Wyborg (Transkription von russisch Выборг; alternativ deutsch Wiborg oder veraltet Wiburg; finnisch Viipuri; schwedisch Viborg) ist eine Stadt in der Oblast Leningrad in Russland. Sie liegt in der historischen Region Karelien zwischen Sankt Petersburg und der heutigen finnischen Grenze und hat 71.279 Einwohner (Stand: 1. Januar 2024).
Die im Spätmittelalter im Schwedischen Reich gegründete Stadt wechselte im Laufe ihrer Geschichte mehrmals die Landeszugehörigkeit. Von 1710 bis 1917 war Wiborg Teil des Russischen Reichs. Ab 1812 gehörte es zum teilautonomen Großfürstentum Finnland und ab 1917 zum dann unabhängigen Finnland. Dort war Viipuri bzw. Viborg die zweitgrößte Stadt des Landes. Nach dem Winterkrieg 1939–1940 kam es zur Sowjetunion. Vorher wurde praktisch die gesamte Bevölkerung nach Finnland evakuiert. Die Bevölkerung der Stadt bestand bis zum Zweiten Weltkrieg aus zahlreichen Nationalitäten, insbesondere aus Finnen, Russen, Schweden und Deutschen. Heute besteht sie zu über 90 % aus Russen.
Der ursprünglich schwedische Name Viborg (in alter Schreibung Wiborg) ist eine Wortzusammensetzung aus vi „Heiligtum“ und borg „Festung“. Auf Finnisch wurde der schwedische Name ([ˈviːˌbɔrj] oder [ˈviːˌbɔri]) zu Viipuri. Der heute amtliche russische Name Выборг ([ˈvɨːˌbɔrk]) entspricht der Aussprache des deutschen Namens ([ˈviːˌbɔrk]) bzw. der Transliteration des schwedischen Namens.
Weil Wiborg im 18. Jahrhundert eine überwiegend deutschsprachige Stadt im Russischen Reich war und die deutsche Form Wiburg – mit lehnübersetztem zweiten Wortbestandteil – von den deutschsprachigen Bewohnern der Stadt stammt, kann auch dieser Name nicht als Exonym gelten. Das gilt auch für deutsch Wiborg, das durch orthographische und lautliche Annäherung an den schwedischen Namen im 19. Jahrhundert entstand.
Wiborg liegt an der Eisenbahnlinie Helsinki–Sankt Petersburg im Nordwesten der Karelischen Landenge zwischen der Ostsee und dem Ladogasee. In der Stadt mündet der 1845–1856 erbaute Saimaa-Kanal (russisch Sajmenski kanal) in den Finnischen Meerbusen. Der Kanal verbindet die Ostsee mit dem See Saimaa bei Lappeenranta und der Finnischen Seenplatte.
Wiborg war im Mittelalter eine bedeutende Handelsstadt und in den Ostseehandel der Hanse eingebunden. Im 14. und 15. Jahrhundert bestand etwa ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung aus Deutschen, die einen großen Teil der wohlhabenderen Oberschicht bildeten. In den Nordischen Kriegen zwischen Schweden und Deutschen Ordensrittern auf der einen Seite und Alexander Newski von Nowgorod auf der anderen war Wiborg ein schwedischer Stützpunkt gegen die Nowgoroder Rus. Nach mehrmaligen vergeblichen Belagerungen (z. B. die Belagerung von Wiborg 1706) durch russische Truppen kapitulierte die Stadt in der zweiten Belagerung von Wiborg am 12. Juni 1710 vor dem russischen Admiral Graf Apraxin. Danach gehörte sie zum Russischen Kaiserreich, ab 1812 zum Großfürstentum Finnland. Im Jahre 1790 floh die schwedische Flotte aus der Wiborger Bucht im sogenannten Spießrutenlauf von Wiborg.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte Wiborg sechs Kirchen, eine gotische Burg, ein Gymnasium und eine Navigationsschule. Der Hafen der Stadt war wirtschaftlich bedeutsam durch den Holzhandel, eine Eisengießerei und den örtlichen Maschinenbau. Im Jahr 1886 hatte die Stadt 16.639 Einwohner und war Sitz des Gouverneurs der Provinz Wiborg, des Hofgerichts für die drei Gouvernements Kuopio, Mikkeli und Wiborg, eines lutherischen Konsistoriums und eines deutschen Konsuls.
Im Jahr 1906 trafen liberale Abgeordnete der kurz zuvor von Zar Nikolaus II. aufgelösten 1. Reichsduma in Wiborg zusammen und verabschiedeten das Wiborger Manifest, das zum zivilen Ungehorsam gegen den Staat aufrief.
Nach dem Ersten Weltkrieg fiel Wiborg an das unabhängig gewordene Finnland. Mit fast 50.000 Einwohnern war die Stadt damals die zweitgrößte des neuen Staates. Im Winterkrieg 1939/40 und im Fortsetzungskrieg 1944 (Wiborg-Petrosawodsker Operation) okkupierte die Sowjetunion den größten Teil Kareliens mitsamt Wiborg. Seitdem ist die Stadt russisch. Die seit den Zeiten der Hanse in Wiborg ansässige deutschsprachige Kolonie verließ 1940 mit den übrigen finnischen Einwohnern die Stadt oder wurde nach 1944 vertrieben.
Die im 19. Jahrhundert noch multiethnische Stadt mit finnischen, russischen, schwedischen und deutschen Bevölkerungsanteilen hatte nach der Unabhängigkeit Finnlands vor dem Zweiten Weltkrieg eine überwiegende finnische Bevölkerung (darunter vorwiegend Finnischsprachige, aber auch Finnlandschweden). Diese wurde am Ende des Fortsetzungskrieges, als Wiborg an die Sowjetunion abgetreten werden musste, vollständig ins verbleibende Finnland evakuiert. Gegenwärtig besteht die Bevölkerung der Stadt zu 90 % aus Russen und anderen Nationalitäten Russlands und der ehemaligen Sowjetunion. Die Anzahl der Einwohner erreichte 1989 ihren Höhepunkt, um seitdem abzunehmen.
In Wyborg sitzt die Abteilung der Nordöstlichen Akademie für Staatsdienst und eine Filiale der staatlichen Ingenieurökonomischen Akademie Sankt Petersburg.
In der Nähe von Wyborg befindet sich seit 1982 die HGÜ-Kurzkupplung Wyborg zum Austausch von elektrischer Energie zwischen dem skandinavischen und dem russischen Stromnetz. Sie besteht aus drei bipolaren HGÜ-Kurzkupplungen mit einer Betriebsspannung von 85 kV, die je für eine Übertragungsleistung von 355 Megawatt ausgelegt sind, die Gesamtübertragungsleistung erreicht also bis zu 1065 Megawatt. Im Mai 2022 wurde diese Kopplung unterbrochen.
Westlich von Wyborg beginnt die Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 1 der Schweizer Nord Stream AG.
In der Stadt verkehrten von 1912 bis 1957 elektrische Straßenbahnen in Meterspur. 1936 bestand das Netz aus drei Linien und insgesamt 18.442 m eingleisiger Strecke, wovon 6.864 m auf Linie 1, 7.431 m auf Linie 2, 1.991 m auf Linie 3 und 2.078 m auf Betriebsanlagen entfielen. Der Betreiber war einer von damals drei Straßenbahnbetrieben in Finnland.
Am 23. Dezember 1939 wird der Dienst infolge des Winterkriegs erstmals eingestellt. Vom 22. August 1940 bis August 1941 durch die sowjetischen Besatzer betrieben, folgt nach kriegsbedingter Pause und Rückeroberung eine Wiederaufnahme des finnischen Verkehrs vom 5. Mai 1943 bis zum 15. Juni 1944. Im September 1944 wird die Stadt an die Sowjetunion übergeben, die den Verkehr schließlich am 21. September 1946 erneut aufnimmt und ihn bis Oktober 1957 fortführt.
Der Zug von Sankt Petersburg nach Helsinki hielt bis zur Einstellung des Verkehrs am 27. März 2022 infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine mehrmals täglich in Wyborg.
Die öffentlich zugängliche Burg Wiborg wurde 1293 auf einer kleinen Insel als Bollwerk von Schweden errichtet. In den Innenräumen ist ein Museum über die Geschichte der Region untergebracht. Vom Burgturm (Olafturm) bietet sich ein Blick über die Stadt.
Verteidigungsanlagen der Stadt (letzte Erweiterungen 1547–1550) mit dem Rundturm „Fette Katharina“ am heutigen Marktplatz, in dem heute ein Restaurant untergebracht ist.