Die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (russisch Автономная Советская Социалистическая Республика Немцев Поволжья / Awtonomnaja Sowetskaja Sozialistitscheskaja Respublika Nemzew Powolschja) war ein politisches Gebilde in Sowjetrussland und der Sowjetunion, dessen Gebiet den Großteil des historischen Siedlungsgebietes der Wolgadeutschen umschloss, jedoch mit diesem nicht identisch war. Sie bestand vom 19. Oktober 1918 zunächst als sowjetische Arbeitskommune und vom 6. Januar 1924 bis zum 28. August 1941 als Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) innerhalb der Russischen SFSR.
Ursprünge und Umstände der wolgadeutschen Autonomie
Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte man allein in den Gouvernements Saratow und Samara ungefähr 600.000 deutsche Siedler. Als Bürger Russlands und damit Untertanen des russischen Zaren bevölkerten sie zum größten Teil ein Gebiet, durch das die Wolga floss, vergleichbar der Größe von Belgien (ca. 30.000 km²) ober- und unterhalb der Regionalmetropole Saratow (1916 ca. 250.000 Einwohner, davon ca. 7 % Deutsche). In den Augen des späteren Diktators Josef Stalin erfüllten die in Sowjetrussland kompakt siedelnden Wolgadeutschen bestimmte Merkmale einer Nation als einer „historisch entstandenen stabilen Gemeinschaft von Menschen“, die sich durch vier charakteristische Merkmale auszeichnete: „Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart.“ Dieses stalinistische Nationsverständnis lag der sowjetischen Nationalitätenpolitik vom Ende des Russischen Bürgerkrieges bis zur Auflösung der Sowjetunion zugrunde.
Unter der wolgadeutschen Bevölkerung fand das in der „Deklaration der Rechte der Völker Russlands“ vom 2. (15.) November 1917 versprochene Selbstbestimmungsrecht der Völker eine gewisse Zustimmung. Die neue Staatsführung betrachtete die Wolgadeutschen als ein genuin eigenständiges Volk und billigte ihnen das Recht auf nationale Entwicklung und Schaffung einer eigenen Territorialautonomie zu. Der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, wurde 1918 von Stalin, damals Volkskommissar für Nationalitätenfragen, mit der Führung des provisorischen Kommissariats für die Wolgadeutschen betraut.
Die Tätigkeit der Bolschewiki in Nationalitätenfragen zielte in erster Linie darauf, im Kampf mit ihren Gegnern die Unterstützung von Seiten der zahlreichen Völker zu bekommen. In der Resolution des X. Parteitages der RKP(B) im Jahre 1921 „Über die nächsten Aufgaben der Partei in der nationalen Frage“ hieß es entsprechend:
Die rechtliche Grundlage für die Ausrufung eines autonomen Territoriums bildete der Artikel 11 der Verfassung der Russischen Sowjetrepublik vom 10. Juli 1918, die den Sowjets der Gegenden mit einer andersnationalen Bevölkerung das Recht einräumte, autonome territoriale Provinzen zu gründen.
Zum anderen erwies sich der Siedlungsraum der Wolgadeutschen, in dem große Mengen von Nahrungsmitteln beschafft werden konnten, für die neuen Machthaber von lebenswichtiger Bedeutung. Man wollte die reichhaltigen Getreidevorräte in erster Linie für die Versorgung der beiden Revolutionszentren Moskau und Petrograd (seit 1924 Leningrad) verwenden und diese Kornkammer vor Requisitionen und Plünderungen der örtlichen Gouvernement-Sowjets oder vorbeiziehender Truppen schützen.
Neben den innenpolitischen und wirtschaftlichen Kalkülen spielten im Fall der Wolgadeutschen auch außenpolitische Erwägungen eine Rolle. Vor allem ging es um die Vorbildfunktion ihrer nationalen Autonomie. Das wurde besonders im Beschluss des 11. Gebietskongresses der Räte des Gebiets der Wolgadeutschen zur Proklamation der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdWD) unterstrichen:
Gründung des autonomen Gebiets
An den Anfängen der deutschen Autonomie stand Ernst Reuter, ein bekannter Funktionär der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und später von 1948 bis 1953 Regierender Bürgermeister von West-Berlin. Noch in sowjetischer Gefangenschaft wurde er ein aktiver Kommunist und Internationalist und leitete seit April 1918 als Josef Stalins Vertrauter das „Kommissariat für deutsche Angelegenheiten im Wolgagebiet“, das die Sowjetisierung der Wolgadeutschen verfolgte. Seine Tätigkeit endete im November 1918, als er von der Novemberrevolution erfuhr und nach Deutschland zurückkehrte.
Am 19. Oktober 1918 unterzeichnete Lenin als Regierungschef nach zweitägiger umfassender Beratung das Dekret über die Gründung der Arbeitskommune (des autonomen Gebiets) der Wolgadeutschen. Insgesamt wurden bis zum März 1919 214 Dörfer aus den Gouvernements Saratow und Samara ausgegliedert. Das wolgadeutsche Gebiet bestand deswegen aus mehreren, nicht immer miteinander verbundenen Territorien und Einsprengseln unterschiedlicher Größe, die nur deutsche Siedlungen umfassten. Die Gesamtfläche betrug zunächst 19.694 km². Das Zentrum der Arbeitskommune wurde im Mai 1919 von Saratow nach Katharinenstadt (am 4. Juni 1919 in Marxstadt umbenannt) verlegt.
Lenins Politik des Kriegskommunismus im Bürgerkrieg ruinierte nachhaltig die Wirtschaft der ländlichen Bevölkerung. Unter Gewaltandrohungen waren die Bauern gezwungen, große Mengen an Lebensmitteln an die Zentrale abzuliefern und für die Rote Armee Rekruten, Pferde und Futter bereitzustellen. Dabei kam es zu zahlreichen Willkürakten und Übergriffen. Bereits im Juli und August 1918 fanden bewaffnete Erhebungen in Balzer und im Bezirk Kamenka statt. Als Reaktion auf die besondere Brutalität von zwei Beschaffungskommandos und fortlaufende Zwangsmobilisierungen nahmen die Unruhen im Januar 1919 in Warenburg schnell den Charakter eines Volksaufstands an. Die aufgebrachten Siedler töteten mehrere Rotgardisten. Erst nach einer Woche konnte der Aufstand niedergeschlagen werden; als Sühnemaßnahme wurden 32 aktive Teilnehmer erschossen und dem begüterten Teil des Dorfes eine Kontribution in Höhe von 780.000 Rubel auferlegt.
Andersherum gab es unter den Wolgadeutschen schon vor 1914 einen beträchtlichen proletarischen Anteil, der sich vor allem aus solchen Bauern zusammensetzte, die ihre geringen Landanteile verkauft oder verpachtet hatten und deren Haupteinnahmequelle Saison- beziehungsweise Heimarbeit wurde. Nicht wenige Sympathisanten und deutsche Funktionäre rekrutierten sich aus dieser Gruppe, zu deren Radikalisierung zweifelsohne die Verbitterung während des Militärdienstes und die bolschewistischen Agitationen beitrugen. Schon im Sommer 1918 begann man mit der Aufstellung von freiwilligen Verbänden. Nach der Bestätigung der Autonomie formierte sich das Erste Katharinenstädter kommunistische deutsche Regiment, das mit 2.000 Mann am 15. Dezember an die Front in der Ukraine ging. Bis 1920 wurden weitere wolgadeutsche Einheiten der Roten Armee gebildet.
Die rücksichtslose Ausbeutung war der maßgebliche Grund dafür, dass die Arbeitskommune der Wolgadeutschen von der katastrophalen Hungersnot 1921–1922 am härtesten getroffen wurde, die sich in abgeschwächter Form 1924 wiederholte. Ein russischer Zeitgenosse äußerte sich darüber folgendermaßen:
Allein 1921 flüchteten mehr als 80.000 deutsche Bewohner aus dem Wolgagebiet und zogen nach Turkestan, in den Trans- und Nordkaukasus, nach Zentralrussland, in die Ukraine oder emigrierten nach Deutschland. Hinzu kamen 47.777 erfasste Todesfälle, in ihrer Mehrheit Hungeropfer. Wie viele Ausgewanderte an den Folgen der Hungersnot und grassierenden Krankheiten starben, lässt sich nicht ermitteln. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass auf dem Territorium der künftigen autonomen Republik vor dem Krieg 516.289 Deutsche gezählt wurden und die Volkszählung 1926 nur noch 379.630 verzeichnete, so wird das Ausmaß des Bevölkerungsrückgangs deutlich sichtbar.
Die aussichtslose wirtschaftliche Lage und der drohende Hungertod trieben die Masse der verzweifelten deutschen Bauern zu gewaltsamen Protestaktionen. Der eigentliche Anstoß kam von auswärts. Die eingedrungene „Aufstandsarmee“ unter der Führung des ehemaligen Offiziers Michail Pjatakow eroberte am 17. März 1921 Seelmann (heute Rownoje). Der Aufstand breitete sich rasch im gesamten Autonomen Gebiet aus. Staatliche Getreidespeicher wurden aufgebrochen und das requirierte Korn unter Bauern verteilt, das Vieh geschlachtet oder aus dem Ort getrieben. Einige Tage später begann die Belagerung der Bezirkszentren Balzer und Marxstadt, die aber nicht eingenommen werden konnten. Die ganze Erhebung war gekennzeichnet von äußerster Brutalität: Fast alle festgenommenen Kommunisten und Komsomolzen wie auch Rotgardisten und Mitglieder der Requirierungstrupps in den deutschen Siedlungen wurden ermordet, manchmal lebendig unter das Eis gesteckt, viele Sowjetaktivisten schwer misshandelt. Erst am 16. April konnte das Gebiet wieder vollständig unter bolschewistische Kontrolle gebracht werden. Die Bestrafung war nicht minder erbarmungslos: Hunderte Teilnehmer oder Sympathisanten, nicht selten auch Unbeteiligte, kamen während der Erstürmung ums Leben oder wurden später durch die eiligst gebildeten Tribunale verurteilt und sofort erschossen. Allein bei der Zurückeroberung der Siedlung Mariental (Tonkoschurowka, heute Sowetskoje) durch die Einheiten der Roten Armee am 3. April kamen etwa 550 Bauern um; weitere 74 wurden nach Urteilen eines Militärtribunals erschossen.