Zhu Rongji (chinesisch 朱鎔基 / 朱镕基, Pinyin Zhū Róngjī, W.-G. Chu Jung-chi, [t͡ʂú ʐʊ̌ŋt͡ɕí]; * 23. Oktober 1928 in Changsha, Provinz Hunan, China; † 12. August 2026 in Peking) war ein chinesischer Politiker und einer der führenden wirtschaftlichen Reformer in der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Von 1998 bis 2003 war er Chinas Ministerpräsident.
Herkunft, Ausbildung und politische Verfolgung
Zhu verlor bereits als kleines Kind seine Eltern und wurde von den älteren Brüdern seines Vaters, Zhu Kuanjun und Zhu Xuefang, aufgezogen. Von 1947 bis 1951 studierte er Elektrotechnik an der Tsinghua-Universität in Peking; 1949 trat er der Kommunistischen Partei Chinas bei. Nach dem Studium begann er als stellvertretender Abteilungsleiter in der Staatlichen Planungskommission zu arbeiten.
Im Zuge der Anti-Rechts-Bewegung wurde Zhu im Jahr 1957 wegen einer kurzen Rede als „Rechtsabweichler“ verfolgt, im April 1958 aus der Partei ausgeschlossen und innerhalb der Planungskommission degradiert, durfte dort aber weiterhin Mathematik, Physik und Chemie unterrichten. Während der Kulturrevolution wurde er für fünf Jahre zur Arbeit auf einen Bauernhof geschickt; nach Mao Zedongs Tod wurde er politisch rehabilitiert, erhielt Ende 1978 rückwirkend seine Parteimitgliedschaft zurück und stieg anschließend vom Forschungsleiter für Industrieökonomie an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften zum Vizeminister der Staatlichen Wirtschaftskommission auf.
Aufstieg in Shanghai und Peking
Im Jahr 1987 wurde Zhu zum Vizeparteisekretär der Stadt Shanghai berufen. 1988 wurde er zum Bürgermeister Shanghais ernannt. Er sorgte für eine wirtschaftliche Verbesserung der Stadt, indem er den Weg für ausländische Investitionen freimachte. 1989 stieg er zu Shanghais Parteisekretär auf. Bei Deng Xiaopings Aufenthalten in Shanghai zum chinesischen Neujahrsfest 1990 und 1991 erläuterte Zhu ihm seine Pläne, das von staatlichen Lagerhäusern und landwirtschaftlichen Betrieben geprägte Pudong in ein modernes Finanzzentrum umzuwandeln; nach dem zweiten Besuch holte Deng ihn als Vizeministerpräsidenten mit besonderer Verantwortung für Handel und Industrieproduktion nach Peking, 1992 rückte Zhu in den Ständigen Ausschuss des Politbüros auf.
Er stellte sich 1993 als wirtschaftlicher Reformer heraus, nachdem er die Verantwortung für die chinesische Zentralbank übernahm und ein Programm zur Bekämpfung der Inflation erstellte. Mit der Steuerreform von 1994 zog die Zentralregierung einen wesentlich größeren Anteil der von den Lokalregierungen erhobenen Steuern an sich; zugleich erhielten die Lokalregierungen mehr Spielraum für Kreditaufnahme, Ausgaben und die Vergabe langfristiger Landnutzungsrechte, was umfangreiche Infrastrukturinvestitionen ermöglichte, aber auch ihre Verschuldung und Abhängigkeit von Grundstückserlösen förderte. Der für seinen Pragmatismus und seine sachliche Herangehensweise bekannte Zhu wurde am 17. März 1998 zum Ministerpräsidenten ernannt.
Wirtschafts- und Regierungspolitik
Als Ministerpräsident erstellte er einen Plan zur Verringerung der Anzahl der staatlichen Stellen sowie zur Reform des stark verschuldeten Bankensystems und staatseigener Unternehmen, ebenso des Wohn- und Gesundheitssystems. Es gelang ihm, etwa eine Million Stellen in der Verwaltung und beim Militär abzubauen. Die wirtschaftlichen Umbrüche umfassten die Schließung chronisch defizitärer Staatsunternehmen, den Übergang vom bisherigen staatlichen Wohnungssystem zu einem kommerziellen Immobilienmarkt, die Bewältigung der Asienkrise der späten 1990er-Jahre und den Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO). Mehr als 30 Millionen Beschäftigte des Staatssektors verloren infolge der Umstrukturierungen ihre Arbeit, viele von ihnen noch vor dem Aufbau eines nennenswerten sozialen Sicherungssystems.
Zhu besuchte erstmals im April 1999 die Vereinigten Staaten in offizieller Rolle und er hoffte darauf, die bilateralen Beziehungen zu verbessern und US-amerikanische Unterstützung für Chinas Beitritt zur WTO zu erhalten. 2000 stimmte der US-Kongress für eine Abschaffung des alljährlichen Kongressberichtes zu Chinas Status als meistbegünstigte Nation, was China im Jahr 2001 beim WTO-Beitritt half. Der von Zhu und seinen Mitarbeitern ausgehandelte Beitrittskompromiss war insbesondere in den chinesischen Binnenprovinzen umstritten: Er sah eine Senkung der Einfuhrzölle auf Autos und zahlreiche weitere Waren von teilweise mindestens 100 auf höchstens 25 Prozent vor, sicherte chinesischen Waren im Gegenzug einen erheblich günstigeren Zugang zu westlichen Märkten und trug zu einem Exportanstieg bei, durch den China bis 2010 zum weltweit größten Produzenten von Industriegütern aufstieg. 2003 gab Zhu Rongji aus Altersgründen das Ministerpräsidentenamt ab, sein Nachfolger wurde Wen Jiabao.
Am 12. August 2026 starb Zhu im Alter von 97 Jahren in Peking; eine genaue Todesursache wurde nicht bekanntgegeben. Am 18. August wurde er auf dem Babaoshan-Revolutionsfriedhof in Peking eingeäschert; an der bewusst zurückhaltend gestalteten Trauerfeier nahmen Staats- und Parteichef Xi Jinping sowie weitere amtierende und ehemalige Spitzenpolitiker teil, Bildaufnahmen der Zeremonie wurden jedoch nicht veröffentlicht.
Zhu erklärte 1998 den Mitarbeitern einer investigativen Fernsehsendung des staatlichen Rundfunks, er gehöre zu ihren regelmäßigen Zuschauern und habe aus ihren Berichten Anregungen für Reformen gewonnen; ohne eine unabhängige Presse zu fordern, stellte er damit die Bevorzugung ausschließlich positiver Berichterstattung infrage und betrachtete kritischen Journalismus als wichtiges Korrektiv der Regierung. Zhu war für eine unverblümte Ausdrucksweise und seinen trockenen Humor bekannt, bezeichnete unseriöse Bankiers etwa als „Halbidioten“ und verglich mangelhaft gebaute Deiche am Jangtse mit brüchigen und porösen Tofuresten. Er äußerte den Wunsch, als „sauberer Beamter“ in Erinnerung zu bleiben, der einige praktische Dinge erreicht habe.
Nach seinem Tod erinnerten zahlreiche Beiträge in chinesischen sozialen Medien an Zhu als direkten und eigenständigen Politiker und brachten seine Person mit einer Zeit wirtschaftlichen Aufstiegs, größerer internationaler Öffnung und optimistischer Zukunftserwartungen in Verbindung. Auf den Plattformen Weibo und Xiaohongshu blieben Suchergebnisse zu seinem Namen dagegen spärlich und wurden von staatlichen Medien bestimmt; manche Nutzer veröffentlichten lediglich sein Bild oder umschrieben ihn nur indirekt. Ein viel beachteter Beitrag des Ökonomen Zhao Jian, der sowohl auf die damalige Armut als auch die aufkeimende Hoffnung auf eine bessere Zukunft hinwies, wurde bereits am Tag nach seiner Veröffentlichung aus WeChat entfernt.
Zhu Rongji war der Überlieferung zufolge ein Nachfahre von Zhu Yuanzhang (1328–1398), der als Hongwu-Kaiser 1368 die Ming-Dynastie gründete.
Glückwunsch zum 90. Geburtstag Helmut Schmidts. (in: Helmut Schmidt. Würdigungen, Essays und Glückwünsche zum 90. Geburtstag. Zweiter Teil. Der Publizist und Privatmann. [Beilage zu Die Zeit, Ausgabe 52/2008]).
Literatur von und über Zhu Rongji im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Wu Zhong: Zhu sets his record straight (Memento vom 24. Juli 2011 im Internet Archive). In: Asia Times, 22. Juni 2011.