Der Begriff Zehnt, Zehent, Zehnter, Zehend, der Zehnte (auch Kirchenzehnter; lateinisch decima [pars], „zehnter Teil“, mittelniederdeutsch teghede) oder Dezem (von lateinisch decem „zehn“) bezeichnet eine Steuer in Form von Geld oder Naturalien an eine geistliche (etwa Domkapitel, Pfarrkirche) oder eine weltliche (König, Grundherr) Institution. Der Zehnt der Bauern ist in den Quellen zumeist als eine unabhängig von der Erntemenge festgelegte Abgabe dokumentiert, die auch 30 % überschreiten konnte.
Eine solche Abgabe war bereits im Altertum in verschiedenen Kulturen nicht nur des Orients bekannt und über das Mittelalter bis in die frühe Neuzeit üblich.
Die Zehntherrschaft war eine Form der Feudalrente und stellte für die Bauern in Mittelalter und Frühneuzeit eine hohe Belastung dar; sie hat nur bedingt Gemeinsamkeiten mit dem Zehnt.
Der Zehnte in der hebräischen Bibel
Die Entrichtung des Zehnten ist eng mit dem jüdischen Kalender und den landwirtschaftlichen Zyklen verknüpft, besonders in der biblischen Zeit, als der Zehnt vor allem auf landwirtschaftliche Produkte bezogen war. Die verschiedenen Arten des Zehnten wurden in bestimmten Jahren und zu bestimmten Zeiten im Jahr abgegeben, was mit den religiösen und landwirtschaftlichen Zyklen des jüdischen Kalenders zusammenhängt. Die Tora verpflichtet jeden Juden, jährlich den zehnten Teil der Ernte für die Armen sowie für die Priester und Leviten, die den Gottesdienst im Tempel verrichteten, abzugeben. Diese Abgabe muss jedes Jahr erfolgen, weshalb es verboten ist, den Zehnten einer Ernte mit dem Zehnten einer anderen Ernte zu verrechnen. Der Zehnt hatte auch eine gemeinschaftsbildende Funktion. Indem alle Mitglieder der Gesellschaft oder zumindest diejenigen, die landwirtschaftliche Erträge erzielten, verpflichtet waren, einen Teil ihrer Ernte abzugeben, wurde ein Gefühl der gemeinsamen Verantwortung für das Wohl der Gemeinschaft geschaffen. Es war nicht nur eine religiöse Pflicht, sondern auch eine kollektive Verpflichtung, die das Gemeinschaftsgefühl stärkte. Damit stellte der Zehn auch ein soziales Instrument dar, das Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinschaftssinn innerhalb der Gesellschaft förderte.
Der Zehnt (hebräisch מַעֲשֵׂר ma'aser) wird an mehreren Stellen in der Tora erwähnt, insbesondere im 5. Buch Mose (Deuteronomium) und in den drei Büchern Mose (Levitikus, Numeri, Exodus). Es gibt verschiedene Arten von Zehnten, die für unterschiedliche Zwecke bestimmt sind:
Ma'aser Rishon (hebräisch מַעֲשֵׂר רִאשׁוֹן ‚der erste Zehnt‘), der Zehnt ging an die Leviten, die Priesterkaste, die im Jerusalemer Tempel dienten und keine eigene Landzuteilung hatten. Der Zehnt wurde von den Israeliten abgegeben, um die Leviten zu unterstützen, die sich ausschließlich dem Dienst in heiligen Angelegenheiten widmeten, Num 18,21-24 .
Ma'aser Sheni (hebräisch מַעֲשֵׂר שֵׁנִי ‚der zweite Zehnt‘), dieser Zehnt war für den Tempelgebrauch vorgesehen. Alle zwei Jahre musste ein weiterer Zehnt abgegeben werden, der entweder nach Jerusalem gebracht wurde, um dort für den Tempeldienst oder für das Opferfest verwendet zu werden, oder – falls zu weit entfernt – in Geld umgewandelt und in Jerusalem ausgegeben werden sollte 5 Mos 14,22-27 .
Ma'aser Ani (hebräisch מַעֲשֵׂר עֲנִי ‚der Zehnt für die Armen‘), dieser Zehnt wurde alle drei Jahre abgegeben und war dafür vorgesehen, die Bedürftigen, wie Waisen, Witwen und Fremde, zu unterstützen, 5 Mos 14,28-29 .
Bereits vor dem mosaischen Gesetz (Gen 14,20 ) erhält der König und Hohepriester Melchisedek von Abraham den Zehnten der Kriegsbeute als freiwillige und situationsbedingte einmalige Abgabe:
Nachdem Jakob nachts von der Himmelsleiter geträumt hat, ist er ergriffen von Gottes Zusagen und gibt ihm im Gegenzug ein dreifaches Versprechen, zu dem auch das Verzehnten seiner Erträge gehört:
Das spätere mosaische Gesetz schreibt dann vor, dass die Israeliten dem Herrn einen Zehnten der Ernte und des Viehs geben sollen. Dieser Zehnte war zum Dank für die Gaben Gottes gedacht und für den Unterhalt des Stammes Levi, dem der Tempeldienst zugewiesen war und der deshalb keinen Landbesitz hatte. Die Naturalabgabe konnte auch durch eine Geldgabe ersetzt werden, nur musste der Betrag um ein Fünftel höher sein. Grundsätzlich war der Betrag zum Heiligtum zu bringen, aber in jedem dritten Jahr wurde der Zehnte vor Ort den Leviten und Armen zur Verfügung gestellt.
Die aaronitischen Priester (Tempeldiener) erhielten direkt nichts vom Zehnten des Volkes. Dafür erhielten sie gemäß Num 18,26 den Zehnten vom Zehnten aus den Händen der Leviten. Daran knüpft die Kritik in Mal 3,10 an. Die Priester hatten es unterlassen, den Folgezehnten in das Haus Gottes zu bringen (wahrscheinlich aufgrund von Korruption), und sie wurden dafür von Gott durch den Propheten Maleachi streng gerügt. Bereits in Neh 13,10 ff. wurde die mangelnde Umsetzung der Zehntengelder-Verwendung und die Zehnthof-Verwaltung kritisiert. Damals sind Leviten und Sänger auf ihren ländlichen Besitz zurückgekehrt, weil sie ihre Löhne nicht erhalten hatten.
Im 5. Buch Mose (Deuteronomium) werden in Dtn 12,6 , Dtn 14,22–29 und Dtn 26,12–15 die Satzungen rund um den Zehnten für das Volk Israel zusammengefasst. In 5. Mose 14,22 ff. wird erwähnt, wovon der Zehnte bezahlt werden sollte: vom Ertrag von Korn, Wein und Öl sowie von der Erstgeburt der Rinder und Schafe. Empfänger nach 5. Mose 26,12 sind die Leviten, die Ausländer sowie Witwen und Waisen. Der Zehnte hat hier also die Funktion einer geistlichen und weltlichen Abgabe, wobei aus der geistlichen Abgabe auch der Tempelunterhalt sowie das Bildungswesen finanziert wurde. Die Ausgaben für Militär und Sicherheit wurden im alten Israel offenbar nicht aus dem Zehnten des Volkes, sondern vom Staat aus seinen eigenen Zoll- und Markteinnahmen sowie Handelsgewinnen (wie etwa Minen) finanziert.
In 5. Mose 12,6–7 und 5. Mose 14,23 ist ein besonderer Festzehnter erwähnt, der anlässlich einer Pilgerreise nach Jerusalem selbst in Anspruch genommen wurde. Der Festzehnte war keine Abgabe, sondern eine eigene Festtagsrücklage.
Werden die Zehnten so interpretiert, dass der normale Zehnte jedes Jahr erhoben wurde, kommt man mit dem jedes dritte Jahr erhobenen weltlichen Zehnten auf 13 ⅓ Prozent der Einkünfte. Mit dem Festzehnten als interne Rücklage ergibt das zusammen 23 ⅓ Prozent aller Einkünfte. Diese in der Literatur immer wieder vorkommende Schlussfolgerung ist jedoch brüchig: Denn basierend auf Dtn 14,28 wird argumentiert, dass vom Festzehnten jedes dritte Jahr nichts für eigene Zwecke genommen werden solle, weil davon Ausländer, Witwen und Waisen und die Leviten am eigenen Ort leben sollen. Der weltliche Zehnte wird also aus dem Festzehnten generiert. Die Gesamtabgabenlast durch den Zehnten beträgt also 13 ⅓ Prozent, denn das aus dem Festzehnten selbst konsumierte Gut (zwei Drittel des Festzehnten) kann mit Fug nicht als Abgabe bezeichnet werden, sondern als Rücklage innerhalb des Familienbetriebs.
Teils wird angenommen, im Neuen Testament werde von den Christen kein Zehnter gefordert, sondern nur eine freiwillige Unterstützung armer Mitchristen und armer Gemeinden.
Unterstützer einer Interpretation des Zehnts nach mosaischem Vorbild berufen sich auf die Stellen Mt 23,23 und Lk 11,42 , in denen Jesus dieser Argumentation zufolge am Zehnten festhält. Befürworter einer freiwilligen Abgabe berufen sich jedoch auf 2 Kor 9,7 . Der Apostel Paulus zieht hier die freiwilligen Gaben eindeutig den Zwangsabgaben vor.