen kleinen Jungen geboren: Der Säugling wurde ihr aus Eger in einem Paket nachgeschickt und kam tot an.
Am 17. März 1943 wurde auch Zillis Bruder Stefan nach Auschwitz deportiert, noch in Wehrmachtsuniform und mehrfach ausgezeichnet. Er wurde später in das Stammlager des KZ Auschwitz verlegt, zwangssterilisiert und nach Eger entlassen. Im Lager durften die Familien zusammen bleiben, die Sinti durften ihre Instrumente behalten und mussten als Kapelle für die SS spielen; auch eine Fußballmannschaft wurde aufgestellt. Zilli Reichmann arbeitete in verschiedenen Bereichen wie dem Kindergarten, in der Küche, in der Schreibstube und der Bekleidungskammer. Durch ein Loch in der Barackenwand beobachtete sie Hinrichtungen der Politischen Abteilung. Während ihres Aufenthalts im KZ wurde sie von dem Arzt Josef Mengele untersucht, der ein besonderes Interesse an ihr zeigte.
In einem Interview mit dem Deutschlandfunk aus dem Jahre 2019 erzählte Zilli Reichmann: „Ich habe geklaut wie ein Rabe, aber nicht von dem Mund von den Menschen, in der Küche, in der Bekleidungskammer, Magazin, alles, wo Du nur denken kannst, hat die Zilli geklaut ….“ Sie lernte den Lagerältesten Hermann Dimanski kennen, einen Kommunisten und Spanienkämpfer. Mit der Billigung ihrer Mutter begann sie ein Verhältnis mit ihm. Von diesem Zeitpunkt an musste sie nicht mehr stehlen, da Dimanski sie unterstützte. Zweimal strich er Zilli von der Liste zur Vergasung, an ihrer Stelle wurden vermutlich andere Frauen getötet. „Das Zigeunerlager, das war gar nicht weit weg von der Gaskammer. Mein Kind kam immer zu mir: „‚Mama, Mama, da hinten werden die Menschen verbrannt.‘ Habe ich gesagt: ‚Nein …, da backen sie Brot.‘ ‚Nein, Mama, da tun die Menschen rein‘“, die hat das gewusst. Mit vier, fünf Jahren.“
Vermutlich im April 1944 fiel die Entscheidung, die rund 6000 Insassinnen und Insassen des Zigeunerlagers zu ermorden, „um Platz zu schaffen“. Ein erster Versuch des Transports zu den Gaskammern am 16. Mai scheiterte am Widerstand der Betroffenen. Zilli Reichmann wurde am 2. August zusammen mit ihrer Cousine Tilla in das KZ Ravensbrück verlegt, nicht zuletzt, weil Mengele ihr eine Ohrfeige gab, damit sie zurück in den Waggon sprang, nachdem sie schon wieder herausgesprungen war; so verdankte sie ihm ihr Leben.
In der folgenden Nacht wurden ihre Eltern, ihre Schwester „Gucki“ und deren sieben Kinder sowie Zilli Reichmanns vierjährige Tochter Gretel mit rund 3000 weiteren Menschen vergast, darunter zahlreiche Verwandte und Bekannte von Zilli Reichmann. Ihre beiden Brüder Otto und Stefan überlebten, weil sie wie Zilli Stunden zuvor in ein Arbeitslager verlegt worden waren. Auch die Cousine Katharina Strauß überlebte das Kriegsende, ihre Eltern und ihre Schwester Maria mit ihren Kindern wurden ebenfalls in Auschwitz-Birkenau ermordet.