Karl Wolf Biermann (* 15. November 1936 in Hamburg) ist ein deutscher Liedermacher und Lyriker. Sein erster Gedichtband Die Drahtharfe gehört zu den erfolgreichsten Lyriksammlungen der deutschen Nachkriegsliteratur. Sein populäres Gedicht und Lied Ermutigung („Du, lass dich nicht verhärten / in dieser harten Zeit“) wurde als „heimliche Nationalhymne der DDR“ bezeichnet und fand Eingang in kirchliche Gesangbücher.
1953 siedelte Wolf Biermann als kommunistischer Jugendlicher in die DDR über. Mit der Zeit wandelte er sich zu einem scharfen Kritiker der SED und der DDR, weswegen 1965 gegen ihn ein Auftritts- und Publikationsverbot verhängt wurde. Die Staatssicherheit überwachte Wolf Biermann wie kaum einen anderen Künstler der DDR. Nach einem Konzert in Köln am 13. November 1976 entzog die SED-Führung dem Liedermacher die Staatsbürgerschaft und verweigerte ihm die Wiedereinreise. Dies führte in Ost- und Westdeutschland zu breiten Protesten und gilt vielen als Menetekel für das Ende der DDR.
Wolf Biermann engagierte sich danach in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung der Bundesrepublik, distanzierte sich in den folgenden Jahren aber vom Kommunismus, später auch von seinen sozialistischen Positionen.
In der Bundesrepublik ist er weiterhin künstlerisch tätig und bringt sich in politische Debatten ein.
Kindheit und Jugend in Hamburg 1936–1953
Wolf Biermann ist der Sohn von Emma und Dagobert Biermann. Der Vater war Jude, KPD-Mitglied und Arbeiter bei der Hamburger Werft Blohm + Voss und kämpfte gegen den Nationalsozialismus. Er wurde im Februar 1943 im KZ Auschwitz ermordet. Im Juli 1943 wurde das Wohnhaus der Familie in der Schwabenstraße in Hamburg-Hammerbrook durch einen Luftangriff zerstört. Die Mutter rettete sich mit dem Sohn Wolf durch einen Sprung in den Nordkanal. Danach wohnten sie mit der Oma Meume und einem Cousin in der Fritz-Schumacher-Siedlung in Hamburg-Langenhorn. Über 30 Familienmitglieder wurden im Zweiten Weltkrieg getötet.
Wolf Biermann besuchte die Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg-Winterhude und war dort Klassenkamerad von Klaus-Michael Kühne.
1948 wurde der 11-Jährige Mitglied der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken. Zu Pfingsten 1950 nahm er am 1. Deutschlandtreffen der Jugend in Ost-Berlin als Sprecher von 800 westdeutschen Thälmann-Pionieren teil und sprach ein Gelöbnis zur Einheit Deutschlands „Wir kennen keine Zonengrenzen. Wir kennen nur ein Deutschland mit der Hauptstadt Berlin“.
Erste Jahre in der DDR 1953–1965
Im Mai 1953 siedelte Wolf Biermann als Sechzehnjähriger in die DDR über. Er wohnte in Gadebusch bei Schwerin in einem Schulinternat und besuchte die dortige Oberschule. Wolf Biermann wurde Mitglied der FDJ und wurde nach eigenen Angaben bereits 1953 vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als Geheimer Informator (GI) angeworben, was er aber verweigerte. 1955 legte er das Abitur ab.
Seit diesem Jahr studierte Wolf Biermann in Ost-Berlin Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität, brach dies aber nach zwei Jahren ab.
Seit 1957 war er Regieassistent am Berliner Ensemble unter Helene Weigel und dort an mehreren Inszenierungen beteiligt. 1959 begann er ein Studium der Philosophie (unter anderem bei Wolfgang Heise) und der Mathematik an der Humboldt-Universität.
1960 lernte Wolf Biermann den Komponisten Hanns Eisler kennen, der ihn danach förderte und maßgeblich prägte. Er begann, eigene Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 wurde er Kandidat der SED und gründete das Berliner Arbeiter- und Studententheater (b.a.t.) in Berlin-Prenzlauer Berg mit weiteren jungen Künstlern. Spätestens seit 1962 trat Wolf Biermann bei kleineren Veranstaltungen mit einigen Liedern auf. In diesem Jahr erschienen auch erstmals einige Gedichte in einer Anthologie. Am 11. Dezember 1962 sang er bei dem legendären Lyrikabend in der Akademie der Künste und erhielt dort den meisten Beifall von allen Beteiligten.
Im März 1963 wurde sein Stück Berliner Brautgang (über den Berliner Mauerbau) am b.a.t. vor der Aufführung verboten und das Theater geschlossen. Wolf Biermann erhielt ein befristetes Auftrittsverbot für ein halbes Jahr. Er bekam für sein Philosophie-Studium trotz erfolgreich verteidigter Abschlussprüfung kein Diplom ausgehändigt. Außerdem wurde er nach Ablauf seiner Kandidatenzeit nicht als Mitglied der SED aufgenommen.
Danach durfte Wolf Biermann wieder öffentlich auftreten. 1964 hatte er seinen ersten Gastspielauftritt in der Bundesrepublik. Im April 1965 sang er in einem Kabarett-Programm von Wolfgang Neuss in Frankfurt am Main einige Lieder, die dann zusammen mit Texten von Neuss als Langspielplatte veröffentlicht wurden. Unter anderem trug Wolf Biermann Teile von Deutschland ein Wintermärchen vor, dessen erstes Kapitel Wolfgang Neuss bereits am 8. Mai 1965 in seiner satirischen Zeitschrift „Neuss-Deutschland“ veröffentlicht hatte. Rückblickend meinte Wolf Biermann dazu: „Das war die Kriegserklärung an die Herrschenden. Und damit war im Grunde auch Schluss.“
Margot Feist (später verheiratete Honecker) lebte nach dem Tod ihrer Mutter 1940 als 13-jährige einige Zeit in Hamburg bei der Tante und der Großmutter von Wolf Biermann. Sie erzählte, dass sie den sechsjährigen Wolf Biermann nur einmal 1943 erlebt habe, als er vom Tod seines Vaters im KZ Auschwitz erfahren habe. Nach Darstellung Biermanns bat seine Mutter die „Genossin Honecker“ 1963 in einem Brief, sich um ihren Sohn zu kümmern, damit dieser „nicht falsche Wege“ mit „falschen Freunden“ gehe. Bei einem Gespräch im Ministerium Unter den Linden hätten Biermann und Margot Honecker über politische Fragen diskutiert, etwa, ob Chruschtschows „mutiger Versuch“, sich vom Stalinismus zu lösen, richtig sei. Man habe einander geduldig zugehört und „ohne Falsch“ gesprochen.
Wie Biermann weiter in seiner Autobiografie schreibt, kam es 1965 auch zu einer Begegnung in seiner Wohnung in der Chausseestraße, bei der er mit ihr „Tacheles“ reden wollte. Sie habe lange auf ihn eingeredet, an sein Klassenbewusstsein appelliert und Pflichten gegenüber seinem Vater angemahnt. Wenn er „den richtigen Weg“ gehe, könne er der „größte Dichter“ der DDR werden. Das letzte Treffen, bei dem Margot Honecker noch einmal auf ihn eingeredet habe, sich nicht von der DDR zu entfernen, habe Anfang Dezember 1965, also kurz vor dem berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED, stattgefunden.
In den elf Jahren, in denen Wolf Biermann in der DDR nichts veröffentlichen konnte, erschienen seine Werke in der Bundesrepublik Deutschland, wo er vor allem als Kritiker der DDR wahrgenommen wurde. Biermann war den DDR-Behörden seit langer Zeit ein Ärgernis, da er sich auf die Traditionen des Marxismus bezog, um die bestehenden Verhältnisse im eigenen Land zu kritisieren. Er wandte sich gegen Untertanengeist und staatliche Bestrebungen, die Freiheiten der Bürger einzuschränken. Immer wieder bezog er sich dabei auf sein Idol Rosa Luxemburg („Die DDR braucht endlich – und wie! – / Rosas ‚rote Demokratie‘“).